• Drucken
  • Senden
  • Feedback
31.07.2008
 

Internet-Zensur bei Olympia

Im Reich der begrenzten Recherche-Freiheit

Aus Peking berichtet Lu Yen Roloff

Reisebüro, Fotoservice, Masseure - nur kein freier Internet-Zugang: Das Pressezentrum in Peking ist das größte, das jemals für Olympische Spiele gebaut wurde. Die Journalisten müssen unter strenger Kontrolle der Behörden arbeiten, doch manche können die Überwacher austricksen.

Zahlreiche Polizeischranken behindern die Zufahrt zum Pekinger Hauptpressezentrum, das sich im Norden des olympischen Viertels an Olympiastadion, Watercube und Digital Building reiht. Abgesichert ist auch der Eingangsbereich, wo sich eine Handvoll Journalisten in einem Café tummelt. Im Obergeschoss sind die meisten Redaktionsbüros noch mit Klebeband versiegelt - das Zeichen, dass die Sicherheitskräfte keine Bomben gefunden haben.

Neun Tage vor Beginn der Olympischen Spiele liegen die in olympischem Blau und Gelbgrün gehaltenen Flure des weltgrößten Pressezentrums weitgehend leer da. Nur die 850 hoch motivierten chinesischen Studenten, die als freiwillige Helfer aus Tausenden Bewerbungen ausgesucht wurden, warten in himmelblauen Helfertrikots auf die Neuankömmlinge. Für die Spiele wurden ihre Sommerferien verlängert. Stünden allein sie im Zentrum der Pressearbeit, hätte China ein sehr freundliches Gesicht.

Das fensterlose Hauptgebäude für die internationale Olympiaberichterstattung ist das bislang größte Pressezentrum, das jemals für Olympische Spiele gebaut wurde. 24 Stunden geöffnet, erstreckt es sich auf drei Stockwerken mit insgesamt 60.000 Quadratmetern Fläche, daran angegliedert sind zwei Hotels. Eine turnhallengroße Kantine im Keller versorgt die Journalisten mit Burgern von Olympiasponsoren, westlicher und asiatischer Küche - und natürlich mit der lokalen Spezialität: Pekingente.

Angst vor totaler Überwachung

Ausgestattet mit Post, Bankfiliale, Handy-Aufladestationen und Reisebüro sowie Reinigung, Fotoservice und Cafés ist das Zentrum für alle Anforderungen der Journalisten ausgestattet. Sogar Duschen gibt es in dem kleinen Fitnessstudio am Ende des "Bullpits", wie der öffentliche Arbeitsraum mit seinen 970 Internet-Arbeitsplätzen im Olympia-Slang genannt wird. Das Pressezentrum ist eine kleine Stadt, vom restlichen Peking gut abgeschirmt und nur über Telefon, Internet und große Fernsehbildschirme mit der Außenwelt verbunden. Und damit nahezu komplett unter Kontrolle der chinesischen Zensurbehörden.

Am Mittwoch gab das IOC zu, dass das Internet im Pressezentrum, wie überall in China, zensiert bleibe. Tatsächlich kann die australische Sportjournalistin Jacquelin Magnay von ihrem Laptop im "Bullpit" die Seiten von Radio Free Asia oder Amnesty International nicht aufrufen. "Nach diesem Test werden die jetzt wahrscheinlich meinen Computer überwachen", sagt sie.

Die presseinterne Olympiadatenbank "Info 2008" beinhalte zwar Informationen zu Sportlern, Ländern und Olympiageschichte, berichtet Magnay, doch in den Abschriften der Pressekonferenzen tauchten als brisant erachtete Informationen nicht auf. "Aus einer Mitschrift wurde zum Beispiel die Frage einer Kollegin herausgestrichen", sagt Magnay. "Sie wollte wissen, ob in den extra geschaffenen Demonstrationszonen auch Falun-Gong-Anhänger und Tibeter demonstrieren dürfen."

Per Internet-Tunnel in die Heimat

So zieht sich die Zensur durch alle Informationsquellen, die den Journalisten aus aller Welt zur Verfügung gestellt werden. In der mit chinesischen Lampions dekorierten Bibliothek finden die Reporter zwar Fachliteratur zu Sporttheorie und der Geschichte Olympias, aber kein einziges Buch über das chinesische Sportsystem. "Olympische Pressefreiheit", das soll nach Wunsch der Regierung unpolitischen Sportjournalismus bedeuten.

Viele Journalisten benutzen deswegen zusätzlich ein sogenanntes "Virtual Private Network", kurz VPN. Bereits für acht Euro im Jahr lässt sich mit wenigen Arbeitsschritten am Rechner ein Tunnel zu ausländischen Servern einrichten, über die sich die chinesische Internetzensur umgehen lässt. Große Redaktionen wie die Nachrichtenagentur AP verzichten ganz auf das öffentliche Internet und leiten ihre Daten über ein privates Wide Area Network (WAN) direkt in die Heimatredaktionen. "Technisch funktioniert das soweit einwandfrei", sagt Marvin Weydert, Cheftechniker des AP-Büros.

Die Technik sei aber nur die eine Seite der Medaille, meint der Berliner "Tagesspiegel"-Korrespondent Benedikt Voigt. "Es geht eher um den Geist, der hinter der Entscheidung des IOC und des chinesischen Olympiakomitees Bocog steht."

Vage Rhetorik der chinesischen Organisatoren

Dieser Geist wird auch bei der Pressekonferenz zum Thema "Kulturveranstaltungen während der Olympischen Spiele" deutlich. Vor einem hauptsächlich lokalen Publikum ist ein Paradebeispiel für die vage Rhetorik der chinesischen Organisatoren zu bewundern. Statt Inhalte zu erläutern, macht Kulturprogramm-Direktor Zhao Dongming Stimmung: "Wir sind stolz und gewiss, dass wir mit unser guten Vorbereitung Erfolg haben werden". Was genau bei der olympischen Briefmarkenausstellung zu sehen sei, will eine Redakteurin von "Beijing Youth Daily" wissen. Wie alle Journalisten wird sie gefilmt und fotografiert, während sie ihre Frage stellt - angeblich, damit die Fragenden auf einer presseinternen Webseite gezeigt werden können.

Die Antwort des Funktionärs ist eine enthusiastische Phrasendrescherei: "Wir sind sehr zuversichtlich, dass die Ausstellung die Menschen erfreuen wird", doziert er und schwärmt dann von "35 ausländischen Experten, nationalen Experten" und vielem mehr. Erst nach minutenlangen Ausführungen gibt Zhao die konkrete, simple Antwort: Die Ausstellung zeige olympische Briefmarken aus aller Welt. "Kontext, Hintergrund und Kern der Botschaft", sagt eine australische Journalistin frustriert, "erfährt man in diesen Pressekonferenzen nie." Ihren Namen will sie zu Beginn ihrer Pressetätigkeit in China lieber nicht nennen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft
alles zum Thema Olympische Sommerspiele 2008

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP