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04.08.2008
 

Raucher-Talk bei Anne Will

Bulette oder Zigarette

Von Christoph Cadenbach

Rauchen ist schädlich, was will man da diskutieren? Anne Will versuchte es trotzdem. Ihre Debatte zwischen Kippen-Kumpels und Qualmverächtern wäre beinahe so muffig geworden wie ein voller Aschenbecher - hätte es da nicht den unterhaltsamen Kneipenkontrolleur gegeben.

Manchmal schmeckt eine Zigarette nur bis zur Hälfte gut. Während der ersten Züge ist man noch berauscht vom Nikotin, das - im Blutkreislauf angekommen - Adrenalin freisetzt; von der bläulich schimmernden Rauchspur, die sich wie ein tanzender Faden von der Glutkante aus Richtung Himmel schlängelt; von den dicken Schwaden, die man aus seinem Mund bläst. Doch je öfter man zieht, desto gewöhnlicher, ja ungesunder schmeckt die Kippe. Aus dem anfänglichen Genuss wird eine Sucht, die man schlicht befriedigt.

Moderatorin Will, Kneipenkontrolleur von Nell: Knackige Sprüche aus dem Leben
NDR

Moderatorin Will, Kneipenkontrolleur von Nell: Knackige Sprüche aus dem Leben

Anne Wills Raucherrunde am Sonntagabend hat einen ähnlichen Eindruck hinterlassen: in den ersten 25 Minuten durchaus inspirierend, später dann muffig wie ein voller Aschenbecher. Denn die Frage, ob Rauchen nun tatsächlich der Gesundheit schadet, ist so leblos rückwärtsgewandt wie Kippen von der vergangenen Partynacht. Aber der Reihe nach.

"Grünes Licht für blauen Dunst - Rauchverbot ade?" war die Frage, die Anne Will ihren Gästen stellte, und es ging natürlich um das in der vergangenen Woche ergangene Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Die Richter hatten die Rauchverbote für Einraumkneipen, wie sie in den meisten Bundesländern gelten, als verfassungswidrig erklärt. Hintergrund dieses Urteils ist: Größere Betriebe dürfen, zumindest in Teilen Deutschlands, Raucherräume einrichten. Kneipen mit nur einem Raum haben diese Möglichkeit nicht, dadurch verlieren sie eine Menge Kunden. Sie müssen wirtschaftliche Nachteile in Kauf nehmen, die ihnen nicht zuzumuten seien, so das Verfassungsgericht.

Da die Richter aber ausdrücklich darauf hingewiesen haben, dass bei einem absoluten Rauchverbot die Probleme und derzeitigen Spitzfindigkeiten des Urteils sozusagen in Qualm aufgingen, waren in Wills zum Streiten bestellter Gästerunde anfangs alle zufrieden.

Die Frontkämpfer des dunstfreien Amüsements, Lothar Binding (SPD) und Barbara Rütting (Grüne), sahen den Nichtraucherschutz gestärkt und träumten bereits von raucherzimmerfreien Großraumkneipen. Raucheranwalt Michael Scheele freute sich für die Wirte und seine 16 Millionen deutschen Kippen-Kumpels, endlich wieder in der Eckkneipe quarzen zu dürfen. Und gut für das eigene Geschäft sei das komplizierte Urteil ohnehin, versicherte der Anwalt. "Wer klagen kann, kann sich nicht beklagen." Eine ehrliche und aufschlussreiche Bemerkung.

Die Tücken liegen im Detail

Spannend war auch die Geschichte von Kneipenkontrolleur Burghard von Nell. Mit einer Hand voll Kollegen klappert der Angestellte des Berliner Ordnungsamts die etwa 4000 Bars und Restaurants im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ab. Ein Einspielfilm zeigte ihn bei der Arbeit, und man hätte dem lieben Herrn von Nell gerne noch länger dabei zugesehen, wie er Dönerverkäufern und Stammtischlern erklärt, dass sie keinesfalls nun wieder genüsslich hinter der Theke oder am Tresen qualmen dürfen.

Denn die Tücken des Karlsruher Urteils liegen ja im Detail: Nur in Betrieben, die kleiner sind als 75 Quadratmeter, die keine zubereiteten Speisen anbieten, und die Kundschaft erst ab 18 Jahren einlassen, darf wieder geraucht werden.

Was denn nun genau unter die "zubereiteten Speisen" falle, wollte Will nach dem Film vom Kneipenkontrolleur wissen. "Ich sag' immer", begann von Nell, "Bulette oder Zigarette." Ein Glücksgriff für jede Talkshow, dieser Mann! Formuliert knackige Sätze und erzählt aus der Praxis, aus dem Leben, das in Polit-Talks ja meistens außen vor bleibt. Doch nach fünf Minuten Couchgespräch kehrte Will in ihre Runde zurück und damit unvermeidlich in die deprimierende Ergebnislosigkeit, unter der solche Debatten in der begrenzten Sendezeit einer Fernsehshow nun einmal leiden.

Am liebsten kümmert man sich dann ums Grundsätzliche, in diesem Fall die oben besagte Frage: Ist Rauchen ungesund? Nun ja, selbst die Geschäftsführerin des Deutschen Zigarettenverbands, Marianne Tritz, konnte da natürlich nur eine Antwort drauf geben. Die bayerische Grüne Barbara Rütting sprach drohend von 140.000 toten Rauchern im Jahr, als sei es der geplante Massensuizid einer Sekte. Anwalt Michael Scheele hielt die 14,2 Milliarden Euro Einnahmen durch die Tabaksteuer dagegen, warnte vor den Gefahren des Vor-der-Tür-Rauchens ("Sprechen Sie mit den HNO-Ärzten") und resümierte: "Der Kampf für die Freiheit wird sich lohnen." Wenn man solch überzogene Sätze hört, wünscht man sich auch als Raucher das absolute Verbot - nur damit das Gerede endlich aufhört.

Mehrfach diskutiert, aber immer noch berechtigt war der Einwand des FDP-Gesundheitspolitikers Daniel Bahr. Warum man die Wirte nicht wählen lasse, ob sie eine Raucher- oder eine Nichtraucher-Kneipe führen wollen? Niemand würde schließlich gezwungen, in eine Bar zu gehen. Das Argument der Gegenseite ist: Weil damit die unbeschränkte Berufswahl unterlaufen wird, die Angestellten müsste sich notgedrungen dem Rauch aussetzen. Private Recherchen im eigenen Umfeld, die natürlich nicht repräsentativ sind, haben allerdings ergeben, dass das Thekenpersonal in der Regel selber raucht.

Rauchen ist am Ende halt immer ein mit Emotionen beladenes Thema, bei dem jeder schnell irrational wird. Aber genau diese persönliche Note macht es ja so spannend, wie in den Geschichten des Kneipenkontrolleurs.

Sabine Bätzing, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, hat einmal gesagt: "Tabakkonsum ist das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko unserer Zeit." In Anlehnung daran war die zweite Hälfte des Anne-Will-Talks die größte vermeidbare, weil altbekannte Grundsatzdebatte.

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