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Das System George Clooney, Teil 2 Der panische Superstar

2. Teil: Nicht von schlechten Eltern

Ist Clooney so etwas wie der letzte Weltstar? Er ist einer für Jung und Alt und Mann und Frau, für Europa, Afrika, Asien und Amerika, und als besserer Politiker und besserer Amerikaner gilt er seit langem, eine Projektionsfläche für jeden.



Es beginnt die Zeit des Internet-Fernsehens, Kinos sterben, wahrscheinlich folgt bald schon das Ende der Blockbuster und damit der Superstars. Die Schnittmengen des Publikums werden kleiner, wenn der eine dies auf YouTube findet und der andere jenes bei Facebook plaziert. Hollywood verliert ähnlich an Macht wie Plattenfirmen, Eltern kennen die Stars ihrer Kinder nicht mehr, aber noch kennen alle George Clooney.

Schnell ist die Zeit dieses Gesprächs abgelaufen, und Clooney selbst hütet den zweiten, den Schlüssel zu seiner privaten Welt. Ja, sagt er, seine Eltern seien zu sprechen, er würde Bescheid sagen, "ruf sie einfach an, sag ihnen nur nicht, wie ich in Wirklichkeit aussehe". Und ja klar, sagt er, gerne könnte es ein drittes, richtiges Gespräch geben, wie wäre es mit einem Bier in New York? Der Kerl weiß, wie's geht.

So weit stehen die Türen in Clooneys Reich anschließend offen, dass seine Freunde zurückrufen und berichten, der George sei der treueste aller Kumpel, der beste aller Gastgeber, der phantasievollste aller Patenonkel. Er sei auch der klügste politische Kopf, dem sie je begegnet seien, ein konsequenter Geist, einer der wenigen freien Menschen. Kein kritisches Wort - Clooneys Freunde eben.



Eines Abends schließlich ist eine fremde Stimme auf dem Anrufbeantworter: "Hier ist Nick Clooney", sagt der Fremde, es könnte ja sein, dass man seinen Nachnamen nicht kennt, darum buchstabiert er: "C-L-O-O-N-E-Y". Dann lädt der Unbekannte nach Kentucky ein, zum Kaffee, zum Essen, "Sie können auch über Nacht bei uns bleiben".

Kentucky ist Tabakland, man darf dort rauchen in Kneipen und in Restaurants. "Man muss hier rauchen", sagt Nick Clooney, "und man muss Whiskey trinken und auf Pferde wetten, wenn man in Kentucky dazugehören will."

Augusta, laut Ortsschild Heimat von Heather Renee French, Miss America von 2000, liegt am braun-grauen Ohio River, einem dieser mächtigen amerikanischen Ströme. Die Straßen ein Schachbrett, 510 Häuser, 1500 Einwohner, zwei Tankstellen, sieben Restaurants, die halbe Main Street steht zum Verkauf; Augusta ist eine dieser amerikanischen Kleinstädte, die den eigenen Verfall beobachten: weil die Immobilienkrise das Land quält, weil die Jungen gehen, weil die Plastikfabrik längst leersteht.

Es gibt so viele Städte wie diese auf diesem Kontinent: Niemand kuriert sie mehr, Schlaglöcher bleiben Schlaglöcher, tiefer nur als letztes Jahr. Es ist nicht viel übrig von dem schönen amerikanischen Traum, dass harte Arbeit sich lohne, dass die Gegenwart und die Zukunft und damit ja das ganze, großartige Schicksal dieser ganzen, großartigen Nation formbar seien. Hier nicht, nirgendwo. Wenn man hier ist, im Herzen der Staaten, ahnt man, warum der Sohn nicht mehr zufrieden ist damit, nur ein toller Schauspieler zu sein. Damit nicht auch die Kirche von Augusta umfällt, haben die Clooneys sie gekauft und restauriert.

308 East 4th Street ist ein grünes Holzhaus mit US-Flagge im Vorgarten, drinnen gelbe Wände, Parkett, ein Kamin, Poster vom Orient Express. Alles recht vollgestellt hier. Die Fotos vom Sohn hängen in einem der Hinterzimmer: George in der High School, George mit Schnauzer, George mit Prinz-Eisenherz-Frisur.

Und Nick Clooney trägt schwarze Hose und weißes Hemd und grauen Pulli, er hat weiße Haare, zur Seite gekämmt, er sieht aus wie ein Elder Anchorman, einer eben, der viele Jahre vor der Fernsehkamera gelebt hat. Und Nina, seine Gattin, trägt ein beigeweißes Shirt, eine zarte, schlanke Frau, einstige Schönheitskönigin, jetzt sitzt sie neben Nick auf der Couch, und auf ihrem Schoß sitzt Spags, 16 Jahre alter, gehfauler Hund der Familie, getauft nach den Spaghetti, Georges Leibspeise, die es auch an jenem Abend gab, als der traurige Mischling der Familie zulief.

"George wollte als Kind immer nur Spaghetti, auch zum Frühstück", sagt Nina und krault Spags.

"Mit Hackbällchen", sagt Nick.

Ein Tag mit den Eltern Clooney ist ein Vergnügen. Sie sind so stolz auf ihren Sohn, und sie scheinen im Reinen mit dem Leben zu sein, trotz der Trauer um die Toten der Familie, trotz der Familienkrankheit, dieser ewigen Furcht vor dem Fall. Sie fassen sich an, lächeln sich an, führen durchs Haus, laden zum Essen und zeigen ihr Dorf.

Einmal, sagt Nina unten am Fluss, "war der Ohio River zugefroren, und alle Eltern von Augusta waren panisch: 'Wenn ihr das Eis betretet', sagten wir den Kindern, 'dann müsst ihr euch nicht darum sorgen, ob ihr überlebt, dann bringen wir euch um.' Und wissen Sie was? Die Kinder nickten ganz betroffen, und erst Jahre später erfuhren wir, dass sie natürlich doch hinübergegangen waren. Bis auf die andere Seite. Es hätte ein Massenertrinken geben können, und wissen Sie, wer sie alle angeführt hat?"

Der freche George, klar. Nur Eltern erzählen so.

Nina kommt von einer Tabakfarm, sie wollte Designerin werden und nähte ihre Kleider selbst, zwei Jahre lang studierte sie, aber nach der Hochzeit hörte sie damit auf. Nick stammt aus einer Familie von Bauern, es gab aber auch einen Bürgermeister, einen Geschäftsmann, eine Malerin bei den Clooneys. Seine Schwestern sangen, Rosemary und Betty, die Clooney Sisters, Rosemary machte Karriere in den Fünfzigern. Die Rosie, sagt Nick, habe die Latte hochgelegt für die Familie: "Sie veränderte die Definition von Erfolg für uns alle. Nur noch extreme Bestleistung zählte."

Nick liebte die Stimmen aus dem Radio, Ed Murrow und William Shirer, diese großen Reporter, die vom Krieg und der Depression erzählten, Helden aus anderer Zeit, die George mit Filmen wie "Good Night, and Good Luck" zurückholen will. Nick fing damals beim Lokalradio an, das Lokalradio sponserte einen Schönheitswettbewerb, die Teilnehmerinnen kamen ins Studio, und da stand sie: Nina, Schönheit vom Land.

Sie heirateten 1959, und die Kinder, Ada und George, wurden 1960 und 1961 geboren. Nick, der Vater, war manchmal oben und reich, aber dann wurden seine Shows doch wieder eingestellt. Sie zogen viel um, und wenn die anderen ihn beneideten - "dein Daddy ist im Fernsehen" -, dann sagte George: "Und morgen ist er wieder arbeitslos." Die Familie kreiste um den Vater, und es dauerte, bis sie das Haus in Augusta kaufen konnten.

Sie sagen, dass ihr Sohn ständig mit dem Fahrrad unterwegs gewesen sei und sich aus Konflikten mit Scherzen gerettet habe. Sein Humor hat sich seither entwickelt; neulich zum Beispiel, als er hörte, dass die Terroristen des 11. September im Paradies 70 Jungfrauen begegnen würden, sagte Clooney: "Was soll ich mit 70 Jungfrauen? Acht Professionelle sind mir lieber."
teenager
"Weißt du noch, was sein erster Witz war?", fragt Nina.

"Ja, damals beim Kinderarzt", so Nick.

Nun wieder Nina: "George stand da, halbnackt, und fragte den Arzt: 'Sitzt ein Elefant auf einem Zaun - wie spät ist es?' Der Arzt: 'Weiß nicht.' Und unser George: 'Zeit für einen neuen Zaun.'"

Eltern, wie gesagt.

Lesen Sie morgen den dritten Teil der George-Clooney-Saga. Und erfahren Sie, was der Star von Clinton und Obama gelernt hat.


"Burn After Reading". Regie: Joel und Ethan Coen, Deutschland-Start 11.9.2008. Filmfestspiele Venedig, 27.8.-6.9., www.labiennale.org/it/cinema

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