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Linksruck der SPD Hohn mit dem Mindestlohn

3. Teil: Gefühlspolitik statt Gerechtigkeit

Wie viel Lohn ein Arbeitgeber tatsächlich zahlt, liegt ja nur zum Teil an der Wertschöpfung, die sein Angestellter erbringt. Zum anderen Teil liegt es an der Macht, die ein Arbeitgeber gegenüber dem Mitarbeiter besitzt. Diese sogenannte Marktmacht fällt besonders hoch aus, wenn der Arbeitnehmer wenig Ausweichmöglichkeiten zu anderen Arbeitgebern hat, leicht ersetzt werden kann, auf jeden Euro Verdienst angewiesen und nicht gewerkschaftlich organisiert ist.

Auf Geringverdiener treffen meist alle vier Faktoren zu. In solchen Fällen kann der Arbeitgeber durch eine geringe Entlohnung seines Mitarbeiters eine höhere Rendite einstreichen, als es im ökonomischen Modell eines perfekten Arbeitsmarkts möglich sein dürfte. So weit die theoretische Definition jenes Sachverhalts, für den Linke einen simplen, aber durchaus zutreffenden Begriff kennen: Ausbeutung.

Cover von Rickens' "Links": SPIEGEL ONLINE präsentiert exklusiv Auszüge aus dem neuen Buch

Cover von Rickens' "Links": SPIEGEL ONLINE präsentiert exklusiv Auszüge aus dem neuen Buch

Ein mäßiger Mindestlohn von, sagen wir mal, fünf Euro in der Stunde würde vermutlich nicht dazu führen, dass wir alle in schmuddeligeren Hotelzimmern schlafen. Er würde vor allem die Gewinnspannen jener Dienstleistungsunternehmen sinken lassen, die Putzkolonnen an Hotels vermieten.

Anders sieht es natürlich aus, wenn der Mindestlohn weit über dem bestehenden Marktniveau festgesetzt wird wie etwa bei den Postdienstleistungen: Der dort geltende Mindestlohn von knapp zehn Euro kostet eindeutig Arbeitsplätze, wie sich an den Massenentlassungen beim privaten Postdienstleister PIN Group ablesen lässt. Es spricht also aus volkswirtschaftlicher Sicht nicht wirklich etwas gegen einen niedrigen Mindestlohn. Der linke Wirtschaftswissenschaftler Peter Bofinger plädiert zum Beispiel für vier Euro. Lassen wir es meinetwegen auch fünf oder sechs sein.

Aber spricht eigentlich irgendetwas für einen solchen Mindestlohn – außer der Genugtuung, damit einem diffusen Gerechtigkeitsgefühl Genüge zu tun? Erinnern wir uns an das sozialdemokratische Ziel, das Scholz postuliert: Wer Vollzeit arbeitet, soll am Ende des Monats nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen sein.

Zum Autor

Helene Endres
Christian Rickens, 1971 geboren, volontierte an der Deutschen Journalistenschule in München. Nach drei Jahren als freier Wirtschaftsjournalist, unter anderem für "Brand Eins" und "Die Zeit", kam er im Frühjahr 2000 als Redakteur zum manager magazin. In den vergangenen Jahren erschienen von ihm "Die neuen Spießer" und "Links! Comeback eines Lebensgefühls". Derzeit arbeitet er an seinem neuen Buch "Ganz oben", einem Streifzug durch die Lebenswelt der deutschen Oberschicht. Es erscheint im kommenden Frühjahr.

Auch mit sechs Euro Stundenlohn erfordert es viel sozialdemokratische Augenwischerei, um diese Bedingung zu erfüllen: Sechs Euro mal 160 Arbeitsstunden pro Monat macht 960 Euro brutto. Der Krankenversicherungsbeitrag, der auf diesen Bruttolohn fällig wird, nämlich rund 130 Euro, deckt bei weitem nicht die wahren durchschnittlichen Kosten, die ein gesetzlich Versicherter verursacht. Die liegen eher bei 180 Euro. Auch der Rentenversicherungsbeitrag auf diesen Bruttolohn ist derart niedrig, dass er zwangsläufig zu einer Rente unterhalb des Sozialhilfesatzes führt.

Spätestens mit Erreichen des Rentenalters wird der Mindestlohnbezieher zum Sozialfall. Vorher wird er zwar nicht offen vom Sozialamt unterstützt, aber verdeckt von der Gemeinschaft der gesetzlich Krankenversicherten – also nahezu ausschließlich von anderen Arbeitnehmern mit kleinem oder mittlerem Einkommen.

Durchschnittsverdiener subventionieren dann Geringverdiener – ist das das neue sozialdemokratische Verständnis von sozialer Gerechtigkeit?

Selbst bei einem noch höheren Mindestlohn wäre die Scholzsche Forderung nur für einen alleinstehenden Arbeitnehmer erfüllt. Wer eine Familie ernähren muss, bleibt weiterhin auf ergänzende staatliche Unterstützung angewiesen. Bei einem Großteil der sogenannten Aufstocker, die Vollzeit arbeiten und dennoch nur mit ergänzender Staatshilfe aufs Existenzminimum kommen, handelt es sich um die Ernährer von Familien.

Fazit: Das SPD-Mantra, wer Vollzeit arbeitet, müsse von seinem Lohn leben können, lässt sich bei einem niedrigen Mindestlohn nicht erfüllen. Bei einem hohen Mindestlohn wiederum besteht die Gefahr, dass er doch in größerem Umfang Arbeitsplätze vernichtet. Und selbst in diesem Falle würde die SPD-Forderung nur für Alleinstehende zutreffen.

Was bleibt also bei genauerer Betrachtung der Mindestlohnforderung? Ein Stück Gefühlspolitik, die sich im Wahlkampf rhetorisch gut verwerten lässt und die im besten Fall nicht schadet.

Wer die materielle Lage von Geringverdienern wirklich verbessern will, der sollte lieber dafür sorgen, dass sie von ihrem Bruttoeinkommen netto mehr übrig behalten. Zum Beispiel durch einen Grundfreibetrag bei den Sozialabgaben, finanziert aus der Steuerkasse, wie ihn etwa Bofinger fordert.

Und wer sich tatsächlich um die Würde von Geringverdienern sorgt, der sollte sie materiell in die Lage versetzen, einen miesen Job auch ablehnen oder kündigen zu können, ohne zur Strafe von der Sozialbürokratie drangsaliert zu werden – zum Beispiel durch Elemente einer bedarfsunabhängigen, steuerfinanzierten Grundsicherung.

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insgesamt 31 Beiträge
Strichnid 22.08.2008
Noch so ein leicht durchschaubarer Versuch, "links" zu vereinnahmen um es unschädlich zu machen. Das wird nicht funktionieren. Die harten Fakten, die viele Menschen in Deutschland spüren, lassen das nicht zu.
Zitat von sysopSo links war lange nicht: Dank Andrea Nahles und ihren Genossen vom linken Flügel gibt sich die SPD supersozial. Doch wie Christian Rickens in seinem neuen Buch "Links!" analysiert: Bei der zentralen Forderung nach dem Mindestlohn geht es um Gefühlspolitik statt um Gerechtigkeit. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,573319,00.html
Noch so ein leicht durchschaubarer Versuch, "links" zu vereinnahmen um es unschädlich zu machen. Das wird nicht funktionieren. Die harten Fakten, die viele Menschen in Deutschland spüren, lassen das nicht zu.
purawida 22.08.2008
das alte schema aus der französischen revolution sollte langsam beerdigt werden, denn: a: es gibt schon längst genauere begriffe für die grundhaltung der parteien, z.b. konservativ, neoliberal, sozial, ökologisch b: die [...]
das alte schema aus der französischen revolution sollte langsam beerdigt werden, denn: a: es gibt schon längst genauere begriffe für die grundhaltung der parteien, z.b. konservativ, neoliberal, sozial, ökologisch b: die sitzordnung im parlament nun wahrlich nicht mehr zeitgemäß ist und dann ja auch keiner mehr ganz rechts sitzen dürfte...oder ganz links c: die weltpolitik derzeit doch wohl von rein wirtschaftlichen interessen geleitet wird und sich die einordnung in china=links da kommunistisch ja wohl selbst nur noch karikieren. die welt ist heute rein kapitalistisch sortiert und kategorisiert, die versuche in südmerika mal ausgenommen. sogar die menschenrechte werden entpolitisiert und als alimentrechte ausgegliedert. wenns passt, ja, sonst nein.
Berlinjoey 22.08.2008
Sehr schöne Analyse! Herr Rickens beweist, daß es den Linksparteien nur um Ideologie geht, zu Lasten der Wirtschaftskraft sowohl der Arbeitnehmer als auch der Unternehmen. Die sozialistische Dialektik am Beispiel Mindestlohn ist [...]
Zitat von sysopSo links war lange nicht: Dank Andrea Nahles und ihren Genossen vom linken Flügel gibt sich die SPD supersozial. Doch wie Christian Rickens in seinem neuen Buch "Links!" analysiert: Bei der zentralen Forderung nach dem Mindestlohn geht es um Gefühlspolitik statt um Gerechtigkeit. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,573319,00.html
Sehr schöne Analyse! Herr Rickens beweist, daß es den Linksparteien nur um Ideologie geht, zu Lasten der Wirtschaftskraft sowohl der Arbeitnehmer als auch der Unternehmen. Die sozialistische Dialektik am Beispiel Mindestlohn ist bestensfalls als Sozialträumerei zu bezeichnen, oder auch als skrupellose, volksverdummende Machtpolitik. Der politischen Linke um Nahles, Wowereit, Lafontaine und Gysi geht es um Machtergreifung und Staatsterror gegen die Leistungsträger in diesem Lande.
Herr Fuchs 22.08.2008
... zur verunglimpfung von mindestlöhnen. Für wie blöd hält der Hr. Rickens eigentlich seine leser?! Ich hab es langsam satt, dass SPON unaufhörlich neoliberale propaganda völlig kritik- und (mittlerweile auch) niveaulos [...]
Zitat von sysopSo links war lange nicht: Dank Andrea Nahles und ihren Genossen vom linken Flügel gibt sich die SPD supersozial. Doch wie Christian Rickens in seinem neuen Buch "Links!" analysiert: Bei der zentralen Forderung nach dem Mindestlohn geht es um Gefühlspolitik statt um Gerechtigkeit. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,573319,00.html
... zur verunglimpfung von mindestlöhnen. Für wie blöd hält der Hr. Rickens eigentlich seine leser?! Ich hab es langsam satt, dass SPON unaufhörlich neoliberale propaganda völlig kritik- und (mittlerweile auch) niveaulos unterstützt und produziert. ok, dass man sich mittlerweile nur noch abseits der mainstream-medien vernünftig informieren kann is ja längst kein geheimnis mehr.
DirkPiper 22.08.2008
Die Forderungen nach mehr oder weniger Steuern und Abgaben (jeweils aus der oder aus der anderen Ecke) beachten den entscheidenden Fakt nicht: Diese Änderungen im Abgabensystem betreffen den Arbeitnehmer mittelfristig gar nicht so [...]
Die Forderungen nach mehr oder weniger Steuern und Abgaben (jeweils aus der oder aus der anderen Ecke) beachten den entscheidenden Fakt nicht: Diese Änderungen im Abgabensystem betreffen den Arbeitnehmer mittelfristig gar nicht so stark wie gewünscht. Eine Erhöhung der Abgabenlast wird (zumindest teilweise) in Form von Lohnforderungen an die Arbeitgeber weitergereicht. Eine Senkung der Abgabenlast (insebesondere bei großer Marktmacht gegenüber dem Arbeitnehmer) machen sich die Arbeitgeber zunutze und üben Druck auf die Löhne aus. Das alte Problem ist die Ideologisierung des gesamten Themas. Letztendlich gibt es nur einen Weg - den in der Mitte: Eine geschickte Balance zwischen freien Marktkräften und staatlicher Regulierung.
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