Von Peter Luley
Es soll ja Leute geben, denen beim Stichwort Latein eher unangenehme Dinge einfallen: wohlfeile Weisheiten, Vokabelnpauken und Deklinationstabellen etwa. Aber solche Vorurteile sind überholt: Die Sprache der alten Römer erlebt derzeit einen Boom. Die Zahl der Lateinschüler an deutschen Schulen ist in den vergangenen acht Jahren um 30 Prozent gestiegen. Den endgültigen Beweis für die Vitalität der Lingua Latina will nun am morgigen Samstag der öffentlich-rechtliche Kulturkanal 3sat führen.
24 Stunden, einen ganzen Thementag lang, widmet sich der Sender in Dokumentationen und Spielfilmen dem Imperium Romanum. Den Höhepunkt der Unternehmung bildet um 19.20 Uhr eine Sonderausgabe des Magazins "Kulturzeit", die komplett in Latein gehalten ist.
Konkret bedeutet das: Nicht nur wird Moderatorin Andrea Meier auf Lateinisch durch die Sendung führen, auch die Beiträge und Interviews wurden synchronisiert (und Deutsch untertitelt). Das klingt absurd, ist aber nicht elitär, sondern erstaunlich gegenwärtig und charmant geraten - was vor allem an Andrea Meier liegt.
Latein mit Sex-Appeal ist was Neues
"Salvete domini dominaeque", begrüßt die Schweizerin in sanftem Singsang das Publikum, spricht dabei – der neuesten Lehrmeinung folgend – das "ae" wie "ai" aus und "c" wie "k", so dass Caesar wie "Kaisar" klingt und Cicero wie "Kikero". Zusammen mit Meiers schweizerisch gerolltem "r" bekommt das Ganze einen italienischen Touch – wie die alten Römer wirklich gesprochen haben, weiß ja keiner ganz genau, aber so mag man es sich gerne vorstellen.
Überdies hat sich die Redaktion einen hübschen Einstieg ausgedacht: Als Beleg für die – von Altphilologen ja immer wieder gern vorgebrachte – These, wie präsent Latein an den unglaublichsten Orten ist, werden mal keine juristischen oder medizinischen Beispiele angeführt, sondern Angelina Jolies Bauch.
"Quod me nutrit me destruit" ("Was mich nährt, zerstört mich") prangt dort in altertümlichen Lettern als Tattoo – was Meier süffisant kommentiert: "Macht das Sinn? Nein, aber es macht Eindruck" – und es ist sogar per Bildbeweis dokumentierbar. Latein mit Sex-Appeal – das ist ja ganz was Neues!
Die folgenden Beiträge schaffen es dann, trotz naheliegender Themensetzung, inhaltlich relevant und aktuell zu sein. Anhand des Begriffs "Mare nostrum", den auch der französische Staatspräsident gern im Mund führt, berichtet Ralf Rettig in einem engagierten Stück über Sarkozys Lieblingsprojekt einer Mittelmeer-Union. Er erinnert daran, dass Aeneas, der Stammvater der Römer, aus dem brennenden Troja über das Mittelmeer floh, und beleuchtet die Situation heutiger Flüchtlinge.
Tina Mendelsohn spricht mit dem Bestseller-Autor Robert Harris über den zweiten Teil seiner Cicero-Trilogie, moderne Machttechniken und die rhetorischen Qualitäten Barack Obamas. Die Olympischen Spiele dienen als Aufhänger für eine Reflektion über das moderne Verständnis von "panem et circenses", Brot und Spielen, und liefern eine Erkenntnis, die kaum einer bestreiten kann: "Praesentis aetatis gladiatores Poldi et Schweini appellantur" ("die Gladiatoren der Gegenwart heißen Poldi und Schweini").
Natürlich kommt die Sendung nicht ohne die beliebten, immer hart an der Grenze zur Albernheit liegenden Versuche aus, die Lebendigkeit des Lateinischen durch Übersetzung aktueller Phänomene zu beweisen. Da werden dann "Mickey-Mouse-Ohren" zu "auriculae Michaelis muris", das Passwort wird zum "Verbum introductorium" und der Airbag zum "pulvinus inflatilis", zum aufblasbaren Kissen.
Doch die "Kulturzeit"-Redaktion übertreibt es nicht mit den Späßchen. Auch der Beitrag von Ernst A. Grandits, der im Vatikan die Bedeutung des Lateinischen als Kirchensprache untersucht, hält den informativ-unterhaltsamen Grundton der Ausgabe.
Zum Ausklang gibt es Latein-Rap
Grandits traf im Kirchenstaat zwar nicht den Latein-Liebhaber Papst Benedikt, der die lateinische Messe wieder zugelassen hat, aber einen ähnlich leidenschaftlichen "Latin Lover": Monsignore Don Cleto Pavanetto, der als oberster Latinist des Kirchenstaats nach Begriffen forscht, mit denen sich die moderne Welt in antike Sprache fassen lässt. Da muss dann nichts mehr synchronisiert werden, denn der Monsignore parliert tatsächlich Lateinisch.
Letzteres gilt auch für die Professorin Christina Walde, die mit einer Gruppe Studenten und Doktoranden der Universität Mainz die Texte der Sendung ins Lateinische übertragen hat. Im Gespräch mit Andrea Meier darf sie zum guten Schluss ihr Credo formulieren, wonach es nichts gibt, das man auf Latein nicht ausdrücken könnte ("nihil est quod verbis Latinis exprimi non possit") – und man glaubt es ihr und freut sich an ihrer Freude.
Der zum Ausklang dargebotene Latein-Rap der Gruppe Ista ("Tu Romane!") löst musikalisch zwar eher gemischte Gefühle aus. Den positiven Gesamteindruck aber kann er nicht trüben. Nach dieser "Kulturzeit"-Ausgabe hat man sie fast vergessen, die drögen Verbtabellen, das Streber- und Bildungsbürger-Image, das dem Lateinischen anhaftet, oder die aufgeplusterten Zitate eines Franz-Josef Strauß'. Quod erat demonstrandum - was zu beweisen war - dürfen sich die Macher sagen.
Künftig werden wir beim Stichwort Latein womöglich nicht mehr ans Pauken, sondern den Bauch von Angelina Jolie denken.
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