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25.08.2008
 

Neue Daily Soaps

Meisterwerke der Massenverblödung

Von Peter Luley

Das fängt ja mies an: RTL und Sat.1 bringen zwei eifrig beworbene Serien an den Start. Doch "112" und die Jeannette-Biedermann-Telenovela "Anna und die Liebe" sind schlichter, schlecht gemachter Stumpfsinn. Selbst Trash-TV-Fans dürften erschüttert sein.

TV-Manager befleißigen sich gern eines englisch geprägten Fachjargons. Das muss man ihnen nachsehen - und sich nicht lange über den Sprachstil wundern, wenn RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt die neue Vorabendserie ihres Hauses als "High-class für die Daytime" anpreist. Inhaltlich aber darf man die Wertung ja ruhig mal hinterfragen - zumal der Begleittext mit den vollmundigen Worten "Das gab es noch nie" aufwartet.

"112 - Sie retten dein Leben" heißt die serielle Seifenoper, mit der RTL das Publikum vom heutigen Montag an montags bis freitags um 17 Uhr gewinnen möchte. Das noch nie Dagewesene besteht laut Sender in der Kombination von "spannenden und emotionalen Geschichten" mit "packender Action". Für diesen Anspruch haben sich die Macher der Produktionsfirma action concept, bereits für den Autobahn-Kracher "Alarm für Cobra 11" verantwortlich, ein fiktives Pilotprojekt ersonnen: eine Einsatztruppe aus Polizisten, Notärzten und Feuerwehrleuten, die unter einem Dach zusammenarbeiten.

Darin erschöpft sich auch das Innovationspotential des Formats.

Wie die Protagonisten und ihre Verstrickungen eingeführt werden, folgt den Mustern der Trivialdramaturgie - garniert mit Dialogen, die sicherstellen sollen, dass wirklich jeder jederzeit in die Handlung einsteigen kann. So wird der Dienststellenleiter, der eine Affäre mit einer jungen Rettungsassistentin unterhält, im Dauerclinch mit der Verwaltungschefin liegt und Probleme mit seinem unter ihm arbeitenden Sohn hat, fast immer mit "Dienststellenleiter" angeredet.

Und welche Konflikte allein diese Personenkonstellation mit sich bringen wird, kann man sich schon nach Folge eins für die nächsten tausend ausmalen. Nur auf einen Namen für den Boss muss man sich wohl noch einigen: Die Verwaltungschefin ruft ihn "Carstensen", die Einsatzkoordinatorin nennt dessen Sohn innerhalb ein- und desselben Telefonats einmal "Carstensens" - und einmal "Carsten".

Alles - nur nicht hochklassig

Solche handwerklichen Schlampereien korrespondieren mit der Schlichtheit des Action-Elements. Da fährt eine Mutter mit ihrem Sohn im Auto, bittet den auf der Rückbank sitzenden Jungen, seinen Gameboy leiser zu stellen, dreht sich nach ihm um, kommt mit dem Lenkrad bedrohlich ins Schlingern und beinahe von der Straße ab, fängt sich aber wieder.

Gerade als man es originell finden möchte, dass der zu erwartende Unfall nicht eingetreten ist, passiert genau das. Mama dreht sich noch mal um, das Fahrzeug überschlägt sich - und bleibt in einer Kalksteinwand über einem Baggersee hängen. Nach 25 Minuten sind Mutter und Kind gerettet, und der Kleine darf mit den Helden im Helikopter fliegen. Das alles mag man nennen, wie man will - nur bitte nicht hochklassig.

Schon nicht mehr zur "Daytime", sondern zur "Access Primetime" (so heißt die Zeit kurz vor der besten Sendephase um 20.15 Uhr im Manager-Jargon) läuft die neue Sat.1-Telenovela "Anna und die Liebe", die um 19 Uhr startet.

Große Worte finden die Verantwortlichen auch hier.

Als "Punktlandung", auf die man "stolz" sei, bezeichnet Senderchef Matthias Alberti das neue Serienprodukt. Die PR-Abteilung setzt noch einen Superlativ drauf: "Das schüchternste Mädchen der Welt" sei die von Jeanette Biedermann verkörperte Titelheldin Anna Polauke.

Dieser Einschätzung lässt sich tatsächlich schwer widersprechen. Denn das arme Ding, das von einer Stelle als Werbetexterin träumt, derweil es in der Gaststätte der Eltern aushilft, fungiert zwar als Erzählerin, die sich direkt ans Publikum wendet.

Kalkül ohne Fatsuit

Innerhalb der Handlungslogik aber kriegt Anna gegenüber Fremden keinen Ton heraus und vermag diese nur aus großen Augen anzustarren. Zwar trägt sie keine Zahnspange und keinen Fatsuit wie einst Alexandra Neldel als Mauerblümchen Lisa Plenske.

Das Kalkül hinter der Charakterzeichnung ist dennoch offensichtlich: Sat.1 hält sein weibliches junges Zielpublikum ebenfalls für schüchtern und komplexbeladen und möchte ihm eine Identifikationsfigur anbieten.

Überdies muss die hauseigene Produktionsfirma Producers at work nach Flops wie "Schmetterlinge im Bauch" und "RIS" dringend an den Erfolg des Neldel-Formats "Verliebt in Berlin" anknüpfen. Da wollte man mit der neuerlichen Aschenputtel-Variation auf Nummer sicher gehen.

So märchenhaft vertraut Annas Familienverhältnisse mit bösem Stiefvater und fieser Schwester daherkommen, so albern-absurd wird die große glamouröse Werbewelt geschildert. Dort fällt dem ausgebrannten Agenturchef (bedauernswert: Mathieu Carrière) für eine Parfümkampagne nichts Originelles ein. Deswegen beauftragt er seinen aus den USA heimgekehrten Sohn mit einer neuen Kreation.

Und eben dieser Junior-Chef wird dann eines Tages auch für die Liebe in "Anna und die Liebe" sorgen. Gähn.

Sicher - bei der Bewertung der beiden Neustarts muss man berücksichtigen, wann und wo sie stattfinden. Schließlich ist der Vorabend nicht unbedingt das Zeitfenster für Grimme-Preis-verdächtiges Fernsehen. Auch auf den öffentlich-rechtlichen Sendern laufen ja parallel Boulevardmagazine und Daily Soaps.

Doch selbst wenn man in Rechnung stellt, dass industriell gefertigte Vorabendseifenopern nicht die Mittel und Möglichkeiten prestigeträchtiger Primetime-Produktionen haben - in ihrer platten und handwerklich schlampigen Machart sind die Neuzugänge böse Vorboten der Herbstsaison.

Von den vollmundigen Ankündigungen ganz zu schweigen.


"112 - Sie retten dein Leben", montags bis freitags, 17 Uhr, RTL; "Anna und die Liebe", montags bis freitags, 19 Uhr, Sat.1

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insgesamt 65 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
27.08.2008 von shifang: Plakate des Daytime-Grauens

Habe natürlich keine der Serien gesehen, noch vor das je zu tun. Aber ich werde hier an meinem Wohnort penetrant von den Plakaten zum Biedermann-Vehikel verfolgt. Man kann (gefühlt, in manchen Stadtteilen allerdings leider [...] mehr...

27.08.2008 von tanni95: Und genau...

...das ist das wirklich gefährliche an diesen Serien. mehr...

27.08.2008 von Flosen: Naja...

Also ich finde es immer sehr amüsant, solche in-den-Boden-Stampfungen völlig verblödeter Serienideen zu lesen. Ist was Nettes für zwischendurch und man kann auch öfters mal lachen. Den Kopf zerbreche ich mir nicht mehr darüber, [...] mehr...

27.08.2008 von marypastor: Soaps

Das Fernsehen bringt das, was die Leute sehen wollen und wo am meisten verdient werden kann. Sicherlich muss das auf die geistig-intellektuelle Verfassung des Publikums abgestimmt sein, wenn es Erfolg haben soll. Offenbar ist [...] mehr...

26.08.2008 von valerian: Kreative Querschnittslähmung

Herr Kalkofe hatte es im Dezember '06 ja schon einmal auf den Punkt gebracht (sogar hier bei SPON): "Der Begriff "Unterschichtenfernsehen" ist in diesem Zusammenhang nicht diskriminierend, sondern vor allem [...] mehr...

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