ThemaTelevisionenRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
29.08.2008
 

Neue "Popstars"-Staffel

Weinen, Weib und Gekreisch

Von Jan Freitag

Ein Radau-Rapper, eine Kirmes-Techno-Queen und ein Herbergsvater: Das Jurytrio augenrollte, stöhnte und geriet außer sich, als in der neuen "Popstars"-Staffel etliche leicht bekleidete Mädchen zum Singsang antraten. Die Einsicht, dass Castingshows eigentlich wie Pornos sind, gab's gratis dazu.

Manchmal wirken Fernsehmacher, als fehlte ihnen eine Art Reißleine. So wie obsessiven Lottospielern, die ihre Scheine Woche für Woche ausfüllen, damit die tausendfach getippten Zahlen nicht irgendwann ohne sie fallen. Einer Art Aberglauben folgend (jetzt starten wir durch!) servieren die Sender seit Jahren immer wieder dasselbe Konzept im schnittgleichen Gewand mit ähnlich mäßigem Erfolg: Castingshows.

Seit gestern ist mal wieder ProSieben an der Reihe und geht auf die Suche nach dem, was in der globalen Hit-Fabrikation unter dem Begriff "Popstars" firmiert, womit gemeint sind: Folien pubertierender Bedürfnisse, die noch von allen Casting-Initiativen seit den New Kids On The Block bedient wurden. Doch darüber, was die Feuilletons so am modernen Musik-Biz nervt, ist alles gesagt. Wenden wir uns also der siebten Staffel "Popstars" auf Prosieben ganz nüchtern zu.

Roya aus Berlin etwa sieht echt super aus, gibt wie alle Casting-Sternchen Chart-erprobten R'n'B zum Besten und kann leidlich singen. Loona, die Jurorin, sagt also etwas Freundliches darüber, wie bildhübsch Roya sei und nett und so. Sido hält sie für eine Zicke und Detlef wünscht, dass sie "uns im Recall von den Sitzen haut".

Nicole dagegen sieht nicht so super aus, hat aber Charisma und kann sogar Gitarre spielen, was Detlef gut findet, Loona auch und Sido ganz okay.

Den Übergewichtigen, Unattraktiven, irgendwie Andersartigen unter den 2275 Kandidatinnen ergeht es schlechter: Bei ihren Darbietungen müssen Loona, Sido und Detlef in den vier Auftaktfolgen zur Vorauswahl ständig die Augen rollen, aufstöhnen, außer sich sein. Das klingt fies, ist aber der Job der Juroren.

Denn Loona, Sido und Detlef sind selbst so was wie Popstars. Was sie für die Jury eines Song-Contests prädestiniert, entspringt zwar nicht ihrem Instinkt für Talente, keinem absoluten Gehör, im Grunde nicht mal ihrer Musikalität, lässt sich aber mit der Zusammensetzung einer guten Casting-Band erklären: die Zarte, der Harte und ein Rest an Seriosität.

Der Ballermannfeger Marie-José van der Kolk (Loona) hat viel Erfahrung im bauchfreien Vertonen von Kirmes-Techno. Paul Würdig (Sido), sonst für "Arschficksongs" zuständig, erkennt in der kreischenden Schar frühreifer Schülerinnen am Auftaktort Hamburg "'n paar geile Geräte" und gibt auch sonst den Dieter Bohlen. Und Detlef Soost, der mit dem crazy Ausrufezeichen-D in der Mitte, ist eine Art Herbergsvater des Castingkindergartens. Das hilft, die Zielgruppe zu erweitern.

Denn die ist 2008 leicht eingeengt. Unter dem Logo "Just 4 Girls" wird nicht nur das SMS-Kauderwelsch der zusehenden Altersgruppe mit Titeltauglichkeit geadelt, sondern der Fokus auf die einzig erfolgversprechende Personalzusammensetzung gelegt.

Denn von sechs Popstars seit 2000 blieben mit den No Angels und Monrose nur Mädchenbands in Erinnerung. Oder erinnert sich noch wer an Nu Pagadi? Auch die Vorjahressieger Room 2012 haben es gerade mal zur Vorband von DJ Bobo gebracht, während sich ein Mitglied der gemischten Tanzgruppe Bro'sis im Anschluss an die gestrige Auftaktfolge in der Dokusoap "Jana-Ina und Giovanni – Wir sind schwanger!" wenigstens öffentlich reproduzieren darf.

Also mal sehen, was so aus Anja wird, die schon ihr ganzes langes Leben lang – also satte 16 Jahre – "von nichts anderem träumt, als Popstar zu werden". Zur Bekräftigung weint sie erst mal. Vielleicht landet sie ja nach dem Sieg, baldiger Bandauflösung und gescheitertem Folgeprojekt wie der Bro'sis-Auswurf Nummer zwei, Ross Antony, in der Dschungelshow.

Wär' ja schon mal was.

Wahrscheinlich aber fliegt sie schon vorher raus, denn Sidos Schönheitsideal siebt streng und darum geht's ja in der Fleischbeschau des Pop-Nachwuchses. Und irgendwann wird Anja vielleicht stolz davon berichten, damals dabei gewesen zu sein, als sich das Fernsehen vermeintlich demokratisiert hatte. Als es dazu überging, alles, wirklich alles per Publikumsentscheid zu bestimmen: Sangesklone, Zauberlehrlinge, Laufstegbulimikerinnen, Rollschuhtänzer, Wikinger, Witzbolde, Eisläufer, Politiker, Tarzan & Jane; was halt so verwertbar ist.

Tränen in Zeitlupe

Dass dem Publikum als kreativer Plebiszit verkauft wird, was doch nur einer kühl kalkulierten Mixtur aus Stromlinienform, Fremdinszenierung und Betriebswirtschaft folgt, wird sie wohl nicht erzählen – selbst nachdem sie es begriffen haben wird.

Und wie sollen derlei Teenager auch erfassen, dass erst die PR kommt und dann der, nun ja, Künstler. David Klein, Initiator des Jugendschreibwettbewerbs "Selma", nennt Castingshows deshalb Pornos, weil Jugendliche deren Produkte gern mit Künstlern verwechselten, so wie sie auch Cybersex und Liebe durcheinanderbrächten.

Letztlich aber werden beim Casting nur dieselben Sehnsuchtsgeschichten erzählt wie in der Telenovela, hier erweitert um die Komponenten Schadenfreude, Attraktion und Fremdscham.

Das Wesen ist die Show, ihr Nebenprodukt sind die Interpreten, die man im Zweifel noch eine Weile durch eigene Verwertungskanäle jagt, um ihren Aufbau rentabel zu machen. Doch den Pattis, Sheilas, Royas dieser kleinen Welt, mit ihren viel zu hohen Absätzen und ihren viel zu ehrgeizigen Zielen ist das alles egal, wenn ihre Tränen in Zeitlupe fließen.

Und am Ende glauben sie womöglich noch, die Reißleine in Händen zu halten. Arme Popstars.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 22 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
05.09.2008 von lalopez4you: Meine Tochter war dabei

Ich bin eine der Mütter deren Kind an den Popstars-Castings teilnahm u auch weiterkam. Ich kann nur sagen, dass ich ganz sicher NICHT hinter alldem stecke sondern von meiner Tochter vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. Beim [...] mehr...

29.08.2008 von schlafschule69: Das ist doch komplett lächerlich...

...die spielen Superstar genauso wie man als Kind Kaufladen spielt. Das wundert einen aber auch nicht wenn man weiß was bei Fernsehproduktionen für Realitätsblasen entstehen können/sollen. Aber ein kurzer Vergleich zwischen zB [...] mehr...

29.08.2008 von sepp77: hm..

prinzipiell sicher alles richtig...aber diesmal kann ich mit gutem gewissen behaupten: ich habs nicht gesehen! da ich aber andere sendungen kenne und gesehen habe reicht hier mein vorastellungsvermögen aus...und das geht [...] mehr...

29.08.2008 von doc_brown: Festzuhalten bleibt,

dass wir alle die gestrige Sendung "Popstars" gesehen und damit dazu beigetragen haben, dass Sendungen wie diese im Fernsehen zu sehen sind. Wenn wir die Sendung nicht gucken, wenn die Medien nicht darüber berichten [...] mehr...

29.08.2008 von tetaro: Rache an der Klingelton-Generation

Die Jury ist doch in ihrer ganzen Gemeinheit manchmal durchaus Identifikationspunkt für mich, wenn sie die des Lesens und Schreibens fast unkundige, naive Klingelton-Generation so genüßlich demontiert. mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft
alles zum Thema Televisionen

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP