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06.09.2008
 

Neue Geissen-Show auf RTL

In den Fängen des Spaßkraken

Von Jan Freitag

Kaum ein Tag, an dem Oliver Geissen nicht bei RTL irgendwas Belangloses präsentiert - nun auch noch "Die Show der Woche". Der völlig überflüssige Boulevard-Rückblick zeigt, wie gering der Anspruch ans Entertainment heute ist. Und wie die Moderatoren damit verdienen.

Es ist wie so oft in der Geschichte: Humor lässt das Grauen nicht nur leichter erdulden. Man kommt ihm damit auch näher.

Um also Oliver Geissen zu ertragen und zu verstehen, eignet sich die ProSieben-Comedy "Switch" am besten.

RTL-Moderator Geissen
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RTL

RTL-Moderator Geissen

"Für meine nächste Sendung suche ich Leute, die aus ökologischen Gründen mit Bus und Bahn zum Straßenstrich fahren" - so parodiert Max Giermann den RTL-Moderator in dessen Mimik, Outfit und Vokabular. Außerdem brauche er für die "Oliver Geissen Show" Menschen, die "mich lieben. Mit anderen Worten: Asis, denen ich im wahren Leben die Hand nicht mal mit der Kneifzange reichen würde".

Was als bloße Persiflage gemeint war, erklärt den Persiflierten besser als jede Vita. Denn in 39 Jahren hat er wohl meist das Gegenteil dessen getan, was ihm in seinem Innern behagt. Humanistisch gebildet, ging er zur Bundeswehr statt in den Zivildienst wie andere Hamburger Abiturienten. Statt was Anständiges wie sein Vater – Fischhändler – zu lernen, machte er Dudelfunk. Statt später beim ZDF zu bleiben, füllte er RTL-Programm für besagte Zielgruppe in Werkzeugdistanz.

An diesem Freitagabend war es wieder so weit.

Sein gefühlt 400. oder 500. RTL-Auftritt in diesem Jahr hat den Titel "Die Show der Woche mit Oliver Geissen". Sie behandelt, was dessen Kosmos in sieben Tagen für relevant erachtet. Besoffene Hochspringer etwa, Weihnachtsgebäck im Sommer, Oli Kahn, Paul Potts, Brangelina - alles, was die Masse schon kennt.

Er fragt einen Gewichtheber, ob er nach seiner Goldmedaille gut drauf war. Lässt ein Kind den Einbürgerungstest machen. Und zwischendurch langweilt uns ein blondiertes Pärchen im "Empty Room" so angestrengt beim Versuch, sich umsonst übers Internet zu versorgen, dass "Big Brother" zum Spektakel wird.

Wie viel Sendezeit mit derlei sinnfreiem Gebrabbel verbrannt wird, mag interessant sein. Aber noch interessanter ist das Ausmaß, mit dem sich beinahe alle Sender zu Bühnen der immer selben Gesichter degradieren, die ihren Mainstream auch noch selber herstellen.

Der Spaßkrake will das Land erheitern

In diesem Fall ist es Oliver Geissens Firma Norddeich TV, die neben dem täglichen Krawalltalk auch Shows und Doku-Soaps für seinen Haussender RTL erstellt, der mit 75 Prozent an der GmbH beteiligt ist.

Längst produzieren sich die Beckmanns, Klums, Schmidts oder Pilawas eigenhändig und gehen folglich Joint Ventures mit ihren Abspielstationen ein - was zu einem unübersichtlicheren Geflecht aus Abhängig-, Gefällig- und Verbindlichkeiten führt. Moderatoren sind eben keine Angestellten der Sender oder Honorarkräfte der Produzenten mehr, sondern vor allem Geschäftspartner.

Stefan Raab zum Beispiel hält ein Viertel der Brainpool TV GmbH, die unablässig Personal ins Showbiz spuckt: von Pocher über Barth und Elton bis Anke Engelke - von denen die meisten Firmen wiederum zur Hälfte Brainpool gehören. Ein echter Spaßkrake, die da das Land erheitern will.

Auch auf Oli Geissens Couch saßen an diesem Freitag zwei der zahllosen Auswürfe des inzestuösen TV-Entertainments unserer Tage: Kaya Yanar von Haralds Schmidts Bonito und Thomas Godoj aus Dieter Bohlens DSDS-Imperium, der permanente Präsenz seiner "Superstars" in Boulevardmedien garantiert, die sich sodann automatisch auf den Kommentarplätzen von Geissens Mottoshows wiederfinden, um dort kundzutun, was ihnen Boney M, der Zauberwürfel oder Spreewälder Gurken so bedeutet haben im kurzen Leben.

Denn darum dreht sich heute alles: Nichtigkeiten, Trash.

Diesen Laufsteg medialer Bedürfnisbefriedigung füllt Hugo Egon Balder ebenso wie Günther Jauch, Vox wie die ARD, das Fernsehen wie die Yellowpress mit dem, was als immer bemerkenswerter gilt.

Das Reklameüberbrückungsprogramm

Und so gerinnt die Woche bei Oli Geissen eben zu einer Sammlung aus allem, was Informationen von Belang aus dem Wahrnehmungsspeicher der Zuschauer verdrängt: ein Stuhl mit kreisender Sitzfläche aus dem Shoppingkanal, dazu ein bisschen versteckte Kamera oder eine ulkige Synchronisation über den Stimmen von Tokio Hotel. Das ist viel näher dran an Atze Schröder, als Oli Geissen denkt.

Der ließ im Anschluss übrigens den Sommer Revue passieren und dekorierte es mit Gästen, die auch in Olis "Show der Woche" Platz fänden: von Cindy aus Marzahn bis JBK, zu Themen wie Beckers Verlobung und Schweinsteigers Freundin.

Das ist zwar selten komisch, definiert sich aber wenigstens nicht journalistisch. Oli Geissen schon, deshalb mischt er auch ein wenig Hurrikan und Müntefering unter all die Geschichtchen, die längst bei Explosivtaffbrisant gelaufen sind.

Mit Oli kann man eben die Sau rauslassen, aber auch mal reden. Den Oli duzt man, er duzt ja auch alle und ohnehin alles unglaublich, irre, geil. Oli verkauft sich mit dieser Beliebigkeit bestens.

"So, ihr Lieben", schließt Max Giermann bei "Switch" seine Parodie, "wir gehen mal kurz in die Werbung, ihr könnt kurz was trinken, aufs Klo gehen, geht gleich weiter, bis dann, tschühüs."

Denn viel mehr als Reklameüberbrückungsprogramm macht Oli Geissen nie.

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insgesamt 62 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
11.09.2008 von spiessbuergerhh: Neue Geissen-Show

Sehr geehrter Herr Freitag, werter Spiegel. Ihre Bewertung ist absolut zutreffend. Privatfernsehen ist immer mehr Müll und Unterschichtenfernsehen. Ich empfehle jeden den Film "Free Rainer" mit Moritz Bleibtreu. [...] mehr...

07.09.2008 von Eiermann: Unpassender Sendetitel

Habe mir die Show gestern in der Wiederholung mal angeguckt. Die Kritik des Artikels teile ich zwar weiterhin, mußte aber trotzdem feststellen, dass es sich um eine interessante und gut gemachte Boulevardshow handelte. Mit einem [...] mehr...

07.09.2008 von barlog: Fortsetzung

Dieses erfolgversprechende Experiment währte leider nur kurz: Die eingesetzte Technik erwies sich als zu umständlich in der Handhabung, was Programmierung des Gerätes und Beschriftung sowie Zurückspulzeiten der Kassetten betraf. [...] mehr...

07.09.2008 von barlog: Mmmh . . .

. . . man liest hier viel von Menschen, die sich das Fernsehen erfolgreich abgewöhnt haben. Ich habe es zwar geschafft, mir das Rauchen abzugewöhnen; was das Fernsehen betrifft, bin ich allerdings noch unentschlossen. Zwar wird [...] mehr...

06.09.2008 von tanni95: Irgendwann...

...wird er auch mal die "100 besten Scheißhaus-Hits" moderieren und Millionen werden zusehen. mehr...

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