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12.09.2008
 

Vize-Kandidatin Sarah Palin

Ur-Weib mit Jagdgewehr

Von Anjana Shrivastava

2. Teil: Demütigung für Amerikas Frauen

Die Kolumnistin Judith Warner von der "New York Times" behauptet, dass Sarah Palin Englisch spreche, als ob es für sie eine Fremdsprache sei. Ein Vorwurf, der viel über die klaffende Kulturspalte zwischen der Welt von New York und der von Anchorage verrät. "Könnte es eine gründlichere Demütigung für Amerikas Frauen geben?" fragt Warner empört.

Sarah Palin spricht in den Ohren von Warner eben nicht wie eine gebildete Frau. Sie hat lediglich einen Abschluss in Kommunikationswissenschaften, den sie umständlich zwischen nicht weniger als fünf verschiedenen Colleges zwischen Hawaii und Idaho zusammengeklaubt hat. Kein glanzvoller Bildungsweg.

Und was für ein Gegensatz zur First Lady Eleanor Roosevelt (1933-1945). Wie Judith Warner war Roosevelt New Yorkerin. Sie setzte nach Abigail Adams die modernen Maßstäbe für First Ladies und diente allen voran First Lady Hillary Clinton (1993-2001) als Vorbild.

Als Spross der berühmten Roosevelt-Dynastie lernte Eleanor schon als Schulmädchen die französische Sprache in der elitären englischen Allenswood Academy mit ihrer feministischen Führung. Damit war ihre Karriere als Diplomatin und Politikerin schon vorgezeichnet.

In den Zwanzigern unterrichtete sie amerikanische Geschichte in New York. Als First Lady setzte sie sich für die Rolle der Frau und die Bürgerrechte der Schwarzen energisch ein, ganz so wie es sich für eine intelligente, progressive Frau der amerikanischen Ostküsten-Oberschicht gehörte.

Später wurde sie sogar als Kandidatin für das Vizepräsidentenamt unter Harry Truman gehandelt, ging aber stattdessen als Diplomatin zur Uno. Als Leiterin der berühmten Frauenkommission von John F. Kennedy stand sie Anfang der Sechziger erneut im Mittelpunkt.

Man kann gar nicht stark genug betonen, wie sehr Sarah Palin sich von Frauen wie Abigail Adams, Eleanor Roosevelt oder Hillary Clinton unterscheidet, - und wie sehr sie sich politisch von dem zivilisatorischen Projekt abhebt, für das diese First Ladies standen.

Nicht nur ist Palin kein Mitglied einer Dynastie. Ihre ganze Biografie ist kaum von intellektueller Entwicklung getrieben, sondern von herkömmlicher, urtypisch weiblicher Körperlichkeit.

Ihre öffentliche Karriere begann als Schönheitskönigin von Wasilla. Physische Disziplin lernte sie von ihrem Vater auf der Jagd, wenn sie Elche abschoss. Ihren beruflichen Anfang machte sie als Sportreporterin. Dann kam die mittlerweile fünffache Mutterschaft - ehe ihre politische Karriere als Bürgermeisterin überhaupt erst anfing.

Nicht Bücher sondern Jagdgewehre prägten ihre Kindheit, tote Körper von im wilden Nordwesten Alaskas erlegten Tieren. Ein frühes Bild zeigt Palin als Teenager im Keller mit Verwandten über einem toten Karibu. Sie lächelt ihr berühmtes Lächeln inmitten blutiger Beute.

Das sind wahre Schreckensbilder für gebildete Frauen der Ostküste, die kollektiv danach strebten, als Frauen vor allem das Abstrakte, die Welt des Geistes, beherrschen zu können. Die aufgeklärten Feministinnen wollten weg von der weiblichen Welt des geschichtslosen Kinderkriegens, Versorgens und Haushaltens.

Und selbst wenn eine First Lady nicht nur geistig sondern auch äußerlich auffiel wie First Lady Jackie Bouvier Kennedy (1961-1963), die vom französischen Adel stammte, war ihre Körperlichkeit doch von eleganter, damenhafter Art.

Die Kandidatenfrauen Cindy McCain und Michelle Obama beerben all ihre Vorgängerinnen, von Abigail Adams bis Jackie Kennedy. Sie sind elegante, gebildete Frauen, die sich für ihre Männer einsetzen - und für das Land karitativ, in dem sie für die "gute Sache" sammeln, reden, werben.

Doch Sarah Palin als Gouverneurin von Alaska setzt sich komplett davon ab. Sie ist eine Vertreterin kleinstädtischer Selbstsuffizienz, in ihrer Vita gibt es weder "Noblesse" noch "oblige." Palin sieht sich selbst nicht in der Tradition dieser First Ladies. Sie vergleicht sich lieber mit dem Präsidenten Harry S. Truman, der wie sie aus einer Kleinstadt kam. Er war der letzte Präsident nach 1897, der keinen Hochschulabschluss besaß.

Die Frau der amerikanischen Frontier, Sarah Palin, kennt weder Emanzipationsstreben noch Emanzipationspathos. Deswegen stellt ihr plötzlicher Auftritt einen so gewaltigen und für feministische Demokraten bedrohlichen Bruch dar.

Die Politikerin Sarah Palin gilt als authentisch, doch ihr Erscheinen ist sorgfältig kalkuliert. Sie ist zwar unabhängig, doch ihre ideologische Reinheit und Radikalität in Sachen Abtreibung, Religion und ihre konservativen Positionen zum Waffenbesitz hat sie seit den achtziger Jahren bewusst gepflegt.

Sarah Palin droht das amerikanische Frauenbild ins Archaische zu verschieben. Und womöglich kommt sie mit ihrer Mischung aus Jagd, Mutterschaft und Gebet weiter als alle anderen Frauen im Weißen Haus vor ihr.

Das ist nicht nur für Demokraten eine unheimliche Vorstellung - denn damit verriete sie alle emanzipatorischen Ideale.

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