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12.09.2008
 

Neue Pocher-Show

Hallodri mit Halbwissen

Von Daniel Haas

Werbestar, Sportmoderator, Harald-Schmidt-Kollege: Oliver Pocher hat sich an die Spitze des deutschen Fernsehgeschäfts gewitzelt. Jetzt kehrt er mit dem Soloprogramm "Gefährliches Halbwissen" auf die Bühne zurück. Dort zeigt er sein enormes Können - und verspielt es.

Das hier ist nicht Prenzlauer Berg oder Mitte, die Latte-Macchiato-Viertel Berlins, wo man schwierige Frisuren hat und T-Shirts, deren Preis sich proportional zur designten Hässlichkeit verhält. Das hier ist Kreuzberg, Tempodrom, Mehrzweckhalle. Hier treten Atze Schröder auf und Mario Barth; das Publikum ist unter 30, es dominieren gesträhntes Blondhaar und Arschgeweih.



Oliver Pocher wusste mal, was er diesem Publikum schuldig ist: die satt hingepfefferte Pointe, gemixt aus Ressentiments und einem kleinen bisschen Ironie. Ein Prolet unter Proleten, der seine Fans gerade mit deren Verarschung vielleicht ernster nahm als sie sich selbst. Sein letztes Soloprogramm "Aus dem Leben eines B-Promis" spielte souverän mit der Hartz-IV- und RTL-II-Folklore. Das Unterschichten-Fernsehen kehrte als muntere Selbstparodie auf die Bühne zurück, und alle konnten mitlachen.

Kulturkampf mit sich selbst

Gestern betrat er das Tempodrom, angekündigt als "Heavy Weight Champion der Comedy". Die Bühne war ein stilisierter Boxring, die Videoleinwand zeigte ihn entsprechend als Boxer, der sich - ja, mit wem eigentlich anlegt? "Gefährliches Halbwissen", das wurde schon vor der Pause klar, ist ein Zweikampf Pochers mit sich selbst, den Images, die von ihm kursieren und die er gegeneinander austarieren muss.

Da ist zum einen der exzellente Improvisationskünstler, der sich gleich die erste Publikumsreihe vorknöpft und ausgerechnet einen Telekom-Techniker vors Mikro bekommt.

"Wo arbeitetest du?"

"Beim Rosa Riesen."

" Und was machst du da?"

"Ich verlege Kabel."

"Auch Rohre? Das wäre nämlich ideal: Der Rosa Riese! Hier werden Sie gefickt!" Schneller kann man deutsche Service-Dramen nicht auf den Punkt bringen.

Aber mit solchen Einlassungen bestreitet man noch kein zweistündiges Programm, deshalb muss der Stand-up-Komiker ran, der Pocher leider nicht ist. Einreisebedingungen für Amerika, Tierliebe bei Frauen, Madonna und Céline Dion als Pop-Peinlichkeiten: halb verweste Wiedergänger aus der Comedy-Gruft. Gags zum Mitgruseln. Humoristische Leichenfledderei.

Dazwischen immer wieder genialische Momente, vor allem wenn es um Pochers Kernkompetenz geht, die Medientravestie: Pocher als durchgeknallter Radiomoderator; als Batman mit Kehlkopfkrebs; als grenzhysterischer Bühnen-Evangelist. Da kommt er dann richtig subversiv in Wallung, macht den Irrsinn im medial verseuchten Alltag anschaulich, schlägt Funken aus den Bizarrerien von Kultur und ihren Zurichtungen.

Die Fans, vor allem die weiblichen (das Verhältnis Frauen zu Männern ist ungefähr fünf zu eins) sehen ihm den dramaturgischen Wirrwarr nach. Man will ihn nach wie vor als einen von uns begreifen. Aber die quälend öde Geschichte eines Freizeitparkbesuchs in Amerika macht selbst die bierselige Reisegruppe aus dem Brandenburger Hinterland unruhig. Man muss nicht Jerry Seinfeld kennen, um zu begreifen, dass Komik immer auch eine Frage von Rhythmus und Tempo ist.

Posen, Pausen, Phrasen

Und eine Frage des Konzepts: Wer will Oliver Pocher auf der Bühne sein? In seinen Werbe-Auftritten erschien er streckenweise als lausbübischer Demonteur kapitalistischer Logik. Als Moderator und Gast von Shows und Preisverleihungen war er der Querulant, der den Begriff Schlagfertigkeit mit neuer Bedeutung füllte. Als Sidekick von Harald Schmidt schließlich domestizierte er sich selbst zum Schüler und Prellbock des Humor-Maestros, ein Novize des Late-Night-Talks.

Auf der Bühne des Tempodroms aber schien er zwischen allen Rollen hin- und herzustolpern. Dumpfbacke und Zeitgeistkommentator, Mario-Barth-Verschnitt und Schmidt-Nachfolger - alles wurde versucht, kein Image griff.

Vor allem die Stand-up-Sequenzen bestritt er mit von Schmidt abgeschauten Posen: die zackigen Handbewegungen, das schnell eingeblendete Lächeln über die eigene Gemeinheit. Richtig wohl fühlte er sich damit aber nicht. Oder wie sonst lässt sich das notorische Drucksen und Glucksen erklären, mit dem er zeitweilig aus seinen Gags zu kippen drohte?

Fürs Finale wenigstens hatte er noch ein selbstreflexives Spielchen parat. Zu einem Bilderreigen von A- bis C-Promis sang er eine Ballade: "Dummes Zeug zu reden, ist viel zu leicht", hieß es da. "Doch es ist das, was zählt und meistens reicht."

Für eine gute Comedy-Show reicht es nicht. Wie gut, dass sie so großzügig sind, die Fans aus Berlin und Umgebung.

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