Von Nicole Büsing und Heiko Klaas
Linz hat sich viel vorgenommen. In der Silvesternacht startet die oberösterreichische Landeshauptstadt eine dreitägige Eröffnungsfeier mit Feuerwerk und Paukenschlag. Unter der Intendanz von Martin Heller rüstet sich Linz, europäische Kulturhauptstadt 2009, für ein dichtes, programmintensives Jahr voll mit Ausstellungen, Konzerten, Festivals, Theateraufführungen und Lesungen.
Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist dabei ebenso erwünscht wie das Herausstellen der großen Kulturtraditionen der Stadt. Anton Bruckner wirkte in Linz als Domorganist, der Philosoph Ludwig Wittgenstein ging hier zur Schule, und mit der ARS Electronica hat man seit 25 Jahren ein international wichtiges Festival mit digitaler Kunst in der Stadt.
Doch es gibt auch ein äußerst dunkles Kapitel der Stadtgeschichte. Bereits vor rund 70 Jahren gab es Pläne, Linz zu einer Art europäischen Kulturhauptstadt aufzumöbeln. Adolf Hitler wollte die Stadt, in der er neun Jahre seiner Kindheit verbracht hatte, zu einer der fünf "Führerstädte" des Deutschen Reiches machen. Neben der "Reichshauptstadt" Berlin, der "Hauptstadt der Bewegung" München, dem "Tor zur Welt" Hamburg und der "Stadt der Reichsparteitage" Nürnberg sollte die Kleinstadt Linz als "Jugendstadt des Führers" zu den ideologischen Kraftzentren des NS-Regimes aufrücken.
Die idyllisch an der Donau gelegene, mittelalterlich und barock geprägte Stadt sollte die Rolle eines europäischen Kulturzentrums deutschnationaler Prägung einnehmen. Doch von den hochtrabenden Plänen, die Hitler bis zum Kriegsende vehement verfolgte, ist zum Glück nicht viel realisiert worden. Den kraftmeierischen Größenwahn dieses Projektes stellt jetzt die Ausstellung "Kulturhauptstadt des Führers - Kunst und Nationalsozialismus in Linz und Oberösterreich" vor. Ab Mittwoch ist sie im Linzer Schlossmuseum zu sehen.
Die Schau gliedert sich in zwei Kapitel: Im allgemeineren Teil widmet sie sich der NS-Kunstdoktrin und den Plänen und Modellen für die geplante Kunst-Megalopolis. Hitlers "Sonderauftrag Linz" sah vor, nach dem Vorbild der Uffizien in Florenz am Ufer der Donau ein bombastisches Museum zu bauen, dessen Bestände die des Louvre in Paris, der National Gallery in London oder der Ermitage in St. Petersburg weit übertreffen sollten.
Aufmarschplatz für 100.000 Getreue
Allein das "Führermuseum" sollte in einem Gebäude von 1100 Metern Länge residieren. Rund 16 Millionen Kunstgegenstände, überwiegend aus jüdischem Privatbesitz, aber auch aus Museen, Kirchen und Schlössern in den von Deutschland besetzten Gebieten waren im Dritten Reich von deutschen Sonderkommandos beschlagnahmt und geraubt worden. Das rechtliche Instrument des sogenannten "Führervorbehalts" erlaubte Hitler den unmittelbaren Zugriff.
Außerdem für Linz geplant war das 160 mal 80 Meter große Adolf-Hitler-Hotel, ein 162 Meter hoher Glockenturm, in dem einst die Gebeine von Hitlers Eltern bestattet werden sollten, ein Aufmarschplatz für 100.000 Getreue sowie eine Gaufesthalle für über 30.000 Menschen. Eine 36 Meter breite Hauptachse war als verbindendes Element gedacht.
Bis auf die sogenannte "Nibelungenbrücke" mit zwei klobigen Torbauten ist allerdings nichts davon realisiert worden. Die ursprünglich für die Nibelungenbrücke geplanten Granitstandbilder der germanischen Recken Siegfried und Gunther sowie ihrer kraftstrotzenden Gattinnen Kriemhild und Brunhild wurden nicht aufgestellt. Lediglich zwei der Figuren zierten anlässlich einer Hitler-Visite in Form von Gipskopien für kurze Zeit die Brücke.
Konkreter wird es dann im zweiten Kapitel der Schau. Hier wird anhand zahlreicher Beispiele aus der Bildenden Kunst, der Literatur, der Musik und dem Theater das künstlerische Leben im "Gau Oberdonau" präsentiert. Ein brenzliges Unterfangen: Gezeigt werden harmlose bäuerliche Szenen, brave Porträts und Aktstudien, liebliche Landschaftsgemälde sowie die linientreue Dokumentation des Kriegsgeschehens. Die künstlerische Avantgarde war im "Gau Oberdonau" erst gar nicht angekommen. "Die Moderne", so mussten die Ausstellungsmacher nüchtern feststellen, "war in Oberösterreich schon vor 1938 kaum vertreten, ebenso wenig jüdische Künstlerinnen und Künstler."
So gibt es keine verzweifelten Selbstporträts als "entartet" gebrandmarkter Künstler, keine apokalyptischen Landschaften, keine hässlichen Fratzen des Krieges. Präsentiert wird die Kunst, die zwischen 1939 und 1944 bei den Ausstellungen des Künstlerbundes Oberdonau gezeigt wurde. Das Fazit der Ausstellungsmacher: "Bis auf wenige Ausnahmen gab es keine Schreib-, Mal- oder Aufführungsverbote. Es lässt sich somit ein überaus hoher Grad an Kontinuität sowohl vor 1938 als auch zur Zeit nach 1945 im Bereich der Künstlerschaft, aber auch im Bereich der Kulturpolitik konstatieren."
Auch in den Bereichen Musik und Theater konzentriert sich die Schau auf das, was auf nationalsozialistischer Linie lag: den Bruckner-Kult im Dritten Reich und das Werk des von Goebbels protegierten Operettenkomponisten Franz Lehár ("Die lustige Witwe"). Im Bereich Literatur werden dann Werke präsentiert, die gemäß der Liste des "schädlichen und unerwünschten Schrifttums" von 1938 verboten und verbrannt wurden. Daneben jedoch auch solche, die in der NS-Zeit ausdrücklich gefördert und geschätzt wurden.
Gerade die Tatsache, dass die Schau trotz ihres dezidiert aufklärerischen Anspruchs immer wieder auf Exponate, die der NS-Doktrin entsprechen, zurückgeworfen wird, macht das Gesamtunternehmen "Kulturhauptstadt des Führers" letztlich zu einer heiklen, wenn nicht fragwürdigen Angelegenheit. Bleibt zu hoffen, dass die Großausstellung nicht zum Mekka der Ewiggestrigen wird.
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