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Kunst-Star Tellmeister Passgenaue Provokationen

2. Teil: Sich durchboxen in Berlin

Der Exil-Schweizer lebt seit 1989 in Berlin, im Stadtteil Prenzlauer Berg, einst DDR-Gebiet. Vor der Wiedervereinigung kam Tellmeister her, er mietete ein Zimmer in der Straße, in der er heute noch wohnt. Auf den Gehwegen fast nur junge Frauen, die Kinderwagen, Dreiräder oder dicke Bäuche vorbeischieben.

Seine Wohnung liegt in einem typischen Berliner Seitenflügel. Den Treppenflur blockiert eine Kommode, daneben Lenins "Ausgewählte Werke" Band 1 bis 3, ein paar Bierflaschen. "Alles Tarnung", sagt Tellmeister. "Damit keiner denkt, hier sei etwas zu holen." Türen gibt es nicht in seiner Wohnung, oder sie stehen offen. Wände und Decke sind bedeckt mit riesigen Zeichnungen. Abstraktionen in Kohleschwarz, ineinander verschlungene Körper, wiederkehrende Motive. Nichts ist hier kantig und hart, außer Adam Tellmeisters Statur vielleicht. Er boxt, seit er 16 ist, an der Leine vor dem Fenster hängen zwei rote Faustbandagen. Eine Überlebensstrategie, er ist allzeit bereit.



Ein Boxer definiert sich über seine Gegner. Die Schweiz mit ihren "Gesslerjungs", so Tellmeisters Jargon, war die eine Sache. Nun sind die Kollegen dran. "Die Leipziger Schule ist ein Aquarellverein", ist einer seiner Standardsätze, ein Werk heißt "Viele Grüße nach Leipzig". Nur auf den ersten Blick sieht es nach Neo Rauch aus, im richtigen Licht wie ein Kirchenfresko. Neo Rauch, einer der Stars der Leipziger Schule, ist sein Lieblingsgegner, "Hedgefonds-Künstler", nennt er ihn. "Man muss fest im Sattel sitzen, wenn man mit dem Säbel rasseln will", sagt Tellmeister.

Jahrelang musste er in Deckung bleiben. Jetzt geben sich Medienleute und Galeristen die Klinke in die Hand. Auf diesen Moment hat er hingearbeitet. Alles musste sitzen: das System aus LEDs und Bauchemie-Verdünnungen, die 40 Schichten Farb-Material-Mix, die Pigmente, die Licht speichern. Er musste wissen: Das schlägt ein wie eine Bombe. "Die sollten zuerst denken: Was für eine Stümperei!, wenn sie das Bild bei normalem Licht sehen", sagt er, grinst und deutet auf die unscheinbare weiße Farbfläche. Und dann eine Offenbarung erleben.

Es funktioniert. Auf Tellmeisters Kommode in der Küche schichten sich gut sichtbar die Visitenkarten der Besucher der letzten Wochen. Horst Bredekamp, einer der Stars der Kunstwissenschaften, sei da gewesen, erzählt er, und Samuel Keller, der Ex-Chef der "Art Basel" und jetzt Direktor des Basler Privatmuseums Fondation Beyeler.

Und der Pass? Liegt bei seinem Anwalt im Safe. Adam Tellmeister lässt sich Zeit, zwanzig Minuten hat er allein für die Ausweisunterschrift gebraucht. Er muss sein Leben neu planen. Erst am 6. Dezember will er sich seinen Pass feierlich überreichen lassen, eingebacken in ein Brot, eine "Dynastiegründung" nennt er die Performance. Erst im Mai 2009, so der Plan, wird er bereit sein für die Reise in die Heimat. Sie soll endgültig sein.

"Ich muss mich mental darauf vorbereiten", sagt er. Er kommt aus einer Schweiz, die noch nicht UNO-Mitglied war, in der man noch nicht mit schrillbunten Frankenscheinen bezahlte. Roger Federer war gerade mal fünf, Max Frisch noch nicht tot und Zivildienst ein Fremdwort.

Am Nationalfeiertag am 1. August hat er schon einmal geübt: Er war eingeladen zur offiziellen Feier in der Schweizer Botschaft in Berlin, es hat ihm ganz gut gefallen. Zurzeit überschlägt er sich in kreativem Aktionismus, plant Aktionen, wie die Sache mit den "Heimatpaketen", die andere Schweizer Künstler für ihn zusammenstellen, und seine Retrospektive in Luzern fürs nächste Jahr ist auch schon in der Mache. Mittlerweile musste er sogar jemanden einstellen, für all die E-Mails.

Zur Akklimatisierung will Adam Tellmeister dann im Mai erst einmal ein paar Wochen auf eine Alm. "Ich will meine Militärakte lesen und entkriminalisiert werden", sagt Tellmeister. "Und ich werde Wilhelm Tell rückwirkend wegen versuchter Kindstötung anzeigen."

Er könnte jetzt endlich mal nur sein neues Selbst sein. Er muss nur ins Auto steigen und losfahren. Irgendwann, nächstes Jahr.

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