Frage: Wissen Sie vorher schon, wie das Ergebnis aussehen soll?
Heine: Ich komme meistens mit einer Idee an, und es kann sein, dass ich das Bild wieder gänzlich über den Haufen werfe, das hängt dann von meinem Gegenüber ab. Es gibt Fotosessions, bei denen bin ich mit einer Idee am Set angekommen, und wir haben sie in zehn Minuten realisiert, genau so wie ich es mir vorgestellt hatte. Zum Beispiel bei Iggy Pop oder Herbert Grönemeyer oder Snoop Dog als Shaolin-Mönch - was zwar ein wenig Überredungskunst gekostet hat, aber so als Idee existierte. Dann gibt es wieder andere Momente, wo ich ein vorgefertigtes Bild habe und feststelle, dass mein Gegenüber dieses Bild gar nicht ausfüllt und mich dann aber zu einem ganz anderen inspiriert. Der Weg ist das Ziel, und diese gemeinsame Arbeit ist es, was es erst wirklich interessant macht.
Frage: Ist es leichter, einen inneren Abstand zu der Person zu haben, die man ablichtet oder einen Freund zu fotografieren?
Heine: Es ist leichter, jemanden zu fotografieren, der Vertrauen zu einem hat, mit dem man schon mal zusammengearbeitet hat, wo die Berührungsangst nicht so groß ist. Das ist einer der Gründe, warum ich das Buch "Leaving The Comfort Zone" genannt habe. Weil es oftmals so ist, dass sich zwei wildfremde Menschen treffen, die vielleicht die Arbeit des anderen kennen, aber nicht wissen, worauf sie sich einlassen. Und ich glaube schon, dass ich meinem Gegenüber sehr viel abverlange, er muss sich darauf einlassen und öffnen, was ebenso für mich gilt. Ich habe auch Begegnungen gehabt, die waren nicht ganz so schön. Das ist das Risiko, das ich trage. Man muss sich auf ein Terrain begeben, dass man nicht kennt und das unter Umständen auch nicht dem entspricht, was man als angenehm bezeichnet.
Frage: Lassen sich Ihre Gegenüber denn immer auf Sie ein?
Heine: Es gab auch schon ein, zwei Shootings, die nicht zu Ende geführt wurden. Das kommt vor und gehört zu meinem Beruf. Das liegt an der Chemie der Menschen, man kommt nicht mit jedem klar. Ich reibe mich gerne und wurde auch selbst schon vor den Kopf gestoßen. Aber dabei entsteht eine produktive Energie, die mir allemal lieber ist, als nur ein selbstgefälliges Miteinander, wo das Ergebnis am Ende des Tages uninspiriert ist.
Frage: Viele Ihrer Motive erinnern an Stills alter Filme. Haben Sie ein Faible fürs Kino?
Heine: Ja, absolut. Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen, Film und Fernsehen waren immer eine Möglichkeit gewesen, sich woanders hinzuträumen. Ich drehe nebenbei auch, habe etliche Musikvideos, Werbung und Kurzfilme gedreht. Ich glaube, es hat aber auch etwas mit meiner Persönlichkeit und mit meiner Erfahrung zu tun. In den Anfangsjahren war meine Fotografie durchaus dokumentarischer, weil ich noch nicht so viel eingegriffen habe. Mit zunehmender Erfahrung, Alter und Bekanntheitsgrad habe ich mehr und mehr Sicherheit gefunden und immer mehr inszeniert. Das ist das Schöne an Fotografie, und ich betrachte mich da mehr als Geschichtenerzähler.
Frage: Welches sind die Filme, die da mitschwingen?
Heine: Ich mag alte französische Filme, ich mag Michelangelo Antonioni, er hat unheimlich schöne, ruhige Filme gedreht, die frühen Wim Wenders fand ich gut, Godard, das amerikanische Siebziger-Jahre-Kino, die frühen Al Pacino-Filme, es gibt so viele... Ich mag Filme, die einen bewegen.
Frage: Einige der Bilder setzen sich mit dem Tod auseinander, wie das vom Großvater, von dem Selbstmörder oder von Mark Spoon. Welche Rolle spielt für Sie dabei das Fotografieren?
Heine: Das ist sehr unterschiedlich. Bei Mark Spoon war die Fotografie Mittel des Abschiednehmens. Bei meinem Großvater genauso. Es war eine Erinnerung, eine Dokumentation. Der Tod im Hof war auch eine Dokumentation, das ist einfach passiert und ich habe die Kamera gegriffen, um für mich dieses Thema auch greifen zu können. Ich habe jetzt zum ersten Mal dieses Foto veröffentlicht, weil es Teil meines Lebensprozesses ist. Die Fotografie ist für mich ein Mittel, solche Prozesse zu durchleben, darüber nachzudenken und mich damit zu beschäftigen.
Frage: Welcher andere Künstler hat Sie am meisten geprägt?
Heine: Da gibt es viele und die kann man auch nicht alle über einen Kamm scheren. Robert Frank fand ich immer sehr interessant, und das Düstere in seinen Bildern hat mich sicherlich geprägt. Albert Watson hat mich immer interessiert, zumal er einäugig ist. Richard Avedon finde ich gut - und es gibt viele mehr. Ich bin mit Achtziger-Jahre-Rockfotografie groß geworden, mit den ganzen englischen Magazinen wie "The Face", "Melody Maker", "New Musical Express", davon bin ich beeinflusst worden. Von großformatiger Rockfotografie, wie sie es in den achtziger Jahren noch gab.
Frage: Fotografieren Sie nur in Schwarzweiß?
Heine: Nein, überhaupt nicht. Aber ich mag dieses leicht abstrakte Element des Schwarzweißen. Es ist vielleicht nicht ganz so realistisch wie Farbfotografie, aber in gewisser Weise ist es zeitloser. Mir war eben immer wichtig, dass ich zeitlose Bilder mache und ich habe sehr lange versucht, da meine eigene Nische zu finden und ikonografischere Fotos zu machen – auch wenn das eine sehr hohe Zielsetzung ist.
Frage: Mit Bildern welcher Künstler umgeben Si35e sich selbst?
Heine: Ich habe Architekturzeichnungen in meinem Studio hängen, zum Beispiel von Frank Lloyd Wright, Fotos von Jim Marshall und William Claxton, beides auch Schwarzweißfotos, dann viele Fotos von befreundeten Fotografen, mit denen ich gerne auch Bilder tausche, zum Beispiel von Brian Bowen Smith aus den USA, von der deutschen Fotografin Gabo usw. Ich hänge mir ungern meine eigenen zu Hause auf.
Frage: Woran arbeiten Sie zurzeit?
Heine: Im Moment gibt es keinen Masterplan. Ich möchte wieder gerne mehr mit bewegten Bildern, also Film arbeiten, das habe ich in den letzten Jahren vernachlässigt. Ich möchte mich gerne mit Sportfotografie beschäftigen, allerdings dabei auch mehr mit Portraits und nicht mit Actionfotografie. Aber das lasse ich jetzt auf mich zukommen.
Frage: ...und dann findet das Thema Sie?
Heine: Ja, vielleicht bin auch ich selbst mein eigenes Thema, indem ich andere Menschen fotografiere. Ich tue das ja immer unter dem Einfluss eines bestimmten Gemütszustandes, einer bestimmten Verfassung. Und insofern erzählen die Bilder mir als Insider auch etwas über mich selbst.
Das Interview führte Anna Wander, Seen.By
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH