Von Christian Buß
Schwule Erfolgsgeschichten sind im Islam eher selten, eine steht aber immerhin gleich am Anfang dieses Films. Da geht es um den Imam Muhsin Hendricks in Südafrika, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt. Hendricks darf mit seinen drei Kindern zusammen sein, er hat seine sexuelle Konditionierung mit seiner religiösen Prägung versöhnt. Von seiner Gemeinde wird er voll akzeptiert.
Szene aus "Ein Dschihad für die Liebe": "Eine Utopie wie ein Christopher Street Day in Teheran"
Dass dies eher ungewöhnlich ist, wird schnell klar, als ein islamischer Gelehrter von weit her anreist, um mit dem inzwischen weltberühmten schwulen Imam zu diskutieren. Die Streitfreude hält sich beim Gegenüber dann doch in Grenzen. Eigentlich gibt es für den Geistlichen nur eine offene theologische Frage: ob man Männer, die aufgrund ihrer Homosexualität zum Tode verurteilt werden, nun zu steinigen oder zu enthaupten habe.
Wird Vater nun gesteinigt?
Hendricks hat in all den Jahren zu dem Thema einen Galgenhumor entwickelt. Als er mit seinen halbwüchsigen Töchtern im Auto die Küste entlang fährt, fragt er sie scherzend, ob ihr Vater denn nun gesteinigt werden solle. "Unbedingt", krakeelt das eine Mädchen und drückt ihm einen Kuss auf den Hinterkopf. Alle lachen. Später wird Hendricks allerdings ernst; da fordert er salbungsvoll in die Kamera, es müsse in der islamischen Welt einen Dschihad, einen heiligen Krieg also für die Liebe geben.
Auf den wird er allerdings wohl noch länger warten müssen. Denn außerhalb seines kleinen Kosmosses tun sich homosexuelle Muslime meist erheblich schwerer, ihren Glauben mit ihrer Sexualität zusammenzubringen.
Von Indien in die Türkei, von Ägypten nach Iran führte den Filmemacher Parvez Sharma die Recherche zu seiner Dokumentation "Ein Dschihad für die Liebe", um schlaglichtartig den Homo-Untergrund der islamischen Welt auszuleuchten. Und der indische Regisseur, selbst schwul und streng gläubig, hat nur wenig funktionierende homosexuelle Lebensmodelle in diesen Ländern ausfindig gemacht. Wo offen die geschlechtliche Neigung ausgelebt wird, da drohen meist Repressionen. Und dort, wo Schwule und Lesben zumindest geduldet werden, da zehren theologische Zweifel an den Protagonisten.
Zwischen Selbstfindung und Selbstverleugnung
Denn was sagt denn nun der Koran zum Thema Homosexualität? Nur zwei Stellen gibt es überhaupt zum Thema, und die lassen sich durchaus unterschiedlich deuten. Eine handelt von Sodom und Gomorrha. Doch was wird in diesem Abschnitt eigentlich verurteilt – ist es der homosexuelle Akt per se oder ist es lediglich die schwule Vergewaltigung?
Selbstfindung und Selbstverleugnung liegen bei der Koran-Deutung der Schwulen und Lesben, die Regisseur Sharma zwischen Paris und Islamabad getroffen hat, oft dicht beisammen.
In der Türkei spürt er immerhin zwei etwas ältere Frauen auf, die nach langem Leiden in heterosexuellen Zwangsgemeinschaften im Sufismus Bestätigung für ihren lesbischen Lebensentwurf gefunden haben. Spirituell weniger gefestigt sind indes zwei Mädchen in Ägypten, die zwar einerseits auf keinen Fall ohne die Liebe der anderen leben wollen, andererseits aber nicht wissen, wie sie dieses Bedürfnis in theologischen Einklang zu bringen haben.
Es gibt einfach keine Antworten für sie – nicht mal im negativen Sinne. Einmal sieht man die beiden Mädchen in einem religiösen Ratgeber für muslimische Frauen blättern, aber auch dort finden sie keinen Hinweis, mit welchen Sanktionen gleichgeschlechtliche Liebe geahndet wird. Ein aberwitziger Dialog entspinnt sich: "Ich möchte bestraft werden", sagt die eine. "Es gibt aber offensichtlich keine Strafen für welche wie uns", meint die andere. "Und wofür leide ich dann?" fragt schließlich pikiert die erste.
Utopie wie ein Christopher Street Day in Teheran
Ja, wofür eigentlich all dieses Leid – wer instrumentalisiert und wem nützt es? Wieso ist die Homophobie so fest im Großteil des islamischen Kulturkreises verankert, wenn es dafür doch keine rechte Basis im Koran gibt? Den soziokulturellen Prägungen und dem machtpolitischen Kalkül, das hinter der Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit steckt, spürt Filmemacher Sharma bei aller Detailfreude leider nicht nach.
So verstörend widersprüchlich und anrührend erzählt die Einzelschicksale auch sind – die strukturelle und institutionelle Gewalt, der sich die Homosexuellen in ihren Heimatländern ausgesetzt sehen, bleibt unreflektiert. Ohne diese Analyse kann es jedoch auch nicht zu dem emanzipatorischen Akt kommen, den ja zumindest der wunderbar kämpferische Titel des Filmes beschwört.
Ein Dschihad der Liebe, so die bittere Erkenntnis dieser aufwühlenden Doku, bleibt genauso Utopie wie ein Christopher Street Day in Teheran.
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