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20.09.2008
 

"Sexreport" auf ProSieben

Die Neuvermessung der Lust

Von Christian Buß

In einem groß angelegten Versuch will der Privatsender ProSieben ab heute die neue Lust der Deutschen vermessen – und liefert trotz allerlei trockener Laborversuche doch nur eine Aneinanderreihung werbetauglicher Softsex-Impressionen. Da darf Oswalt Kolle nicht fehlen.

Die größte Studie zum Geschlechtsverhalten der Deutschen, die je vorgenommen wurde – nichts Geringeres will ProSieben mit seinem fünfteiligen "Sexreport 2008" präsentieren. Glaubt man dem Sender, war die Mobilmachung zum Elbhochwasser 2002 dagegen ein Kinderspiel. Eine wahre Flut an Daten musste bearbeitet werden. 55.000 Deutsche ließen sich 200 intime Fragen stellen, 100 Personen unterzogen sich wissenschaftlichen Einzelexperimenten. Betreut wurde das Unterfangen von Sexualtherapeuten, Evolutionswissenschaftlern und Vernehmungsspezialisten.

Szene aus dem Sexreport von ProSieben: Wo sind bloß die ganzen Normalos?
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ProSieben / Bilderfest

Szene aus dem Sexreport von ProSieben: Wo sind bloß die ganzen Normalos?

Vernehmungsspezialisten? Ja, die waren auch dabei. Denn ohne Lügendetektor geht bei den Privaten ja seit dem extrem erfolgreichen RTL-II-Verhörterror "Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit" nichts mehr: Geständniszwang als Quotengarant.

Bei ProSieben nun horcht ein freundlicher Herr Frauen und Männer nach verborgenen Sehnsüchten aus. Durchaus befreiend mag es da wirken, wenn ein schwuler Proband seine Leidenschaft salopp mit den Worten "Ficken, Blasen, Arschlecken" auf den Punkt bringt. Interessant auf jeden Fall auch zu wissen, dass die so sanft dreinschauende Blondine im Bett gerne mal die Peitsche schwingt. Problematisch wird es allerdings, als eine schon etwas ältere Dame ihre geheime Phantasie gesteht, es mal den Darstellerinnen eines Pornofilms gleichzutun: Das Land ist schon mal informiert – doch wie sage ich es meinem Mann?

Die Neuvermessung der Lust in Zeiten der überall und jederzeit präsenten Pornografie ist ein so notwendiges wie heikles Unterfangen. Einerseits ist es tatsächlich eine interessante Frage, inwieweit die übers Internet und andere elektronische Medien vorangetriebene Dauerstimulierung das Sexualverhalten der Menschen verändert hat. Andererseits bedarf es schon einer ausgeklügelten ästhetischen Strategie, um über die Pornografisierung zu berichten, ohne an ihr teilzuhaben.

ProSieben gelingt das trotz einiger durchaus interessanter Ansätze im "Sexualreport" leider nicht. Das Problem liegt in dem quotenträchtigen Widerspruch, dass man hier zwar einerseits durchaus anmerkt, wie schwierig die sexuelle Selbstfindung in Zeiten ist, da man in den Medien ständig mit perfekten kopulierenden Körpern konfrontiert wird – dass man andererseits aber im eigenen Programm keine neuen authentischen Bilder dagegensetzt.

Nutzen und Unnutzen von Viagra

Denn während sich die eine oder andere frappierende Zahlenkolonne ins Bild schiebt, sieht man immer nur die gleichen werbetauglichen Körperimpressionen. 98 Prozent der Männer und 90 Prozent der Frauen, so ein Ergebnis der Umfrage, befriedigen sich zum Beispiel regelmäßig selbst. Eine Erkenntnis, die mit sportiv aufgerüsteten und sportiv an sich selber rumfummelnden Darstellern in softpornotauglichen Filmchen illustriert wird. Körper von älteren oder rundlicheren Menschen indes sucht man hier vergeblich. Sind das die zwei beziehungsweise acht Prozent, die nicht onanieren?

Die Inszenierung folgt so gesehen der werbeverträglichen Regel: Gezeigt wird, was sich verkaufen lässt. Dabei wird hier streckenweise recht flott auch über die weniger glamourösen Aspekte des Themas geplaudert – über Nutzen und Unnutzen von Viagra zum Beispiel. Während eine jüngere Versuchsteilnehmerin von Anwendungserfolgen der Wunderpille zu berichten weiß, war ein älterer Proband nicht so begeistert: "Man hat den ganzen Tag einen Ständer, aber der ist zu nichts nutze."

Dieses explizite Plaudern – im deutschen Fernsehen eingeführt von Oswalt Kolle, der als eine Art Schirmherr des "Sexualreports 2008" ebenfalls noch ein paar Eindeutigkeiten unters Volk streut – hat durchaus pädagogischen Mehrwert. Es löst, es bildet, es befreit. All das Reden über den Sex führt aber natürlich irgendwann auch zur Tyrannei der Intimität. Wenn man immer alles miteinander teilt, bleibt am Ende kein Geheimnis mehr. Aber Sex ohne Geheimnis ist ja nun doch irgendwie nur wie Nahrungsaufnahme ohne Gaumenfreude: ein trauriger technisierter Vorgang.

Von diesen traurigen technisierten Vorgängen gibt es bei ProSieben einige zu sehen. Richtig schlimm wird es, wenn Stoffwechselvorgänge, die nun wirklich nicht entmystifiziert werden müssen, in wissenschaftlichen Versuchen vorgeführt werden. Da kommt der "Sexreport" wie eine Mischung aus "Hobbythek" und "Galileo Mystery" daher: So funktioniert er, der Trieb, das unbekannte Wesen.

Den Höhepunkt erreicht diese Investigativerotik in der ersten Folge, als die neurohormonellen Unterschiede zwischen dem Sex allein und dem mit einem Partner untersucht werden. Der Prolaktinspiegel, so doziert der Wissenschaftler nach umständlichem Kanülen-an-und-ab-und-wieder-anlegen mit wissenschaftlicher Präzision, steigt beim gemeinsamen Sex aufs Doppelte. Aha.

Ziemlich viel Laborbuhei für die schlichte Erkenntnis, dass Sex in Gesellschaft mehr Spaß macht. In diesem Sinne: Heute mal nicht alleine vor dem Fernseher hocken, sondern lieber zu zweit oder zu dritt oder zu viert in die Kissen springen.


" Sexreport 2008": Samstag 22.15 Uhr, Pro Sieben

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