Von Ingeborg Wiensowski
Ana Mendieta ist eine der Künstlerinnen, die in die Kategorie der zu früh Verstorbenen fällt. Obwohl sie zu den wichtigsten und innovativsten Performance-Künstlern ihrer Zeit zählte, wurde sie nie so bekannt, wie ihre Werke es verdient hätten. Und gerade, als sie 1985 international vor ihrem Durchbruch stand, stürzte sie aus dem Fenster ihrer Wohnung im 34. Stock eines New Yorker Hauses.
Die Hintergründe blieben mysteriös. Ihr Ehemann, der Minimal-Künstler Carl André, war angeklagt, seine Frau umgebracht zu haben, wurde jedoch nach einem Prozess, in dem er ihren Tod als Selbstmord schilderte, freigesprochen. Über ihre Arbeit erfuhr man weiterhin wenig.
Erst seit Ende der neunziger Jahre werden die Filme und Fotografien ihrer Performances und Aktionen in Europa ausgestellt, eine große Retrospektive "Ana Mendieta - Earth Body, Sculpture and Performance 1972-1985" gab es endlich 2004 im New Yorker Whitney Museum, in Washington, De Moines und Miami.
Die Kunsthistorikerin und Museumsdirektorin Olga Viso, eine Kennerin lateinamerikanischer Kunst, hatte die Retrospektive kuratiert, und sie ist auch Autorin des jetzt erschienenen Bildbandes "Unseen Mendieta".
Der beginnt mit einem Essay "Beyond the Visible", in dem Viso eine Einführung in Mendietas Arbeit, deren Hintergründe und einen Überblick gibt. Es folgt eine Chronologie von 1948 bis 2004, in der die politischen Veränderungen in Mendietas Heimat Kuba aufgeführt werden, vor deren Hintergrund der streng katholische Vater 1961 seine beiden Töchter Ana und Raquelín mit der katholischen "Operation Pedro Pan" nach Amerika schickte. 1969 beginnt Mendieta, an der Universität Iowa zu studieren, ihr Professor Hans Breder wird ihr Kollege und für elf Jahre auch ihr Geliebter, der ihre Arbeiten filmt und dokumentiert.
Der Band zeigt dann Mendietas Werkgruppen, die mit bisher unveröffentlichten, oft kompletten Bildserien dokumentiert sind. "Blood and Feathers" zum Beispiel (1974), ein Foto der nackten Mendieta mit Federn bedeckt. Die Serie "Death of a Chicken" (1972) dokumentiert, wie sie das Blut eines gerade geschlachteten weißen Huhns über ihren nackten Körper laufen lässt.
"People looking at Blood" (1973) ist im Buch zum ersten Mal vollständig zu sehen: Die Fotoserie zeigt Passanten, die leicht irritiert an einer unter der Haustür durchsickernden frischen Blutlache vorbeigehen.
Vollständig zu sehen sind auch die schockierenden Arbeiten "Rape Scene" und "Documentation of Mattresses". Nach dem brutalen Mord und der Vergewaltigung eines Mädchens auf dem Campus der Universität lud Mendieta ihre Kommilitonen in ihr Appartement ein. Die fanden die Künstlerin hinter der angelehnten Tür in einer inszenierten Situation von zerstörerischer Gewalt stumm und gefesselt in einer Blutlache auf einem Tisch liegend.
Gleichzeitig zu den Themen von Gewalt und Identität setzte Mendieta den gigantischen Land-Art-Projekten ihrer Kollegen Robert Smithson oder Michael Heizer ihre sehr persönlichen "Earth-Body" Arbeiten" entgegen.
Sie benutzt ihren Körper wie einen Pinsel und die Erde wie Leinwand, wenn sie ihre Umrisse in Sand, Schlamm oder Gras abdruckt, um sich mit der Erde zu vereinen. In "Burial Pyramid" (1974) bedeckt sie sich mit Steinen und verschwindet auf den Fotos in der Landschaft - eine Bestattung. Für ihre "Silueta series" (1976) legt sie Steine, Äste, Früchte in Form ihres Körpers in der Landschaft aus, poetische Metaphern vom Verschwinden und Vergessen, denn ihre Arbeiten sind flüchtig und existieren für den Moment - und auf Fotografien.
Dass sie ihre Aktionen sorgfältig geplant und vorbereitet hat, zeigen die abgebildeten Zeichnungen.
Am Ende des Buches sind zwei Statements von Mendieta nachzulesen. 1978 schreibt sie: "Through my art, I want to express the immediacy of life and the eternity of nature." Und 1983 lautet der letzte Satz: "In essence my works are the reactivation of primeval beliefs at work within the human psyche."
Buch Olga Viso: "Unseen Mendieta". In englischer Sprache. Prestel Verlag, München; 304 Seiten; 320 farbige Abbildungen, 30 Schwarz-Weiß-Abbildungen; gebunden; 65 Euro.
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