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26.09.2008
 

Finanzkrisen-Talk bei Illner

Hurra, der Kapitalismus lebt noch

Von Tobias Lill

Beerdigung vertagt, Kapitalismus doch nicht tot! Darüber waren sich Maybrit Illners Gäste einig - selbst die geladene Oberlinke Sahra Wagenknecht gab sich handzahm. Für Kopfschütteln sorgte nur ein Nadelstreifen-Banker: Er wollte die Finanzkrise den Verbrauchern in die Schuhe schieben.

Es klingt wie ein Abgesang. "Ist der Kapitalismus noch zu retten?", fragt Maybrit Illner ihre vier Gäste. Von einer möglichen "Zeitenwende" war in der Ankündigung des ZDF die Rede und die geladene Sahra Wagenknecht von der Kommunistischen Plattform in der Linkspartei hatte schon vor der Sendung verkündet: "Es reicht nicht, nur Verluste zu verstaatlichen. Das ganze System, gerade im Bereich Finanzmärkte, muss nach ganz anderen Prinzipien funktionieren als in den letzten Jahren."

Sahra Wagenknecht (l.), Hilmar Kopper und Maybrit Illner: Ist der Kapitalismus noch zu retten?
ZDF

Sahra Wagenknecht (l.), Hilmar Kopper und Maybrit Illner: Ist der Kapitalismus noch zu retten?

In der Illner-Runde trägt die Sozialistin - passend zu ihrem stets betont ernsten Blick - ein schwarzes Kostüm samt dunkler Absatzschuhe, mit dem sie bei keiner Trauerfeier auffallen würde. Doch die angekündigte Beerdigung des Kapitalismus fällt aus. Wer erwartet hatte, Wagenknecht würde bei Illner die Marktwirtschaft für komplett gescheitert erklären und eine Verstaatlichung der Banken und der Großkonzerne à la Venezuela fordern, wird enttäuscht.

Die 39-Jährige, die für die Linke im Europaparlament sitzt, bleibt für ihre Verhältnisse moderat. "Der öffentlich-rechtliche Sektor darf nicht privatisiert werden", sagt sie über den staatlichen Einfluss in der Bankenbranche und fügt hinzu: Die Geldinstitute bräuchten jedoch Regeln und dürften nicht spekulieren.

"Es geht nicht um Enteignung"

Bei der Frage nach der Zukunft der deutschen Privatbanken bleibt ihre Antwort nebulös: Die Privatbanken müssten etwas tun, um das Gemeinwohl zu fördern. "Hier ist niemand tot", sagt Wagenknecht auf Illners Frage, ob der Patient Kapitalismus "schon tot" sei oder sich nur "scheintot" gebe. Als die Linke fordert, "die haftbar zu machen, die viele Jahre Profite mit Spekulationen gemacht haben", applaudieren die Studiozuschauer.

Vielleicht hat Wagenknecht den aktuellen Wahlkampf im konservativen Bayern oder das Wohl der Lobster-Händler vor Augen, als sie von den Forderungen Oskar Lafontaines ein wenig abrückt. Der Linken-Chef hatte gefordert, die Industriellenfamilie Schaeffler zu enteignen. "Es geht nicht um Enteignung", lässt Wagenknecht nun das Publikum wissen. Allerdings sollten die Beschäftigten Einfluss auf die Hälfte des Kapitals eines Unternehmens besitzen. "Nicht, dass sich bei einem Generationenwechsel eine Private-Equity-Gesellschaft reinkauft."

Familienunternehmer Arndt Kirchhoff widerspricht dem Bild vom renditehungrigen Mittelständler: "Sprechen Sie mit den Leuten vor Ort." 99,9 Prozent der Firmen seien Familienunternehmen oder Mittelständler. "Wir zahlen die meisten Steuern", beschwört der Vorsitzende des Mittelstandsausschusses beim BDI die Funktionsfähigkeit der sozialen Marktwirtschaft.

Im Gegensatz zu Wagenknecht erfüllt der langjährige Chef der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, seine ihm zugedachte Rolle als böser Bube perfekt. Im grauen Nadelstreifenanzug mit herausstechendem weißen Tuch, verteidigt er die Finanzmärkte alter Schule. Mehrfach macht Kopper klar, dass er die Schuld an der US-Bankenkrise weniger bei den Banken, als vielmehr bei den amerikanischen Verbrauchern sieht. "Gezockt haben doch die Hausverkäufer. Die glaubten, die Hauspreise verdoppeln sich alle zehn Jahre", poltert der einstige Wirtschaftslenker, der zurzeit Dauergast auf den Talksofas der Nation ist. Wenn er spricht, rudert er wie wild mit den Armen.

Statt die Gier mancher Wall-Street-Spekulanten zu thematisieren, antwortet er auf Illners Frage, wovor sich der Kapitalismus fürchten müsse, ganz im Duktus des Kalten Krieges: "Vor dem Sozialismus". Eine bessere Werbung für die Linke macht selbst Lafontaine nicht.

"Da tut mir niemand leid"

Das geplante Engagement der amerikanischen Regierung in Höhe von 700 Milliarden Dollar sieht der 73-Jährige positiv. Kopper, der schon einmal 50 Millionen Mark als "Peanuts" bezeichnet hatte, glaubt: "Das Geld ist nicht verschenkt." Am Ende würde der amerikanische Staat damit sogar noch Gewinne machen.

Über die Angestellten, die bei den in die Krise geratenen oder bankrotten US-Investmentbanken wie Lehman Brothers ihre Jobs verloren haben, urteilt Kopper: "Da tut mir niemand leid."

Auch als Jürgen Trittin von den Grünen einwirft, dort hätten auch "normale Leute" wie Sekretärinnen oder Fahrer durch die Zocker ihre Altersvorsorge verloren, scheint ihn das wenig zu rühren. Während der Ex-Umweltminister ausmalt, hier müssten manche Mitarbeiter "nun den Rest ihres Lebens bei McDonald's Burger braten", verteidigt der Ex-Manager diese Ungerechtigkeit: "Das ist das amerikanische Prinzip."

Trittin macht an diesem Abend dagegen meist eine gute Figur. Etwa als er vorrechnet, dass das Geld, das bei der IKB-Pleite verbrannt sei, für eine Erhöhung des Hartz IV-Satzes auf 420 Euro gereicht hätte. Er wirkt nicht mehr wie der ideologische Dogmatiker, wie so oft in seiner Zeit als Umweltminister. Einig ist er sich mit Unternehmer Kirchhoff, dass die Finanzwelt dringend eine Kontrolle auf internationaler Ebene benötige. "Das ist wie beim Fußball. Es gibt ein paar Regeln, innerhalb derer man sich bewegen muss", sagt Kirchhoff.

Neue Erkenntnisse bringt dieser Abend wenige. Doch zumindest für Trittin ist klar: Nicht das Ende des Kapitalismus sei gekommen, sondern das des Neoliberalismus.

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30.09.2008 von mcmercy: Zinsen sind das Problem

Sie denken zu kurz, nicht der Hausbesitzer hat das Geld sondern die Arbeiter, die das Haus gebaut haben. Sie haben eine Arbeit erbracht und dafür die 500k bekommen. Das Geld wird weiter im Wirtschaftskreislauf investiert, sie [...] mehr...

27.09.2008 von kdshp: .....aw

Hallo, das dumme ist nur das ihr geld auch weniger wert wird. mehr...

26.09.2008 von ichbinesselbst: Erwartet

Die Rendite-Garantie, um die es hier geht, bezieht sich auf spekulative Anlageformen. Wir reden nicht von verzinslichen Anlagen, die ein Staat ausgibt. mehr...

26.09.2008 von Tyrion Lannister: Jein

Just for the records: Das stimmt so auch nicht immer, da bei einer gewissen Klasse von Kontrahenten das "jederzeit" nicht so ganz zutrifft (vgl. Bundeswertpapiere o.ä.). Aber im Prinzip haben Sie recht. mehr...

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