Von Silke Burmester
"Ich bin jetzt Ihr Leichenlehrling!", zwitschert Charlotte Roche fröhlich - und wird prompt von Ferdinand Pfahl auf ihren Platz verwiesen: Praktikant werde jemand wie sie üblicherweise genannt.
Die 30-Jährige hat sich fein gemacht. In einem schwarzen Kleid ist sie gekommen und in schwarzen Tretern, die andere Menschen für eine Wanderung auswählen würden. Charlotte Roche, die durch ihr Buch "Feuchtgebiete" weibliche Sexualität vom Zwang zur Keimfreiheit befreite, ist für 3sat angetreten, in "Charlotte Roche unter ..." die Berufswelt von Menschen auszuleuchten, die ihr Geld durch Tun statt durch Reden verdienen. Altenpfleger, Trucker, Jäger, Müllmänner und eben Bestatter. Einen oder zwei Tage verbringt sie mit ihnen, begleitet von einem Team aus Kamera- und Tonleuten, Regisseur und Aufnahmeleiter.
Sie arbeite sich an ihren Vorurteilen ab, sagt sie dazu und bewegt sich in der ersten Folge stellvertretend für den Zuschauer durch das Leichengeschäft von Ferdinand Pfahl, der schon Harald Juhnke und Klausjürgen Wussow unter die Erde gebracht hat.
Naiv tut sie das, neugierig, staunt wie Alice im Wunderland über Urnen in Fußball-Form und über das fremde Reglement. Etwa, wenn sie einen Sarg betrachtet und feststellt: "Die Würmer dürfen das fressen, aber vorher darf kein Kratzer dran sein?"
Die erste Folge lebt, wie die anderen auch, von Roches Direktheit, ihrer unverblümten Art, ihrer Naivität, ihrem Charme, ihrem Witz, ihrem wachen Geist und ihrer Schlagfertigkeit.
Wir sehen: eine junge Frau, die, wenn sie kleine Särge sieht, ausstößt: "Sagen Sie bloß, das ist für Kinder!" Eine Frau, die im Fond des Leichenwagens eine Fliege kaltmacht, denn eine Fliege beim Bestatter: "Das macht doch keinen guten Eindruck!" Eine Frau, die zu ihren Ängsten steht. Die das Fernsehteam vergisst und zugibt, dass sie "totale Angst" hat, eine Leiche zu sehen und der, kurz bevor es soweit ist, die Beine wie wild zittern. Die dann ganz langsam an den Toten herantritt, noch aus der Entfernung sagt: "Tja, das ist mal echt beeindruckend." Und die kurz darauf den Verstorbenen einzukleiden hilft, ihn in den Sarg hebt und darum bittet, ihm die Hände falten zu dürfen.
Dass dies geschieht, ohne das Sujet dem Voyeurismus auszuliefern, hat bei aller Frechheit, für die Roche bekannt ist, mit ihrem Feingefühl zu tun, mit ihrer Sensibilität, Grenzübertritte zu erkennen und sich zu entschuldigen.
Dass das Zuschauen dennoch manchmal unbefriedigend bleibt, liegt daran, dass Roche keine Journalistin ist und etwa ihre Frage danach, "wie viel Flüssigkeit kommt denn da so raus?" in allgemeiner Plauderei untergehen lässt. Fatal wird dies, wenn Bestatter Pfahl ihr bei der Autofahrt freimütig erzählt, dass er vor Jahren versucht habe, sich umzubringen, weil er im Konflikt zwischen Familie und Geliebte nicht weiterwusste. Für eine Frau, die so offen ist wie Roche, sollte es kein Problem sein, nachzufragen, wie es denn sein könne, dass einem wie ihm, der ja sozusagen ein Experte ist, der Selbstmord nicht gelingt.
Mit der Folge "Charlotte Roche unter Bestattern" verschießt 3sat sein stärkstes Pulver gleich zu Beginn und lässt die anderen Episoden blass aussehen. Denn nie wieder kommt die Selbsterfahrerin so nah an ihre Grenze, an ihre Ängste, nie wieder ist die Rechtfertigung eine Frau im Berufsleben Fremder zu zeigen, so gegeben, wie in dieser Folge.
Gegen die Begegnung mit dem Reich der Toten wirken Altenheim und Müllauto, Lkw und Jägerei wie eine Kutschenfahrt durch Holland zur Tulpenblüte. Und legen dabei eine Eigenschaft von Charlotte Roche offen, deren Gegenseite interessant wäre. Denn Charlotte Roche ist ein Jungs-Mädchen. Ein Baumkletter-weitspuck-karierte-Hemden-Mädchen und keine von den rosafarbenen Zimperzicken, die petzen geht. Doch anstatt die Herausforderung auch unter Frauen zu suchen, sind es ausschließlich Männer, unter die sie sich für 3sat begibt - und unter denen sie erwartbar bestens klarkommt. Charlotte Roche will ja vor allem eines: spielen.
"Da sind ja die Hasenkötel drin!"
Und eben deshalb gerät etwa die Folge "Unter Jägern" ein wenig aus der Spur. Nicht nur, weil die ganze Zeit kaum etwas passiert, nicht nur, weil Frau Roche kaum eine kritische Frage formuliert und so einen Teil ihrer Zuschauer, für die sie stellvertretend unterwegs ist, alleinlässt. Sondern auch, weil es völlig unverständlich bleibt, dass sie, die beim Anblick eines Toten so viel Emotion zeigt, beim Ausweiden der Tiere, beim Abziehen ("ihr macht tolle Sachen!") vor Begeisterung völlig regungslos bleibt: "Da sind ja die Hasenkötel drin! Das ist ja super!"
Etwas aus der Spur gerät die Episode aber auch aus einem anderen Grund: Man wird unfreiwilliger Beobachter, wie der arme Jäger unter den Betäubungspfeilen ihres Charmes wegzudämmern beginnt.
Dennoch hat die Redaktion beim Casting tolle Arbeit geleistet. Fast immer ist es ihr gelungen, aus dem Heer der Bestatter, Altenpfleger oder Müllfahrer eben jene zu finden, die Charlotte Roche als Sparrings-Partner braucht, um sich zu entfalten. Dass der Jäger dem Schauspieler Peter Lohmeyer ähnelt, gibt der Hochsitz-Folge sogar eine besondere Note. Denn in weiter Flur ist nicht viel los: Weder Wildschweine noch Rehe wollen sich von Jäger Christoph Hildebrandt abknallen lassen.
Um der Frau vom Fernsehen aber doch etwas Action zu bieten, will er den Ruf eines Karnickels imitieren und bläst in die Faust. Ein Fuchs soll kommen, sich töten lassen. Doch die Füchse in Rheinhessen sind nicht so doof, einen Jäger, der aussieht wie Peter Lohmeyer, nicht von einem Kaninchen unterscheiden zu können - und bleiben fort.
Doch ein neuer Tag bringt eine neue Chance. Jäger Hildebrandt fährt mit seinem Geländewagen übers Feld, sein Schneewittchen Roche auf der Ladefläche, als ein Rudel Rehe in ihr Blickfeld kommt. "Neun Rehe auf einem Haufen!", ruft die zu Erobernde aus. "Haben Sie ihre Pistole mit?!"
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...bei der Müllabfuhr? vielleicht wäre das dann eher was für "Welt der Wunder" oder aber doch gleich für die Tonne... mehr...
http://www.areadvd.de/vb/showthread.php?s=&threadid=78200 mehr...
das hat ja auch was für sich.... mehr...
Wenn schon nur Männer, ist ihr zu wünschen, dass sie deren Geschlechtsteile durch die Hosen hindurch riechen kann, das mag sie nämlich. (Ich bitte um Entschuldigung, aber das sagte Roche in einem SPIEGEL-Interview). mehr...
OH MEIN GOTT keine Frauen?? wie konnte das die Frauenbeauftragte von 3sat nur übersehen? Man hätte natürlich umgehenst Müllfrauen nachcasten sollen damit die Frau nicht diskriminiert wird. mehr...
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