Sonntag, 22. November 2009

Kultur



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
  • Merken
03.10.2008
 

Django Asül mimt Franz Josef Strauß

"Da hat ja jeder Scheintote mehr Gefühl fürs Volk"

Der Zustand seiner CSU? Da dreht er sich doch im Grabe um. Für ein SPIEGEL-ONLINE-Interview schlüpft der Kabarettist Django Asül in die Rolle des vor 20 Jahren verstorbenen Partei-Übervaters - und bläst seinen politischen Erben so richtig den Marsch.

SPIEGEL ONLINE: Herr Strauß, in Ihren posthum veröffentlichten Memoiren von 1989 äußerten Sie die Sorge, dass die CSU in Bayern - genau wie die CDU im Bund - unter 50 Prozent rutschen könnte. Wie fühlt man sich als Prophet?

Strauß: Fühlen tu' ich bei dem Haufen schon lang nix mehr. Da hat ja jeder Scheintote mehr Gespür für das Volk als diese Wurmfortsätze der Stoiber'schen Selbstbeweihräucherungspolitik. Arroganz plus Ignoranz ergibt eine harte Landung. Das sag ich Ihnen als Hobbypilot und Parteichef.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich wegen der 43,4 Prozent der CSU schon im Grabe herumgedreht?

Strauß: Herumgedreht? Weggedreht hab ich mich. So wie die Leute auch. Wenn die jetzige CSU eine Fußballmannschaft wäre, würde ich als Zuschauer in der Halbzeitpause gehen.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist Schuld an dem Debakel?

Strauß: Die ganze Bagage! Verraten und verkauft haben sie meine CSU! Dass der Edmund aus Berlin abgehauen ist, verzeihe ich ihm nicht. Dabei hätte er es so leicht gehabt gegen diesen Hosenanzug aus der Uckermark. Und dann will der Beckstein auf einmal einen gestandenen Bayern darstellen und sagt, er macht jetzt einen auf Stoiber ohne Schachtelsätze. Statt Speerspitze des Fortschritts nur noch Selbsterfahrungsgruppe ohne Geltungsanspruch.

SPIEGEL ONLINE: Was hätten Sie denn selbst getan, um diese Niederlage abzuwenden?

ZUR PERSON

DDP
Django Asül, 36, eigentlich Ugur Bagislayici, wurde im niederbayerischen Deggendorf als Kind türkischer Eltern geboren. Asül arbeitete als Bankkaufmann und Tennislehrer, bevor er ab 1996 ins satirische Fach wechselte. Im März 2007 trat er als Redner auf dem Münchner Nockherberg auf, wurde gefeiert - und dann abgelöst.
Strauß: Werter Herr Reporter, Sie glauben doch nicht im Ernst, dass eine CSU unter meiner Führung überhaupt hätte unter 50 Prozent rutschen können! Bevor der Wähler der CSU einen Tritt in den Allerwertesten gibt, hätte ich das ja schon viel eher getan. Aber wer einen Schmid zum Fraktionschef macht, erhebt ja Blutarmut zum Parteidogma. Und dass eine Haderthauer Generalsekretärin wird, kann nur als Verzicht auf Wahlkampf gedeutet werden. Bevor man mit dieser Frau eine Wahl gewinnt, gelingt eher ein Attentat mit einem Wattestäbchen.

SPIEGEL ONLINE: In einem Interview mit der "Abendzeitung" sagten Sie einmal: "Ich bin g'scheit und faul, daher zum Truppenführer geeignet." Ihre politischen Erben Stoiber, Huber und Beckstein waren offenbar keine guten Truppenführer. Waren sie zu blöd oder zu fleißig?

Strauß: Fleißig sind die Burschen schon – aber wobei? Vorn dran sein kann jeder Depp. Aber führen scheinbar nicht. Ich hab Bayern in die ganze Welt hinausgetragen. Und diese Hobbygeneräle kriegen nicht mal eine Märklin-Bahn zum Flughafen hin. Die taten ja so, als ob sie mit der Pendlerpauschale den internationalen Terror ausmerzen können. Die bayerischen Bürger haben zwar einen Sinn für Humor. Aber verarschen lassen sie sich zum Glück nicht.

VIDEOS ZU FRANZ JOSEF STRAUSS

Foto: CSU
CSU- Wahlwerbespot 1969: Eine Legende spielt Mensch- ärger- dich- nicht
SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben sowohl Edmund Stoiber als auch den zurückgetretenen CSU-Chef Huber protegiert. Beide sind noch zu Ihren Lebzeiten CSU-Generalsekretäre geworden. Haben Sie damit nicht genauso versagt?

Strauß: Ja, Herrgott, wer kann denn wissen, dass die nach meinem Abgang so degenerieren? Unter meiner Fuchtel hatten sie alle Chancen. Und jetzt haben sie die Strahlkraft von amoklaufenden Goldhamstern. Unser Bayernland steht bestens da. Und die CSU? Wirkt wie eine Grundschulklasse im falschen Ferienlager! Traurig ist das, nur noch traurig.

SPIEGEL ONLINE: Was wünschen Sie dem kommenden CSU-Chef und möglichen Ministerpräsidenten Horst Seehofer jetzt?

Strauß: Dem Seehofer kann ich nur wünschen, dass er aus dieser Truppe von farblosen Reißbrettkarrieristen wieder eine Garde formt, die sich unserer Heimat verpflichtet sieht und nicht ihrem Lebenslauf. Der Horst kann es schaffen, dass das Volk alles links und rechts von der CSU als Protestpartei wahrnimmt. Und mit dem Ramsauer hat er auch den passenden Rammbock in Berlin an seiner Seite.

SPIEGEL ONLINE: Und was wünschen Sie Angela Merkel?

Strauß: Die Kanzleramtsamsel soll ja ruhig sein! Da lässt sie unsere Burschen hängen im Wahlkampf und merkt nicht einmal, dass sie sich damit ins eigene Knie schießt. Ich wünsche ihr einen so fähigen Wahlkampfmanager wie die CSU mit der Haderthauer hatte. Obwohl: Der Wunsch hat sich eh schon erfüllt. Die Merkel hat ja den Pofalla.

SPIEGEL ONLINE: Eine letzte Frage. 1963 haben Sie den SPIEGEL als "die Gestapo des heutigen Deutschland" bezeichnet. Warum reden Sie überhaupt mit uns?

Strauß: Ich bin ein toleranter Mensch und rede mit allen. Und auch der SPIEGEL hat dazugelernt. Was meine Person betrifft, sind Sie ja zum Glück längst nicht mehr so penetrant wie damals. Von daher würde ich den SPIEGEL heute eher als "Bundespolizei" bezeichnen.

Das Interview führte Thorsten Dörting

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH












Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern