Das hätte eine Sternstunde des Fernsehens und der Unterhaltung werden können, wie sie zuletzt vor fast 40 Jahren, am 21. Juni 1969, zu besichtigen war. Der Boxer Norbert Grupe, alias Prinz Wilhelm von Homburg, hatte einen Kampf gegen den Schwergewichtler Oscar Bonavena in der dritten Runde durch K.O. verloren und trat anschließend gegen Rainer Günzler im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF an.
Günzler fragte - und Grupe antwortete nicht. Nach endlosen zehn Minuten, die Grupe mit souveränem Schweigen bestritt, bedankte sich der Boxer bei dem Moderator mit den Worten: "Ich freue mich, dass Sie nach wie vor dem Boxsport mit freundlichen Augen und Worten gegenüberstehen" und verließ das Studio.
Grupe, der 2004 in Mexiko starb, wurde nie wieder in eine ZDF-Sendung eingeladen; aber er hat sich mit seinem grandiosen Auftritt jenen Platz in der Hall of Fame erkämpft, der ihm als Boxer nicht vergönnt war.
Diese Chance hat Marcel Reich-Ranicki (unter Feuilletonisten: MRR) gründlich versemmelt. Er hat sich wie ein antiautoritär erzogenes Kind benommen, das bei einer Familienfeier seine Suppe nicht auslöffeln will, sich aber am Ende doch rumkriegen lässt - mit dem Versprechen, nach dem Essen in der Pfütze vor dem Haus rumplantschen zu dürfen.
Exzess der Peinlichkeiten
Liest man heute, am Montag, in den Zeitungen die Berichte über den "Eklat", der am Samstagabend aufgenommen und am Sonntag gesendet wurde, kann man sich aussuchen, was passiert ist.
"Bild" meint, der Literaturpapst sei "ausgerastet" und habe Fernseh-Promis "beleidigt". Die "Süddeutsche Zeitung" dagegen feiert MRR als einen "großen alten Mann", der dem Fernsehen "ein großes Geschenk" gemacht habe.
So rum oder so rum: Der Skandal bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2008 war vor allem ein Exzess der Peinlichkeiten, die zum Repertoire des Fernsehens gehören, wie das blutbefleckte Bettlaken zur sizilianischen Hochzeitsnacht.
Das fing mit den sogenannten Promis an (Sonya Kraus!, Atze Schröder!!, Jenny Elvers-Elbertzhagen!!!) und hörte mit der Moderation von Thomas Gottschalk noch lange nicht auf, der MRR dazu beglückwünschte, den Nationalsozialismus, den Kommunismus und "demnächst auch den Kapitalismus überlebt" zu haben.
Das hässliche Gesicht des Kapitalismus
Aus dem Mund von MRR wäre das ein witziges Bonmot gewesen, von Gottschalk in den Saal geschmettert, war es nur ein weiterer Beweis dafür, wie schnell ein Moderator zum Tor werden kann. Immerhin ist er eine Weile zwischen Malibu und Mainz hin- und hergedüst, hat mal hier und mal dort, aber immer in Saus und Braus gelebt und seinen Wohlstand sicher nicht der Pendlerpauschale, sondern dem kapitalistischen Prinzip von Angebot und Nachfrage zu verdanken.
Die ZDF-Gala, von Elke Heidenreich als "stundenlanger Schwachsinn in hässlicher Kulisse" treffend beschrieben, war das hässliche Gesicht des Kapitalismus, der sich und die Seinen über Zwangsgebühren finanziert.
Ohne ihren bewaffneten Arm, die GEZ, wären die ARD und das ZDF nicht in der Lage, ihren "Programmauftrag" zu erfüllen, der im wesentlichen darin besteht, die Zuschauer noch mehr zu verblöden, als sie es sich wünschen.
Ein MRR oder eine Heidenreich, ein Plasberg und eine Illner sind gut fürs Image, aber nicht genug, um aus einer Kirmes der Freiwilligen Feuerwehr von Plettenberg einen Opernball zu machen.
Weil MRR aber nur Arte schaut, und dort vermutlich auch nur japanische Literaturverfilmungen mit kyrillischen Untertiteln, wusste er nicht, worauf er sich einlässt, wie eine Oldenburger Jungfrau, die es zum ersten Mal auf die Reeperbahn verschlagen hat. Erst nach mehr als zwei Stunden wurde ihm bewusst: "Bei dem vielen Blödsinn, den ich heute Abend gesehen habe, glaube ich nicht, dass ich dazugehöre." Dann regte er sich ein wenig auf, erzählte eine müde Anekdote und bot Gottschalk das Du zur Versöhnung an.
Und das soll ein Eklat gewesen sein? Oder eher eine Spätzündung?
Wenn es nicht eine Inszenierung war, bei der jeder Teilnehmer seine Rolle spielte, dann war es Schmierentheater, um ein gehobenes Prekariat anzulocken, das "Wetten, dass...?" und "Bauer sucht Frau" meidet und sich erst nach Mitternacht am Kamin von Volker Panzer im Nachtstudio versammelt. Dafür spricht auch der spontane Beifall, mit dem MRR für seine Preis-Verweigerung belohnt wurde.
Schon, dass sich MRR für diese Chose hergegeben hatte, sollte seinen Fans zu denken geben. In seiner Garderobe hängt ein Dutzend Ehrendoktorhüte, er hat jeden wichtigen Literaturpreis bekommen, den der Kulturvertrieb zu vergeben hat. Ein Poltergeist mit Intelligenz und Witz.
Und jetzt tritt er am kommenden Freitag abermals mit Gottschalk vor die Kamera, um mit dem Kapitalismuskritiker aus Kalifornien die Qualität des hiesigen Fernsehprogramms zu erläutern. ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut freute sich heute schon mal über Reich-Ranickis Zusage und erklärte: "Wir sind offen für Kritik und räumen ihr gerne Raum ein."
Wie offen die Senderchefs wirklich für Kritik sind, zeigten sie beim Deutschen Fernsehpreis. Der Intendant des ZDF, die Intendantin des WDR, der Ministerpräsident von NRW, sie alle jubelten dem rebellischen Kind auf der Bühne zu, als wären sie nicht Teil jener Maschinerie, die den Nonsens erzeugt, den sie hinterher prämiiert.
Dass der Preis für die beste Unterhaltungssendung an die RTL-Show "Deutschland sucht den Superstar" ging, mag verdient gewesen sein. Überraschend war nur, dass diesmal auch ein 88-Jähriger an dem Casting teilnahm - und am kommenden Freitag sogar am Recall teilnimmt.
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Man muß immer das Niveau beachten in dem man sich bewegt... "Seichtes Wasser" - und so wird dann auch ein Preis zu werten sein. Und: Schei... ist gut! - 1Million Fliegen können nicht irren! Ausserdem bin ich [...] mehr...
Habe ich Sie richtig verstanden, dass "schlaue" Menschen die seichten Freuden des Lebens genauso geniessen wollen wie die "Dummen", und dass das Anspruchsvolle demgegenüber des Witzes und der Zerstreuung [...] mehr...
Die Zeit während der Arbeit reicht einfach nicht, um zu allem Stellung zu nehmen. Schließlich muss ich, obwohl ich zwischendurch im Forum schreibe, bis zum Ende eines Arbeitstages mein Pensum erfüllt haben. Und irgendwann soll [...] mehr...
Ich muss gestehen, ich habe den Selbstversuch gewagt und vor ca. zwei Jahren für 15 Minuten den "Frühlingsquark der Furzmusik" eingeschaltet. Und ich habe tatsächlich etwas gelernt... (... als ich Herrn [...] mehr...
Sie müssen die Kirche im Dorf lassen. Gegen eine Sendung monatlich oder zweiwöchentlich sagt ja niemand was sagen. Meine Eltern haben den Rock n'Roll auch nie verstanden. Die kannten in den sechziger Jahren, als sie jung waren, [...] mehr...
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