Bäckerstrasse, Schmiedgasse - und Judengang. Das sind Straßennamen, wie sie in zahlreichen deutschen Orten vorkommen und von Passanten ebenso schnell vergessen wie gesehen werden. Die US-Konzeptkünstlerin Susan Hiller jedoch wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte, als sie in Berlin auf eine Jüdenstraße stieß.
Ergebnis ihrer Irritation: Drei Jahre lang war die Frau aus Florida, die in Berlin und London lebt, in Deutschland unterwegs und fotografierte sämtliche deutschen Straßen und Plätze, die den Begriff "Jude" im Namen führen.
"The J. Street Project" heißt ihre Arbeit nun, nicht "Jewish Street", sondern mit einem einfachen "J"; wie jener tödlich stigmatisierende Buchstabe, der den deutschen Juden in den dreißiger und vierziger Jahren von den Nazis in ihren Pass gestempelt wurde. Hillers Werk hat das Potential, zu irritieren und zu verstören. Warum wurden Menschen und mit ihnen eine ganze Kultur ermordet, ihre Straßen aber am Leben erhalten? Was bedeutet es, dass jüdischer Alltag vernichtet wurde, aber jüdische Spuren im Alltag überleben? Vom Mittwoch dieser Woche an präsentiert Hiller die mehr als 300 Juden-Orte, die sie 60 Jahre nach Ende des Massenmordes an Juden entdeckt hat, im Kunstraum des Bundestags.
Frage: Woher kam die Idee, der Geschichte hinter den Straßennamen nachzuspüren?
Hiller: Ich wurde vom Deutschen Akademischen Austauschdienst eingeladen, ein Jahr lang in Berlin zu arbeiten. Als ich ankam, erkundete ich zunächst die Stadt und entdeckte in Berlin-Mitte ein Straßenschild mit der Aufschrift Jüdenstraße. Für mich als Ausländerin war das außerordentlich irritierend. Ich fragte mich, ob der Straßenname bewusst beibehalten wurde. Und wenn ja: Wessen sollte hier gedacht werden? Ich ging zurück in meine Wohnung, schlug im Stadtplan nach. Dort fand ich allein für Berlin mehrere Straßen mit ähnlichen Namen. Das brachte mich dazu, weitere deutsche Stadtpläne zu durchforsten, und ich fand viele mehr. Ich wollte dann wie in einer Art Wallfahrt diese Orte aufsuchen, in erster Linie um zu verstehen. Die Idee, ein Kunstwerk zu schaffen, war zweitrangig.
Frage: Zu Ihrer Dokumentation gehören eine Landkarte, ein Orts- und Straßenverzeichnis sowie eine Videoinstallation. Welche Funktion haben diese Elemente?
Hiller: Ich habe verschiedene Formen gewählt, um die 303 Orte, die ich aufgesucht habe, darzustellen. Ich habe sie nur als Hilfsmittel benutzt, die auf das eigentliche Thema hinweisen, das jedoch nie angemessen abgebildet oder beschrieben werden kann. Es gibt auch ein Buch zur Ausstellung, ein Zwischending zwischen Baedeker und Bibel. Es enthält alle Bilder, Listen und Karten sowie Zusatzmaterial, wie zum Beispiel einen sehr bewegenden und kritischen Essay von Jörg Heiser und einen kurzen Text von mir, in dem ich meine Gefühle und die Annäherung an diese Arbeit beschreibe.
Frage: Was haben Ihnen die Orte vermittelt?
Hiller: Es fällt mir schwer, darüber zu sprechen, was mir diese Orte bedeuten. Aber ich habe eine Menge Dinge gelernt. Zum Beispiel, dass die Juden seit der Römerzeit in vielen ländlichen Gebieten Deutschlands genauso oft, wenn nicht gar häufiger als in Großstädten lebten. Dass es gute Beziehungen zwischen der jüdischen und der christlichen Bevölkerung gegeben hat, aber auch dass sich schon vor dem Holocaust entsetzliche Dinge ereignet haben. Tatsächlich belastet mich heute mehr Wissen über die Juden und Deutschland, als ich angenommen habe - was daran liegen kann, dass ich keine Historikerin bin und nicht viel recherchiert hatte.
Frage: Welche Erfahrungen haben Sie mit den Menschen gemacht, die heute an diesen Orten leben?
Hiller: Leute machen sich keine Gedanken über Straßennamen, und ich habe den Eindruck, dass diejenigen, die heute dort wohnen, normalerweise kein bisschen darüber nachdenken, was der Name ihrer Straße bedeutet. Es ist einfach ein Name. Natürlich hatte ich auch sehr interessante Begegnungen, zum Beispiel mit einem Historiker eines kleinen Dorfes, der mir erzählte, dass das kleine Haus am Marktplatz, das heute als Kühlraum für geschlachtete Schafe dient, eine Synagoge war. Die frühere Jüdische Gemeinde in seinem Dorf war aktiv, bis die letzten Mitglieder in den dreißiger Jahren festgenommen und verschleppt wurden. Aber ich habe auch Orte besucht, die des Verlustes ihrer jüdischen Gemeinden gedenken, indem sie die ehemalige Synagoge in eine Stätte umwandelten, die sie für Kultur– und Gedenkveranstaltungen nutzen.
Frage: Ihre Bilder sind kontemplativ und ästhetisch zugleich. Man sieht fast keine Menschen, sondern leere Straßen und Landschaften. Steht diese Ästhetik nicht im Widerspruch zum Thema?
Hiller: Ich glaube, die meisten meiner Arbeiten sind ziemlich normale Bilder von ziemlich gewöhnlichen Straßen. Manchmal sind Menschen darauf, aber meist gehen sie weg, wenn sie merken, dass fotografiert wird. Und natürlich liegen viele Orte, die ich besucht habe, auf dem Land oder in kleinen Dörfern, wo ohnehin nicht viele wohnen. Meine Intention war es ja auch, ruhig zu dokumentieren und nicht zu interpretieren. Die Auslegung meiner Arbeit überlasse ich der Vorstellungskraft des Betrachters. Man weiß ja, wie die Geschichte endete.
Das Interview führte Anna Wander, seen.by
Susan Hiller: "The J.Street Project",
Deutscher Bundestag, bis 11. Januar 2009
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