Von Tobias Lill
Es war ein verzweifelter Hilferuf, der an diesem Mittwochabend den Fernsehzuschauer erreichte. Doch anders als so oft in den jüngsten TV-Shows waren es weder Lehman-Anleger, die ihre Ersparnisse verloren hatten, noch Golf spielende Investmentbanker, die ihrem Unmut Luft machten.
Verbraucherschützer Etgeton: Schlechte Diagnose für Deutschland
Stattdessen las eine "Hart aber fair"-Sprecherin aus den Arbeitsprotokollen von Krankenhausmitarbeitern vor: "Ein Kind nach einer Kopf-OP musste lange schreien, bevor es gefüttert wurde", notiert da ein Pfleger, und ein Arzt einer Krebsstation erkennt aufgrund der Überlastung die "Gefahr, dass mein Personal Fehler macht".
50.000 Krankenpfleger verloren innerhalb eines Jahrzehnts ihren Job. Die Klagen über Behandlungsfehler häufen sich. Die Defizite in Krankenhäusern und der gerade von der Bundesregierung beschlossene Gesundheitsfonds: Wenn das kein Thema für Frank Plasberg ist.
250 Milliarden Euro fließen jährlich ins deutsche Gesundheitssystem. Sechs Milliarden Euro soll der Gesundheitsfonds zusätzlich in das marode System spülen. Ab 2009 muss jeder, der bei einer der fast 220 gesetzlichen Kassen versichert ist, einen einheitlichen Beitragssatz von 15,5 Prozent zahlen.
Eine Kasse, die damit nicht auskommt, kann von ihren Versicherten sogar noch mehr verlangen. Bisher hat jede Krankenkasse ihren eigenen Satz. Die Bandbreite liegt zwischen rund 13 und rund 16,5 Prozent des Bruttolohns, im Durchschnitt 14,9 Prozent.
"Mit dem Gesundheitsfonds soll verhindert werden, dass Mitglieder von Kassen mit vielen Alten und Kranken weiterhin deutlich mehr zahlen müssen, als die Menschen, die in Kassen mit vielen Jungen und Gesunden sind", sagt Marion Caspers-Merk (SPD), Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministeriums, über den Fonds. Die Chefin des BKK-Landesverbandes Nord Claudia Korf fürchtet dagegen als Folge des Fonds einen "Verdrängungswettbewerb" unter den Kassen.
So oder so: Für die meisten Deutschen wird es deutlich teurer, das lässt Plasberg seine Mitarbeiterin vorrechnen. Ein verheirateter Mann mit einem Bruttomonatsgehalt von 3600 Euro, dessen Kasse bislang einen günstigen Satz von 14,2 Prozent verlangte, muss demnach in Zukunft rund 280 Euro mehr im Jahr berappen. Nur bei wenigen Anbietern wie den AOK-Versicherungen wird der Beitrag sinken.
Aber verbessert sich durch das Mehr an Geld auch die Versorgung? Wohl eher nicht, so das Credo der Gäste. "Die drei Milliarden, die an in die Krankenhäuser gehen sollen, sind nur die Hälfte, von dem, was wir brauchen", poltert Klinikchef Dieter Ahlbrecht und versichert: "Verbesserungen sind so nicht möglich!"
Die Suche nach den Schuldigen dauert nicht lange: Die Lobbyisten der Pharmabranche seien noch besser organisiert als die der Ärzteschaft, weiß Casper-Merks. Tatsächlich scheint die umtriebige Pharma-Lobby die politischen Entscheidungsträger fest im Griff zu haben.
Verbraucherschützer Stefan Etgeton beklagt, das Marketing treibe die Arzneimittelkosten in die Höhe. Tatsächlich gibt beispielsweise die US-Pharmabranche fast doppelt so viel Geld für Werbung wie für Forschung und Entwicklung aus. Medikamente sind in der Bundesrepublik so teuer wie in kaum einem anderen Land.
Und die Ärzte? Natürlich ebenfalls schuldig an der Misere. Drastisch darzulegen am Fall jener Frau, die aufgrund von Nebenwirkungen eines Medikaments einen Herz- und Schlaganfall erlitten haben soll und seit Jahren auf ein Urteil in einem Entschädigungsprozess wartet. Das Problem: Keiner der mehr als ein Dutzend als Gutachter geladenen Mediziner soll nicht schon mal auf der Honorarliste des beklagten Pharmaunternehmens gestanden oder anderweitig von dem Konzern profitiert haben. Wann und ob die schwerkranke Frau überhaupt eine Entschädigung erhält, steht in den Sternen.
Hilflos klingt es da, wenn Theodor Windhorst, Chefarzt Thoraxchirurgie Städtische Kliniken Bielefeld, der Betroffenen rät, "nicht aufzugeben". Für die Ehrenrettung der Weißkittel sorgt ansatzweise ein Bremer Hausarzt, der 2000 Euro netto im Monat verdient und sich dennoch nicht scheut, für nur 15 Euro einen Hausbesuch zu machen.
Ein Trostpflaster der Menschlichkeit. Immerhin.
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Wie sehr auch "reformiert" wird...so lange wie die Politik von der mächtigen Gesellschaftsbetrügermafia Pharmalobby gekauft ist wird sich sowieso nichts ändern. Da verschwinden Milliarden für Pseudo/Schein-Neuerungen, [...] mehr...
So habe ich das auch gesehen. Besonders die Auswahl der Gäste war auschließlich darauf ausgelegt, daß man mal "ein wenig darüber labert", aber bloß nichts ernsthaft und von mir aus auch ein wenig aggresiv hinterfragt [...] mehr...
Die Sendung und auch das Thema Gesundheitsreform hat wieder eindeutig die Behandlung der Symptome aufgezeigt, aber nicht die Bekämpfung der Ursache. Die grenzenlose Gier nach Macht und Geld ist in dieser Branche noch ausgeprägter [...] mehr...
also für >5 Jahre (selbst finanzierte) Ausbildung und die bekannte (Über-)Belastung eines Assistenzarztes in einer Klinik finde ich 36.000 Brutto nicht angemessen. Gut, man kann es als Teil der Ausbildung betrachten [...] mehr...
und 200x mal den Vorstand und die Aktionäre "eingespart" dann hat sich das erledigt mit dem Problemen eines nicht bezahlbaren gesundheitswesens. mehr...
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