Nachdem er in Jordanien wegen Beteiligung an Terroranschlägen in Abwesenheit verurteilt wurde, kam er im August 2005 in Abschiebehaft, aus der ihn knapp drei Jahre später das Urteil eines Londoner Richters erlöste. Abu Qatada, so der Richter, könne keinen "fairen Prozess" in Jordanien erwarten, zudem sei es möglich, dass das jordanische Urteil gegen ihn auf Geständnissen fußte, die unter Folter zustande gekommen waren. Abu Qatada durfte wieder nach Hause, zu seiner Frau und seinen fünf Kindern, während elf weitere in britischer Abschiebehaft einsitzende Extremisten sich nun auf sein Beispiel berufen können.
Damit nicht genug. Abu Qatada, der nie gearbeitet und niemals Steuern gezahlt hat, bekommt aus der Staatskasse eine Invalidenrente von 8.000 Pfund jährlich, weil er ein Rückenproblem hat, das ihm jede Arbeit unmöglich macht. Es ist eine kleine Zuzahlung zu den 45.000 Pfund, die seine Frau als Arbeitslosengeld, Kindergeld und Wohngeld bereits bekommt, damit sich die Familie das Leben in einem 800.000 Pfund teuren Haus im Londoner Westend leisten kann. So viel Toleranz gegenüber mutmaßlichen Terroristen muss sein, alles andere würde den Rechtsstaat aushöhlen.
Zugleich mit dem Fall Abu Qatada, der nicht nach Jordanien ausgeliefert werden darf, weil er dort nach britischen Maßstäben nicht mit einem fairen Verfahren rechnen kann, wurde bekannt, dass eine islamische Gruppe namens "The Messenger of Allah United Us" bei einem Gericht in Amman Klage gegen Geert Wilders erhoben hatte, den niederländischen "Rechtspopulisten" und Produzenten des Film "Fitna". Mit Beschluss vom 10. Juni ließ das Gericht die Klage zu. Weil aber nicht anzunehmen ist, dass Wilders freiwillig der Ladung zu einer Verhandlung in Amman folgen wird, kann das jordanische Gericht ihn jederzeit zur Fahndung ausschreiben und Interpol um Hilfe bitten.
"The Messenger of Allah United Us" ruft auch zum Boykott holländischer Firmen auf. Zwei von ihnen, "Zwanenburg" (Fleischwaren) und "Frieslands Foods" (Käse), haben daraufhin in jordanischen Zeitungen Anzeigen veröffentlicht, in denen sie sich von Wilders und "Fitna" distanzieren. Worauf ein Sprecher von "The Messenger of Allah United us" nachlegte: das wäre nicht genug, es müssten auch Anzeigen in niederländischen Zeitungen geschaltet werden.
Eine schöne Geschichte, werden Sie nun sagen, anschaulich und gruselig zugleich. Wir erleben, wie eine liberale Gesellschaft mit ihren eigenen Waffen geschlagen wird, an ihrer eigenen Toleranz zugrunde geht. Aber warum ist es so? Was treibt die Briten - und in einem etwas geringeren Maße auch die Deutschen, die Franzosen, die Holländer - dazu, die Bude abzubrennen, in der sie es sich so gemütlich eingerichtet haben?
Über eine Antwort auf diese Frage kann in der Tat nur spekuliert werden. Weil aber sowohl die Volkswirtschaft wie die Psychoanalyse ebenfalls spekulative Disziplinen sind, deren Vertreter retrospektiv immer die richtigen Voraussagen treffen, will auch ich mir eine begründete Spekulation erlauben.
Toleranz ist ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft, ein Angebot an den Sieger von morgen: Ich verschone dich heute, bitte merke es dir gut und verschone mich, sobald du an der Macht bist.
Der Utopie des totalen Friedens wird alles untergeordnet
Das ist nicht neu, die Parole "lieber rot als tot" war Ausdruck derselben Haltung. Die Forderung, der Westen sollte einseitig abrüsten, basierte auf derselben Überlegung. Der Utopie des totalen Friedens wurde alles untergeordnet. Wer sich die Freiheit nahm, die tägliche Unterdrückung zu kritisieren, war nicht nur ein Klassenfeind, er war auch eine Gefahr für den Weltfrieden und musste neutralisiert werden. Deswegen war in den Ländern des real existierenden Sozialismus der "Frieden" das wichtigste aller Ziele, nicht die "Freiheit". Frieden ist relativ einfach herzustellen, am einfachsten durch Unterwerfung. Auch im Dritten Reich und in der SU konnte man friedlich leben. Freiheit dagegen muss erkämpft werden, notfalls auch mit Gewalt. Und heute: Angesichts der Unmöglichkeit, den Iran von seinem Atomkurs abzubringen, wird Israel aufgefordert, nukleare Abstinenz zu üben, um mit gutem Beispiel voranzugehen. Man könnte auch mal darüber nachdenken, ob man die Polizei nicht abschaffen sollte, um die Kriminalität effektiver zu bekämpfen.
Es gibt noch eine zweite Quelle, aus der sich die Toleranz gegenüber dem Totalitären speist. Das Unbehagen – nicht an der Kultur, sondern an der Zivilisation, die uns Fesseln anlegt, uns daran hindert, den Barbaren in uns von der Leine zu lassen. Toleranz widerspricht der menschlichen Natur so, wie es ihr widerspricht, die Beute zu teilen.
Man macht es nur, wenn man sich davon einen Vorteil verspricht. Für die einen ist Toleranz eine Investition, die sich irgendwann lohnen wird, für die anderen ein Mittel zum Zweck: Wenn Marx, Lenin, Stalin, Mao und Ulrike Meinhof es nicht geschafft haben, die Gesellschaft umzukrempeln, dann wird das hoffentlich Osama bin Laden und Mahmoud Ahmadinedschad gelingen. Ahmadinedschads Drohungen werden deswegen nicht als bedrohlich empfunden, weil er die Hoffnungen der Frustrierten und Gescheiterten artikuliert, die sich nach einem modernen Robin Hood sehnen, der stellvertretend ihre Rachephantasien verwirklichen soll. Nicht jeder hat das Zeug zu einem Che Guevera oder wenigstens einem Oskar Lafontaine. Die meisten brauchen jemand, der für sie in die Schlacht zieht und es der Gesellschaft heimzahlt.
"Es scheint hier ein merkwürdiger Selbsthass des Westens auf, der fast nur als etwas Pathologisches begriffen werden kann. Der Westen versucht sich in lobenswerter Weise ganz und gar dem Verständnis fremder Werte zu öffnen, aber er liebt sich selbst nicht mehr."
Schrieb Papst Benedikt XVI., als er noch Joseph Kardinal Ratzinger hieß.
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