Schmidt: Kann ich nachvollziehen. Ihre Interessen sind andere. Aber im Allgemeinen verhält es sich mit dem Schimpfen über das Fernsehen wie mit dem Schimpfen über die Bahn. Das machen nur die Seltenfahrer, die Laien, aber niemals die Profireisenden. Als ich vorgestern mit dem Zug von Köln nach Stuttgart fuhr, war der ICE nur halb so lang wie sonst. Die Amateure stürzten schnaufend in den Zug, schubsten die Leute mit ihren Rucksäcken und schimpfen "Scheißbahn, der Mehdorn muss weg." Die Profireisenden wie ich dagegen standen gelassen im Zug wie in Indien, ich stand von Köln bis Mannheim, völlig gleichmütig.
Winkler: Stimmt. Herrlich! Die Vielreisenden reagieren auf die größte Krise völlig entspannt.
Schmidt: Die steigen sogar klaglos auf freier Strecke um, wenn es mal wieder einen Personenschaden gibt, da fällt kein böses Wort. Nur die Seltenfahrer, die nicht mal den Zuglauf richtig ablesen können auf dem Bahnsteig und mit der Durchsage, der Zug fährt heute in umgekehrter Reihenfolge, total überfordert sind, die machen Panik. Die wollen uns Vielreisende mit in den Sumpf der Aufregung hineinziehen. Aber da kenne ich keine Solidarität.
SPIEGEL: Heißt das, die Fernsehsenderchefs sollten sich an Herrn Mehdorn und seinem stoischen Umgang mit Kritik ein Beispiel nehmen?
Schmidt: Das tun sie schon. Sehen sie sich Anke Schäferkordt an. Die wirft sich nicht in den Staub, nur weil gerade mal schlecht über ihr Programm geredet wird. Das hat sie von Mehdorn.
Winkler: Man muss ruhig bleiben. Genau wie im Theater.
Schmidt: Eben. Bloß kein kleinklein. Im Theater hat man auch gleich am Abend die Resonanz. Man kommt an oder kommt nicht an. Es geht los, und nach zwei Stunden muss die Leistung erbracht sein.
Winkler: Ich denke auch nie darüber nach, ob ich das jetzt für die da oben auf dem Rang oder die da unten im Parkett spiele. Ich will nicht für oben oder unten spielen, sondern ganz direkt – batsch.
Schmidt: Eine zentrale Aussage! Die ersetzt glatt drei Jahre Schauspielschule. Und das werfen Sie jetzt ausgerechnet dem SPIEGEL hin: Eine Spitzenschauspielerin spielt nicht für oben oder unten, sondern einfach batsch. Das ist es doch. Der Rest ist Feuilleton.
Winkler: Deshalb halten die meisten tollen Regisseure erstmal ihre Klappe. Sie lassen die Schauspieler alles ausprobieren. Dadurch haben wir Verantwortung. Im Augenblick arbeite ich übrigens mit Thomas Ostermeier an der Schaubühne, auf den bin ich sehr gespannt, wir proben Ibsens "John Gabriel Borkman".
Schmidt: Und wie geht das bei Zadek, nölt der herum?
Winkler: Nö. Der sagt oft nur einen Satz. Beim "Kirschgarten" hat er mir zum Beispiel gesagt, die Ranewskaja, die Kirschgärtnerin, die habe nur vor, möglichst schnell nach Paris zurückzukehren und dort zum nächsten Friseur zu gehen. Das hat mir unendlich viel geholfen. Denn plötzlich wusste ich: Ich muss oberflächlicher spielen.
Schmidt: Das kann man keinem, der nicht vom Theater ist, erklären: Warum der Satz "Die will eigentlich nur zum Friseur" grandios ist. Das ist das Geheimnis des Berufs. Aber kann Zadek nicht auch manchmal sehr anstrengend sein?
Winkler: Während der "Hamlet"-Proben bin ich zweimal abgehauen. Auf Nimmerwiedersehen. Das ist beim "Hamlet" auch anderen Schauspielern unter anderen Regisseuren passiert, zum Beispiel dem Ulrich Mühe.
Schmidt: Und wie hat Zadek Sie zurückgeholt?
Winkler: Er fand mich nach einer Woche auf einem Bauernhof in den Vogesen, wohin ich von den Proben, die in Straßburg stattfanden, geflüchtet bin. Ich saß auf einem roten Sofa von Freunden, die dort ein Bauernhaus haben. Zadek kam und sagte: "Genau so, auf dem Sofa, nehmen wir dich mit." Und am nächsten Tag war wirklich ein rotes Sofa auf der Probebühne. Es ging aber trotzdem nicht. Deshalb bin ich aus Straßburg tags darauf noch mal abgehauen. Nach Berlin. Aber ich ließ mich wieder überreden, nach Straßburg zurückzugehen.
Schmidt: Bei uns in Stuttgart haut keiner ab. Das liegt an Form des Musicals, da kann man als Schauspieler die Sau rauslassen. Die dürfen auch Lieder singen, die sie zum Teil selber ausgesucht haben. Und das Publikum mag es ganz sicher.
Winkler: Wissen Sie was? Ich möchte beim nächsten Musical hier in Stuttgart mitmachen. Mit Ihnen. Aber nur ein Stück. Ein Musical. Ich will nur singen.
Schmidt: Oha. Toll. Wirklich? Im Theater ist ja so was bindend! Ich habe Sie einmal singen hören, bei einer Brecht-Gala im Berliner Ensemble, eine irre Veranstaltung mit Milva und dem Kroetz und den Kessler-Zwillingen.
Winkler: Ich singe wahnsinnig schön.
Das Interview führte Wolfgang Höbel
Auf anderen Social Networks posten:
das stück ist mir zwar unbekannt (und ich erwarte mir inhaltlich nicht soviel davon), die ästhetik und visuellen möglichkeiten sind bemerkenswert. hoffentlich findet sich etwas davon in inhaltlich ambitionierten produktionen [...] mehr...
Lassen Sie es so stehen.Es drückt genau aus, íe Theaterhäufig auf mich wirkt. Exhibitionisten, die ihre Probleme ohne Rücksicht auf Autoren und Publikum auf derBühne "verifizieren".Was mich zuletzt [...] mehr...
Hilfe, das sieht ja furchtbar aus. Tausche "ä" gegen "e". mehr...
Stimmt. Wenn ich da an das schwäbische Kultstück "Hannes ond dr Bürgermeischder" denke, das passt in das von Ihnen vorgegebene Profil: gute Schauspieler, eine kleine Bühne und wenige aber gut eingesetzte Requisiten. [...] mehr...
Gut; zu unterscheiden gilt dennoch zwischen dem Erlebnis authentischer Schauspielkunst, der beizuwohnen ein Gewinn sein kann, und der Besichtigung hochoffiziöser, aufgeblasener Theaterspektakel. Für ersteres benötigen Sie gerade [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH