Sonntag, 22. November 2009

Kultur



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23.10.2008
 

Klinik-Serie "Dr. Molly & Karl"

Das Monster aus der Hirnabteilung

Von Silke Burmester

Zeit, aus dem hirnlosen Fernsehkoma zu erwachen: Mit der Klinik-Serie "Dr. Molly & Karl" wagt sich Sat.1 an intelligente Unterhaltung, fernab von jedem Scharzwaldklinik-Kitsch. Und zeigt, dass auch Kotzbrocken sympathisch sein können.

Mit Patienten im Wachkoma soll man reden, sagen die Mediziner. Schließlich sei nicht auszuschließen, dass sie einen hören können. Man kann versuchen, sie über Musik zu erreichen, über Vibration, viel mehr könne man - außer der Grundversorgung - nicht tun. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass sie irgendwann aufwachen und die stirbt bekanntlich zuletzt.

Dr. Molly (Sabine Orléans, M.) und ihr Team: "Herr, wirf Hirn vom Himmel!"
Sat.1

Dr. Molly (Sabine Orléans, M.) und ihr Team: "Herr, wirf Hirn vom Himmel!"

Als Fernsehzuschauer bleibt einem seit einigen Jahren auch nicht viel anderes übrig, als zu hoffen. Zu hoffen und den Glauben daran nicht zu verlieren, dass die Verantwortlichen aus der Abteilung "Unterhaltung" irgendwann erwachen. Ganz besonders muss man sich hier Sorgen um den Patient ZDF machen, der ist quasi schon hirntot. Etwas besser ist die Situation im Nebenzimmer bei Sat.1. Hier hat man bisweilen den Eindruck, der Patient kämpfe darum, ins Leben zurückzukehren, aktuell zuckt sein Leib erheblich.

"Dr. Molly & Karl" heißt die Serie, mit der die Münchner den Sprung in die intelligente Unterhaltung wagen und man kann nur hoffen, dass sie den Verantwortlichen nicht wieder zu wenig flach ist.

Susanne Molberg, "Dr. Molly" (Sabine Orléans), ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Neurologie und die Pest im Sozialkontakt. Sie ist monströs in körperlicher und verbaler Hinsicht. Sie walzt durch die Flure wie sie über die Gefühle, Gedanken und Münder ihrer Kollegen und der Patienten hinwegwalzt, sie ignoriert die Daseinsberechtigung anderer und ist nicht einmal in schwachen Momenten schwach.

Ihr wird die Psychologin Dr. Carlotta Edelhardt (Susanna Simon) zur Seite gestellt, eine attraktive, dynamische Enddreißigerin, deren Brüste "hängen", wie Dr. Molly ihr alsbald entgegenschmettert: "Ja, Ihre Brüste sprechen zu mir. Wir sind zu zweit, alleinstehend und kinderlos. Wir hängen hier nur so rum."

Die Oberärztin lässt keinen Zweifel daran, dass sie "Karl", wie sie die Psychologin nennt, für in jeder Hinsicht überflüssig hält und macht das schon im Moment der Begrüßung deutlich: "Mein Name ist bye-bye-Psychotante. Ich hier, Du weg!"

Natürlich erinnert das sehr an "Dr. House", das humpelnde, süchtige Ekelpaket aus der amerikanischen Erfolgsserie. Auch im Aufbau der Folgen - Klinikbilder, Stadt- und Straßenansichten als Metapher für die Innen- und Außensicht und das Verstreichen der Zeit - hat man sich an US-amerikanischen Vorlagen wie der Krankenhausserie "Grey's Anatomy" orientiert.

Dennoch ist es Autor Martin Rauhaus gelungen, eine deutsche Form zu entwickeln, die nicht wie ein Abklatsch wirkt, sondern ihre eigene Sprache, Rhythmik und Witzebene gefunden hat. Eine Ebene, die fern von jedem Schwarzwaldklinik-Kitsch oder Engels-Romantik à la "Für alle Fälle Stefanie" liegt.

Die Serie lebt von der Wortgewalt der Neurologin, ihrer Schlagfertigkeit, ihrer Kaltschnäuzigkeit und ihrer unglaublich zweifelsfreien Haltung sich selbst gegenüber. Eine Haltung, aus der heraus sie auch dann noch das letzte Wort hat, wenn sie im Faktenschlagabtausch ausnahmsweise verloren hat. So erinnert ihre Figur in ihrer selbstherrlichen Ich-Bezogenheit an Wolfgang Menges legendären "Ekel Alfred". Eines der seltenen deutschen Fernsehmomente, in dem der Zuschauer einen Unsympath ins Herz schließen konnte.

Sabine Orléans gelingt es, ihre Protagonistin vor dem Absturz in die Zuschauerverachtung zu bewahren. Perfekt tariert sie das Verhältnis von Kotzbrocken und Mitmensch etwa bei 94:6 aus und schafft es, vor allem eine interessante Frau zu zeigen, der zuzuschauen einfach Spaß macht.

Ihr Konterpart, Susanna Simon in der Rolle der Dr. Edelhardt, hat es nicht ganz so leicht. Ihre Figur, die Psychologin, ist nett, klug, hübsch - und damit ziemlich langweilig. Zwar behauptet sie sich wacker gegen das Monster aus der Hirnabteilung, doch bleibt ihre Rolle austauschbar wie der Prototyp des Chauvinisten im Ärztekittel.

Bei "Dr. Molly & Karl" ist die eine Krankenschwester dumm, die andere, das "Melonenmädchen", blond. Der eine Arzt ein sympathischer aber mitunter hilfloser Klugscheißer, der andere ein Chauvi auf verlorenem Posten, und der Leiter, Professor Werner Klarholt, muss die Rolle des überforderten Dompteurs einnehmen, der, wenn er einen Vorschlag macht, von Dr. Molly ein "Herr, wirf Hirn vom Himmel!" einstecken muss.

Anders als die meisten Klinik-Serien sind zumindest die ersten Folgen nur von einem Krankheitsfall getragen. Mysteriöse Krankheitsbilder, wie das eines immer wieder völlig die Kontrolle über sich verlierenden Global Players müssen von Dr. Molberg und ihrem Team gelöst werden. Das ist mitunter spannend und interessant und dürfte vor allem Hypochondern sehr gefallen.

Da bereits in der ersten Folge ein zehnjähriger Junge in einen komatösen Zustand fällt, sollten diejenigen unter den Fernsehverantwortlichen, die zum eingebildeten Kranksein neigen, die Sendung vielleicht lieber nicht schauen. Aktuell ist die Lage besorgniserregend genug.


"Dr. Molly & Karl", Donnerstags, 21.15 Uhr, Sat.1

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