Von Tobias Lill
Der Blick von Katja Kipping ist starr. Erwartungsvoll sieht die 30-jährige Sozialistin mit ihren Rehaugen in die Richtung von Peter Krämer. Doch der Unternehmer lässt sich zunächst nicht beirren: Man dürfe die Leiharbeit nicht verteufeln, sagt er. Erst als die stellvertretende Linken-Bundesvorsitzende einwirft, es gehe um die "Entlohnung", reagiert der Hamburger Reeder. "Wir brauchen einen Mindestlohn", gibt er ihr recht und schimpft: Es gehe nicht an, dass Mitarbeiter am Ende nur 1200 Euro verdienen. Kipping ist zufrieden. Schließlich hatte sie gerade erst ausführlich dargelegt, warum es vor allem Leiharbeiter sein werden, die zu den ersten Opfern der bevorstehenden Wirtschaftskrise gehören.
Es ist nicht das einzige Mal an diesem Abend, dass der Großunternehmer mit der Linken Kipping einer Meinung ist. Doch Krämer, dem der Gewerkschafter Fritz Schösser und der Arbeitgeberfunktionär Martin Kannegiesser gegenübersitzen, ist auch nicht irgendein Firmenboss. Der Millionär sagt von sich immerhin, er zahle gerne Steuern und dürfte mit dieser Haltung in seiner Kaste ziemlich alleine dastehen. Seit Jahren plädiert Krämer für die Wiedereinführung der Vermögensteuer und erneuerte diese Forderung auch an diesem Abend bei Anne Will, die zum Thema "Krise ohne Ende - Jobs und Wohlstand in Gefahr" geladen hat.
"Müssen die Arbeitnehmer die Folgen der Finanzkrise ausbaden oder die Starken mehr schultern?", fragte die Moderatorin. Zumindest für Krämer war klar, dass auch die Wohlhabenden geben sollen, um die Krise abzufedern: "Wenn jedes Jahr 120 Milliarden Euro an Privatvermögen vererbt werden, ist genug Geld da für Bildung, den Rohstoff des 21. Jahrhunderts." Krämer gab sich in der Sendung als sozialer Unternehmer. Kein Porsche, kein Penthouse, keine Champagner-Partys. "Ich fahre einen 22 Jahre alten Mercedes und lebe in einer Mietwohnung", sagte der Millionär. Erst als der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) ihn damit konfrontierte, dass seine Schiffe aus steuerlichen Gründen unter liberianischer Flagge fahren, wirkte Krämer in seinem Businessanzug wie ein Salon-Sozialist. 400.000 Euro spare seine Firma damit, räumte er ein. "Ich dachte, es stört Sie nicht, höhere Steuern zu zahlen", triumphierte Wulff und nahm einen kräftigen Schluck aus dem Wasserglas.
Der stellvertretende CDU-Chef hatte einen guten Abend. Ein ums andere Mal sprach er sich für Steuersenkungen und gegen ein Konjunkturprogramm aus. Er wolle die Autoindustrie durch Entlastungen für CO2-arme Fahrzeuge stärken, versprach er. Auch forderte der Christdemokrat eine baldige steuerliche Absetzbarkeit von Krankenkassenbeiträgen. Zu den Herausforderungen der Finanzkrise sagte er: "Wir sind besser vorbereitet als andere Länder."
"Sie können nur Leiharbeiter entlassen"
Bayerns DGB-Chef Fritz Schösser, der wegen Nebels am Flughafen erst später in die Sendung kam, teilte diese Einschätzung. Um jedoch dem beginnenden Abschwung entgegenzuwirken, forderte er Politik und Arbeitgeber auf, antizyklisch zu handeln: "Vier von fünf Jobs hängen von der Binnenkonjunktur ab." Deshalb sei die mit acht Prozent höchste Forderung der IG Metall seit 16 Jahren gerechtfertigt. "Autos kaufen keine Autos", zitiert der Bayer den Industriellen Henry Ford.
Außer höheren Löhnen forderte Schösser auch ein staatliches Konjunkturprogramm. Im vergangenen Jahr wäre er dafür in die Büßer-Ecke verbannt worden. Doch nach über einem Monat Finanzkrise regte sich kaum mehr Widerstand: Der Neoliberalismus hat kapituliert. Lobte die CDU noch vor gar nicht allzu langer Zeit die alles heilende Kraft der Märkte, fordert Wulff bei Will eine "weltweite soziale Marktwirtschaft" und eine "internationale Finanzmarktordnung".
Einzig Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, widersetzte sich Schösser und lehnt dessen Lohnforderungen ab. Die Wirtschaft sei in einer "außerordentlich schwierigen Situation". Die geplanten Entlassungen von Leiharbeitern verteidigte er: "Wie sollen die Arbeitgeber reagieren?", fragt er und antwortete: "Sie können nur Leiharbeiter entlassen."
Dass es zunächst vor allem Menschen in unsicheren und prekären Arbeitsverhältnissen treffen würde, veranschaulichten auch zwei Einspielfilme. Zu sehen waren Bilder von Obdachlosen auf der einen, Diamanten und Luxuskarossen auf der anderen Seite. "2005 lebten bereits 16 Prozent der Kinder in Armut", weiß ein OECD-Experte zu berichten. 1985 seien es nur sieben Prozent gewesen. Flankiert von dramatischer Geigenmusik prophezeit Experte Ferdinand Dudenhöffer ein "Blutbad von Jobverlusten" in der Automobilbranche.
Zwar versucht Wulff zu beruhigen, Professor Dudenhöffer wolle mit solchen Äußerungen nur neue Auftraggeber gewinnen. "Wir sollten nicht immer nur die Katastrophenredner hören", sagt der Christdemokrat in die Runde. Doch die Angst beim Zuschauer bleibt. Neue Informationen bekam er in der eher fahrig geführten Sendung hingegen kaum. Zumindest die Frage, welche Rezepte gegen den Abschwung tatsächlich helfen könnten, blieb weitgehend unbeantwortet.
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Sagen Sie mal, aufgrund welcher Umstände auch immer ? Sie outen sich als meinungsloser CDU-Wähler, der nicht wissen möchte oder hören will, wie die Realitäten sind. mehr...
Betrachten wir es doch mal unter dem Gesichtspunkt der Fairness. Wäre es denn gerecht, wenn man in Niedersachsen Lehrmittelfreiheit gewähren würde, während das in Berlin auf grund welcher Umstände auch immer nicht möglich ist. [...] mehr...
Dies wäre Ihnen gegönnt.... aber 1. Vergessen Sie daß Berlin lange Jahre am Tropf des Bundes hing und eine geteilte Stadt war... 2. Wer hat denn für die immense Verschuldung Berlins hauptsächlich gesorgt ? Waren es nicht [...] mehr...
Ich muss OldHarry wählen, Heide geht ja nicht mehr. Die Argumente meiner Frau muss ich schon anerkennen, sonst gibt es ärger. Um alt zu werden, spiele ich fleißig Tennis. mehr...
Dann wählen Sie halt weiter den Wulff und seine niedersächsische Staatspartei, abr belasten Sie die Rentenkasse nicht unnötig lange. Hätten Sie auch gleich sagen können, dass Sie Argumenten nicht zugänglich sind. Danke. mehr...
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