Von Reinhard Mohr
Nun sind wir schon mitten in der fünften Krisenwoche. Die Börsen spinnen, die Wirtschaft bebt, der Weltmarkt ächzt, die Auguren malen die Zukunft Schwarz in Schwarz – aber immer noch herrscht Stille im Land.
Protest gegen System und Vietnam-Krieg 1968 (mit Schriftsteller Erich Fried (l.) und Studentenführer Rudi Dutschke (M.): Das waren noch Zeiten
Eine bemerkenswerte Ruhe. Keine Hysterie, keine Panik, kein Protest, abgesehen von der wenige Minuten dauernden Aktion von attac in der Frankfurter Börse. Gewiss, viele Menschen machen sich Sorgen, und die führenden Politiker haben seit einem Monat keine freie Stunde mehr vor lauter Rettungspaketen, die geschnürt werden müssen.
Aber sonst? Ängstlich beobachten wir die Börse, schauen online ins geräuschlos dahinschmelzende Bankendepot, warten auf den Rückruf unseres Anlageberaters und schalten, in einer Mischung aus Widerwillen und Faszination des Grauens, doch immer wieder die Polit-Talkshows von ARD und ZDF ein.
Beim Bier schimpfen wir über die Bankmanager, die sich in die Ecken drücken und ihre millionenschweren Bonuszahlungen der letzten Jahre horten wie den Nibelungenschatz. Das war’s dann aber auch. Der Volkszorn gegen den Crash des Turbokapitalismus macht sich nirgends geballt Luft.
Krawall statt Coolness
Das wäre vor vierzig Jahren anders gewesen. Ob mit Rudi Dutschke an der Spitze oder nicht: Die Türme der Deutschen Bank in Frankfurt am Main wären längst von einer vieltausendköpfigen Menge umlagert worden. "Ackermann, komm raus! Sonst stürmen wir dein Haus!", hätten die Demonstranten gerufen und zumindest darauf bestanden, eine revolutionäre Delegation in die Vorstandsetage zu entsenden.
Auf dem Anlagenring rund ums Frankfurter Bankenviertel hätte sich ein antikapitalistisches Basiscamp etabliert, in dem über die Zukunft der Waren- und Geldproduktion diskutiert worden wäre.
Revolutionäre "Volxküchen" aus Bockenheim würden Linsensuppe mit kurzfristig enteigneten Gref-Völsings-Rindswürsten anliefern, und die Bevölkerung wäre mit Infobroschüren und Flugblättern über die Lage informiert worden.
Überall hätten sich leidenschaftlich debattierende Grüppchen gebildet. Einzelne Aktionsgruppen würden "symbolische Banküberfälle" in Happening-Tradition vorbereiten ("Was ist der Überfall einer Bank gegen ihre Gründung?") und dabei womöglich erbeutetes Bargeld in der Fußgängerzone verteilen.
Kurz: Man wäre aktiv geworden. Man hätte die Wut offensiv rausgelassen und die Straße okkupiert. Dies wäre nicht zuletzt ein Aufstand der Sinne gegen die Macht der virtuell-abstrakten Geldströme gewesen, ein Versuch, die Sprache der Gesellschaft wiederzufinden im Ozean der wegschwimmenden Derivate.
Programmierte Gleichgültigkeit
Hätte, könnte, wäre. Kunststück. Die – materielle wie moralische – Betroffenheit hatte damals, 1968, eben noch kein weißes Sofa bei Anne Will, und sie saß auch nicht in der ersten Reihe bei Maybrit Illner. Man musste die Sache noch selbst in die Hand nehmen. Auch wenn sie vielleicht schiefgehen würde.
Heute sind wir alle (Fernseh-)Zuschauer unserer eigenen Ohnmacht. Wir können kaum glauben, was passiert, doch der Gefühlsstau entlädt sich nicht. In all dem Gerede ist eine große Sprachlosigkeit spürbar.
Bei manchen Zeitgenossen, den Autor eingeschlossen, führt diese zugleich rasante wie zeitlupenhaft sich vollziehende Krise sogar zu bedingt antizyklischen Reaktionen. Motto: Konsum, ergo sum.
Wenigstens aktiv sein am Regal. Jede gute Flasche Wein, jeder schöne Kurzurlaub im Süden ist jetzt mehr wert als die vage Spekulation auf irgendeine verzinste Kapitalausschüttung in 20 Jahren. Vor allem ist sie sicher.
So geht es offenbar vielen. Der GfK-Konsumklimaindex zeigt wieder nach oben, und die Weihnachtszeit steht vor der Tür. Doch die eigentümliche politische Abstinenz inmitten politisch derart aufregender Zeiten hat tiefere Ursachen. Wo wäre denn, so fragen nicht zu Unrecht die 35-Jährigen in der vollen Gnade ihrer späten Geburt, die grundsätzliche, die "systemische" Alternative?
Inzwischen ist ja selbst das einst blutrote maoistische China dabei, zur weltweit führenden kapitalistischen Supermacht zu werden. Und die ehemals sozialistische Sowjetunion Lenins und Stalins, Putins bärenstarkes Russland? Es übt sich in einem öl- und gasgestützten Raubtierkapitalismus, gegen den die deutsche Marktwirtschaft ein laues Lüftchen ist.
Geschichte? Ist Geschichte
Und es stimmt ja: Der alte glühende Geschichtsoptimismus, der am Horizont stets die Morgendämmerung einer neuen Menschheitsepoche sah, ist längst dahin. Erschöpft, abgeschabt und ausgemergelt, wie es ist, verwenden dieses utopische Passepartout nur noch schrille Diktatorendarsteller wie Venezuelas Hugo Chávez, dessen Sozialismus auch mehr an hohen Erdölpreisen hängt als an irgendeiner revolutionären Idee.
Symptomatisch ein Gespräch auf einer Geburtstagsparty junger Menschen in Berlin-Mitte. Auch auf insistierendes Nachfragen beharrte der schlaksige Mann, Ende dreißig, darauf, die ganze Finanzkrise sei nichts weiter als eine "Delle" der Weltgeschichte. "Das biegt sich wieder gerade." Ob der 11. September 2001 auch eine "Delle" gewesen sei? "Gewiss", gab der postmoderne Stoiker zurück. Und der islamische Terror seitdem? "Dito".
Geschmack und Anstand verbaten, nach den beiden Weltkriegen und dem Völkermord an den Juden zu fragen. Doch in einer gewissen Logik ist für die Nachgeborenen alles irgendwie vergessen und vorbei, was sie selbst nicht wirklich erlebt und erlitten haben. So viel historische Contenance war selten, und selten war sie so jung. Kein Ausnahmezustand nirgends.
Delegieren, konsumieren
Offensichtlich verlässt sich die "Generation Golf", die mit Nutella und "Wetten, dass...?" groß geworden ist, wie selbstverständlich auf die gewählte Regierung (auch wenn sie sonst nicht viel von Politikern hält), geht ihren Geschäften nach und freut sich auf den nächsten Latte Macchiato unterm Heizpilz am Prenzlauer Berg. Delegieren heißt das Prinzip – von Grundlagen leben, für die man selbst nichts getan hat. Kein Wunder, dass aktuelle Umfragen von überwältigenden Mehrheiten für die Verstaatlichung heimischer Schlüsselindustrien künden - Vater Staat wird schon aufpassen, dass nichts aus dem Ruder läuft.
Sind wir also, trotz Afghanistan, Irak, Pakistan, Sudan und all den anderen Dauerkonflikten, doch im viel zitierten "Posthistoire" angekommen, am Ende einer langen Geschichte, in der es noch ums Ganze gegangen war, um Demokratie, Freiheit und Menschenrechte, Fortschritt und Frieden?
Leben wir nun also, trotz aller Bankenkrisen und sonstigen Katastrophen, in angenehm postdramatischen und postheroischen Zeiten, in denen wir die "leidenschaftliche Hingabe an die Vernunft" (Max Weber), den Kampf um eine menschenwürdige Zukunft, getrost Angela Merkel und Peer Steinbrück überlassen können?
Immerhin: Im öffentlichen Podiumsgespräch mit dem SPIEGEL hat der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer, der immer noch stundenlang über alle "Krisenbögen" der Welt referieren kann, den weltweiten Finanzcrash als "zweiten Mauerfall" bezeichnet – als vergleichbar dramatischen Umbruch des westlichen Systems.
Zumindest einen gravierenden Unterschied gibt es aber doch: All jene, die im November 1989 über die geöffnete Grenze in den Westen strömten, glaubten, das Land einer neuen verheißungsvollen Zukunft zu betreten. Heute aber gibt es kein gelobtes Land mehr. Nicht einmal eine konsistente Theorie, eine revolutionäre Landkarte, wie es zu erreichen wäre.
So bleibt allein die Weisheit eines Egon Friedell, der in seiner "Kulturgeschichte der Neuzeit" zum Übergang vom Mittelalter zur Renaissance die Krise als produktive "Krankheit" beschrieb: "Vielmehr ist es klar, dass jede fruchtbare Neuerung, jede wohltätige Neubildung sich nur auf dem Wege eines ‚Umsturzes’ zu vollziehen mag."
Er selbst, jüdischer Herkunft, war allerdings kein gutes Beispiel dieser tröstlichen Geschichtsbetrachtung. Als die Nazis 1938 in Wien einmarschierten, stürzte er sich aus seinem Wohnhaus in den Tod.
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Eine Verbesserung des bestehenden Systems ist nicht gewollt (exemplarisch mal folgender Artikel: Die geschlossene Demokratie (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28097/1.html)). Sie duerfen darueber reden (das beruhigt [...] mehr...
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Dass die DDR doch nicht so unmenschlich war? Oder dass die Oberen nun Angst vor ihrem Volk hatten, weil sich der große Bruder in Moskau von ihnen abgewandt hatte? Oder dass Mächte im Hintergrund schon längst beschlossen hatten, [...] mehr...
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