SPIEGEL ONLINE: Sie haben eben das Thema Adoptionsrecht angesprochen. Würde sich TIMM für eine politische Kampagne hergeben?
Lukas: Nein, wir selbst sollten uns einer Meinung enthalten und journalistische Distanz wahren. Wenn wir einen gesellschaftspolitischen Programmauftrag haben, ist es der: zur Selbstverständlichkeit von Homosexualität beizutragen, indem wir über unterschiedlichste Themen berichten. Wenn wir für alle Belange der Szene kämpfen würden und uns nur als Sprachrohr sähen, wären wir eben doch ein schwuler Sender.
SPIEGEL ONLINE: Homosexualität ist auch bei normalen Sendern Thema – was unterscheidet sie von denen überhaupt?
Lukas: Ein Beispiel: Ich habe jahrelang "AndersTrend" moderiert, das schwule Magazin bei RTL. Wir hatten viermal im Jahr 20 Minuten Zeit, um die ganze Bandbreite schwulen Lebens abzubilden. Außerdem standen wir unter Quotendruck. Zumindest die Privatsender müssen ja knackige Renditen erwirtschaften. Und das klappt eben nur mit vielen Zuschauern – was auch völlig okay ist. Ein Sender wie RTL kann sich also gar nicht auf die medialen Bedürfnisse von schwulen Männern konzentrieren.
SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?
Lukas: Das ist so ähnlich wie bei einem Gesundheitsmagazin - das kann sich ja auch nicht nur an Ärzte richten, sondern muss immer alles erklären. Bei "AndersTrend" durften wir beispielsweise nicht codiert texten.
SPIEGEL ONLINE: Decodieren Sie bitte den Ausdruck: codiert texten.
Lukas: Das bedeutet, Wörter zu benutzen, die nur von unserer Zielgruppe verstanden werden. Wer im angloamerikanischen Sprachraum wissen will, ob jemand schwul ist oder zumindest zum engeren Freundeskreis eines Schwulen gehört, fragt: Are you family? Das hat sich eingedeutscht. Ganz nebenbei: Der Siemens-Slogan "Wir gehören zur Familie" kam deshalb bei Schwulen etwas anders an. Bei TIMM haben wir die Chance, unseren Autoren zu sagen: so spitz wie möglich texten, es reicht, wenn unsere Zielgruppe das versteht!
SPIEGEL ONLINE: Sie wollen also nicht verstanden werden. Können Sie mit dem Vorwurf des Ghetto-Fernsehens etwas anfangen?
Lukas: Nein. Die Begriffe Ghetto und Fernsehen schließen einander aus. Wir sind frei empfangbar, jeder kann uns anschauen – aber niemand muss. Alle sind herzlich eingeladen. Der Frauenanteil unter den Zuschauern bei "AndersTrend" lag übrigens bei rund 50 Prozent. Um so bedauerlicher, dass die großen Sender so häufig Klischeeschwule zeigen.
SPIEGEL ONLINE: Wer oder was ist denn ein Klischeeschwuler?
Lukas: Na ja, so einer mit gebrochenem Handgelenk. Sie wissen schon: Die typisch tuntige Handstellung, diese Geste aus der Klamaukkiste á la "Ein Käfig voller Narren".
SPIEGEL ONLINE: Und die sehen wir überall im deutschen Fernsehen?
Lukas: Zugegeben, nein, nicht überall. Bei RTL scheint ja jetzt in jeder DSDS-Staffel mindestens ein Schwuler mitzusingen, was mir gut gefällt. Mark Medlock etwa ist für mich überhaupt kein Klischeeschwuler. Aber eine erfolgreiche TV-Figur wie Ross Anthony eben schon.
SPIEGEL ONLINE: Worin unterscheiden sich die beiden denn?
Lukas: Mark wirkt sehr authentisch, er überrascht. Und er überzeugt mit einem qualitativ hochwertigen Produkt: seiner guten Stimme. Ross dagegen – den ich nett finde und der seine Sache ja auch gut macht – setzt auf sein Schwulsein und verkauft sich selbst entsprechend. Er geht ganz in seiner Rolle als Tunte auf.
SPIEGEL ONLINE: Das mag sein. Der Vorwurf trifft aber sicher nicht für Dutzende schwuler und lesbischer Charaktere in den deutschen Soaps zu.
Lukas: Stimmt. Für die relativ kurze Zeit, seitdem Soaps solche Figuren integrieren, machen sie das gut und tragen zum Abbau von Vorurteilen bei – auch, weil sie so häufig ausgestrahlt werden, daher also sehr präsent sind. Dennoch: Bei Figuren wie Ross muss ich wegzappen.
SPIEGEL ONLINE: Ross Anthony fällt also vermutlich weg, wenn ich Sie jetzt frage: Würden Sie gern einen schwulen TV-Promi für TIMM engagieren?
Lukas: Ach, die bekannten Gesichter kennt man ja schon sehr lange. Da muss mal eine Riege nachrutschen – warum also nicht einer von unseren talentierten Jungs?
SPIEGEL ONLINE: Die aus ihrer Sicht zudem den entscheidenden Vorteil haben: Sie sind nicht so teuer.
Lukas: Sicher, wir sind klein und bescheiden. Die Promis der großen Sender werden wir uns ohnehin nicht leisten können. Aber falls einer von denen doch mal bei uns anklopfen sollte: Ich schließe theoretisch nichts aus.
SPIEGEL ONLINE: Würden Sie Dirk Bach eine Show geben?
Lukas: Er ist ein hervorragender Entertainer, aber das ist eine Frage des Formats – passt das, was er macht, zu uns? Nicht jeder kann alles, wie man an Boris Beckers Talkshow-Versuch gesehen hat.
SPIEGEL ONLINE: Sie weichen aus.
Lukas: Weil Sie Fangfragen stellen. Ich sage jetzt einfach zu jedem Ja. Deswegen: Ich finde Dirk Bach süß!
SPIEGEL ONLINE: Und wie wäre es mit Patrick Lindner?
Lukas: Auch Patrick Lindner ist niedlich.
Das Interview führte Thorsten Dörting
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