Von Max Thomas Mehr
Stellt die Finanzkrise nun alles in Frage, was nach der Wende 1989 geklärt schien, dass nämlich der Kapitalismus das überlegene System sei? So fragt die gelernte DDR-Bürgerin Illner gleich zu Beginn in Abwandlung eines berüchtigten Honecker-Spruchs aus der Endzeit der Arbeiter- und Bauernstaates.
Kontrahenten Merz, Lafontaine: Schlagabtausch auf höherem Niveau, als man es öffentlich-rechtlich gewöhnt ist
Beinahe. Denn Oskar Lafontaine liefert an diesem Abend eine Lehrstunde in Sachen Populismus ab, den die Sozialdemokraten genau studieren sollten, bevor sie 2009 in den Wahlkampf ziehen. Lafontaine kommt an.
Er geißelt den Finanzkapitalismus mit seinen "Papiermärkten", die wie die Warenmärkte der Realwirtschaft behandelt würden. Er hat immer wieder griffige und plausibel klingende Beispiele. Einprägsam und nicht nur im Fernsehen, sondern auch im Bierzelt vermittelbar: Wenn die Wirtschaft nur drei Prozent wächst, dann sei es doch verrückt, wenn Herr Ackermann 25 Prozent Rendite will, findet er. Gebetsmühlenartig kritisiert Lafontaine immer wieder das Fallen der Lohnquote, das Sinken der Renten und Hartz IV.
Angesichts des bereitgestellten 500-Milliarden-Schutzschirms für die Banken fordert Lafontaine "einen Schutzschirm für die Arbeitsplätze". Die rhetorische Figur der Wiederholung: das kann man sich einfach gut merken.
Gegen Ende lobt der immer schon frankophile, angeblich "linke" Saarländer auch noch den konservativen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy. Der habe alles richtig gemacht in der Finanzkrise, zunächst auch gegen Merkel. Lafontaine lässt sich nicht einordnen ins Links-rechts-Schema. Nicht nur die SPD, auch die CDU wird sich noch ganz anders mit dem einstigen Lieblingsenkel von Willy Brandt beschäftigen müssen.
Links liegen lassen funktioniert nicht, rechts liegen lassen wohl auch nicht. Lafontaines Angriff auf die formale Demokratie wirkt unverbrauchter als alle Zynismen eines Gregor Gysi. Wenn er im Handumdrehen Demokratie neu definiert als einen politischen Aggregatzustand, in dem die sozialen Interessen der Mehrheit bestimmen, sieht der Sauerländer Merz, der "mehr Kapitalismus wagen" will - so sein jüngster Buchtitel - dagegen ziemlich blass aus.
Im Angesicht der Krise gelingt es dem Saarländer, die von Merz zu Recht zitierten Freiheitswerte weniger bedeutend erscheinen zu lassen. Und das ist der eigentliche Skandal der Sendung: Weder dem CDU-Mann noch der Moderatorin gelingt es hier, Lafontaine Einhalt zu gebieten.
Richtig schlimm wird es für Merz, als es um die Privatisierung der Immobilienbank IKB geht. Seine Rolle bleibt unklar.
Mit süffisanten Andeutungen gibt Lafontaine zu verstehen: Erst habe der Staat mit zehn Milliarden Euro die Insolvenz der Bank verhindert und die Verluste all dieser "Schrottpapiere" (Lafontaine) sozialisiert, um sie dann an eine Heuschrecke zu verkaufen. Und diesen Deal der Heuschrecke Lone Star habe ausgerechnet das Anwaltsbüro betreut, in dem auch Friedrich Merz tätig ist. Der wehrt gleich ab: Er habe damit persönlich nichts zu tun gehabt. Auch hier eine schwache Moderatorin: sie bringt die Geschichte über einen Einspielfilm ein, klärt aber letztlich nicht die Fakten.
Maybrit Illner hat sich mit ihrer Sendung viel vorgenommen. Trotz gelegentlicher Hänger bot die Talkshow einen Schlagabtausch auf höherem Niveau, als man es – auch öffentlich-rechtlich – gewöhnt ist. Marcel Reich-Ranicki hätte ruhig zugucken können. Vor allem hat die Sendung eine Vorahnung davon vermittelt, wie der nächste Wahlkampf aussehen könnte. Auch wenn Friedrich Merz ja kaum dabei sein wird.
Eines jedenfalls ist sicher: Würden sich Talkshow und Realpolitik an den Börsen so behaupten müssen wie VW und Daimler, dann hätte Lafontaines Aktie einen ziemlichen Sprung nach oben gemacht. Aber bis zur Wahl ist es ja noch hin – und bis dahin kann noch so manche Blase platzen.
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