Mittwoch, 10. Februar 2010

Kultur



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04.11.2008
 

Obamas Gelassenheit

Kalt, cool, brothercool

Von Anjana Shrivastava

Er ist der coole Kandidat - für manche eiskalt, für viele der stressresistente Krisenmanager. In der Debatte über Barack Obamas Charakter geht eines allerdings unter: Für Afroamerikaner in den USA war es jahrzehntelang schlicht überlebenswichtig, Gefühle unter Kontrolle zu halten.

Früh behaupteten seine Gegner, Obama sei zu kühl für Amerika. Zu arrogant und zu abgehoben wirke er, als dass eine Mehrheit ihn zum Präsidenten wählen würde. Doch auf der Zielgeraden scheint ausgerechnet Obamas Coolness dem gestressten Kandidaten einen entscheidenden Vorsprung zu geben.

Sogar unter Konservativen ist es inzwischen in Mode gekommen, Obamas "erstklassiges Temperament" zu loben. David Brooks etwa lobte in der "New York Times" die "übermenschliche Selbstbeherrschung".

Doch was heißt es in den USA eigentlich, cool zu sein? Selbst wenn alle Amerikaner das Wörtchen wohl jeden Tag benutzen, meinen sie ganz unterschiedliche Eigenschaften damit.

"Cool" gibt es im landläufigen Sinne – so wie die Schauspieler Steve McQueen oder Kiefer Sutherland den Begriff geprägt haben; weiße Supercops mit Sonnenbrille, die mit starrer Miene die Welt retten.

Aber es gibt auch jene Coolness, die Schwarze mit "brothercool" bezeichnen. "Brothercool" bedeutet nicht allein bloße Contenance, mit der man Stress oder Unruhe ein paar Stündchen zukleistern kann.

Wer sich - wie Obama - im politischen Dauerlauf befindet, der muss seine innere Ruhe länger als für nur eine Folge von "24" aufrecht erhalten können. Er braucht sie für den ganzen Wahlkampf, über ein Jahr lang, 24 Stunden jeden Tag.

Der Bush-Berater Karl Rove hat einmal behauptet, Obama sei "cool" im Sinne von "kühl". Er spielte damit auf ein europäisches Bild vom kühlen Aristokraten an, der ob seiner Macht, seiner Bildung und seines Reichtums auf gemeine Menschen und Vorfälle gar nicht erst reagieren muss. Daher nahm Rove an, dass das amerikanische Volk Obama als elitär ablehnen würde.

Rove irrte. Denn Obamas Coolness hat ihre Wurzeln nicht in Europa, sondern in Afrika. Sie ist eine Eigenschaft, die untrennbar mit dem schwarzen Leidensweg in den USA verbunden ist. "Brothercool" ist eine seit Jahrhunderten praktizierte Überlebenstechnik für schwarze Männer.

Seit dem 17. Jahrhundert mussten schwarze Sklaven damit leben, dass ihre Herren sie misshandelten und töteten, ihre Familien auseinanderrissen und sogar Kinder als lebendige Verkaufsware missbrauchten.

Wer da seine wahren Gefühle nicht im Griff hatte, lebte gefährlich. Schwarze Männer, die offen rebellierten, die ihre Wut zeigten, riskierten ihr Leben. Diejenigen aber, die sich trotz unwürdiger Bedingungen absolut unter Kontrolle hatten, ohne sich innerlich der Außenwelt zu unterwerfen, hatten gute Chancen, ihr Schicksal zu überstehen - und am Leben zu bleiben.

Obamas Großvater war ein mächtiger Bauer des ostafrikanischen Luo-Stammes. Er praktizierte traditionelle Medizin in seinem Dorf am Victoria-See in Kenia, wo das Leben seit je eisern nach den Gesetzen der Älteren ablief.

Und im traditionellen Afrika zeigen nicht die Jungen Coolness, sondern die Alten. Sie haben ihre emotionalen Konflikte für sich gelöst und geben diese Ruhe an Jüngere oder Streitende weiter. Die westafrikanischen Yoruba haben ein Wort für solche Coolness: "Itutu", eine Art mystisches Temperament, das laut Yale-Historiker Robert Farris Thompson ("A Flash of Spirit") mit der blauen Farbe kühlenden Wassers symbolisiert wird.

Der republikanische Werbespot, der Obama am meisten geschadet hat, zeigte den strahlenden Demokraten vor einer riesigen Menschenmenge an der Berliner Siegessäule. Obama erschien darin als ein Bote des Unernstes und der Untiefe, der Clip schien das Klischee des US-Politikers als Honigkuchenpferd und Strahlemann zu bestätigen.

Doch eigentlich lächelt Obama kaum, sondern wirkt im Gegenteil meist fast grau in grau und übernüchtern, so dass sein Berliner Lächeln um so elektrisierender - und auch irritierender - wirkte.

Diese Gemütsruhe will Robert Farris Thompson mit dem Begriff "Flash of Spirit" andeuten: die afrikanische Coolness des charismatischen und spirituellen Führers.

Viele Afroamerikaner haben sie. Denn sobald Völker wie die Yoruba von den Weißen versklavt wurden, mussten alle Individuen diese Selbstkontrolle vorweisen können - und entwickelten so unter brutalem Zwang die traditionelle Coolness ihrer afrikanischen Heimat weiter.

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