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Obamas Gelassenheit Kalt, cool, brothercool

2. Teil: Das Selbstbewusstsein des Sklaven

Ein Sklave musste zunächst die beschwerliche Passage in die neue Welt überleben. Wer überlebte, gelangte meist auf Plantagen im amerikanischen Süden, wo die Bedingungen zwar besser waren als an Bord - aber das Leben dennoch trist und aussichtslos.

Ein Gefangener war innerlich nicht sofort ein Sklave. Die afrikanischen Männer in der neuen Welt, besonders die sehr jungen, rasteten oft aus, weigerten sich, ihr neues Leben anzutreten.

Was sollte ein weißer Sklavenhalter da tun? Der Neuling war ja in seinen Augen eine sehr teure Investition, die sich rentieren musste. Brutale Gewalt konnte also nicht unbedingt die Antwort sein, psychologisch raffinierte Lösungen waren gefragt.

Wie die aussahen, lässt sich noch heute in Orten wie Charleston in South Carolina besichtigen. Auf den dortigen Plantagen gab es kleine Verwahrungszellen, in denen neue Sklaven an ihre neue Heimat gewöhnt werden sollten.

Wie ging das vonstatten?

Der neue Sklave wurde in eine dieser Zellen gesperrt. In der benachbarten Zelle, klein und schäbig wie eine Holzkiste, zog ein älterer Mann ein, ein Sklave, der schon lange auf der Plantage lebte. Wie ein versklavter Beichtvater sollte er durch ein Gitter beruhigend auf den Neuen einreden.

Der Ältere durfte kommen und gehen, er lobte das Essen und die neue Welt, er half den Neuen, ihre Freiheit zu vergessen. So nutzte das Sklavensystem den traditionellen afrikanischen Respekt vor dem Älteren, seine kühlende Wirkung auf den Jüngeren, für sich.

War der rebellische Geist derart erst einmal gezäumt, gingen die weißen Sklavenhalter mit den schwarzen Männern nicht selten um wie mit Pferden. Sie züchtigten sie mit Pferdepeitschen, handelten mit ihnen wie mit Vieh, trennten sie von Frauen und Kindern.

Wer verbergen konnte, wie sehr ihn das alles schmerzte, behielt zumindest etwas Würde in der Unterwerfung. So entstand afroamerikanische Coolness - die wesentlich mehr ist als eine bloß oberflächliche, aristokratische Geste der Abwiegelung, wie sie Bushs Berater Rove offenbar zu sehen meinte.

Obamas Vater war Kenianer, seine Ahnen sind nie durch die Schule der Sklaverei gegangen. So gesehen ist sein Selbstbewusstsein eben nicht nur die Attitüde des Unterworfenen.

Trotzdem ist Obama Erbe dieser Geschichte, wenn nicht direkt durch den Vater, dann doch indirekt. Früh hat er etwa begriffen, dass die Ehe zwischen seiner weißen Mutter und seinem schwarzafrikanischen Vater in seinem Geburtsjahr 1961 in der Hälfte der amerikanischen Bundesstaaten als Straftat betrachtet wurde: das Verbrechen der "Rassenmischung".

"In Teilen des Südens hätte mein Vater von einem Baum gehängt werden können, nur weil er meine Mutter auf eine bestimmte Art angesehen hat", schreibt Obama in seiner Autobiografie "Dreams from my Father". Und im Norden hätten damals viele weiße Frauen im Gegensatz zu seiner Mutter eine solche Schwangerschaft illegal beendet.

Was heißt das? Schwarze Männer wie sein Vater mussten in der Lage sein, jede noch so kleine Geste zu beherrschen. Als Obama zum Mann reifte, merkte er, dass sich sogar seine eigene Mutter gelegentlich vor seiner rebellenhaften Attitüde ängstigte. In seiner Autobiografie beschreibt er, dass er auch vor seiner eigenen, liberalen Mutter - wie bei allen Weißen - nie vergaß, ganz ruhig zu bleiben, keine schnelle Bewegungen zu machen, keine Unsicherheit aufkommen zu lassen.

Und früh erkannte er auch, dass fast alle akzeptablen Rollen für Schwarze - ob Komiker, Musiker oder Sportler - ihn nur auf Stereotypen reduzieren würden.

"Im besten Sinne waren alle diese Dinge nur Refugien, im schlimmsten Sinne einfach eine Falle. Alles was man wirklich selber auswählen konnte, war das Sichzurückziehen in eine kleinere und noch kleiner gehaltene geballte Wut, bis das Schwarzsein nicht anderes war als das Bewusstsein über die eigene Machtlosigkeit und der eigenen Niederlage. Und die endgültige Ironie: Sollte man diese Niederlage von sich weisen und sich aktiv dagegen wehren, würden die anderen auch dafür einen Namen dafür haben, einen Namen, der Dir genauso als Gefängnis dienen würde. Paranoid. Militant. Gewalttätig. Nigger."

Was bleibt in dieser Zwickmühle außer Coolness?

Immer wieder haben seine Unterstützer in diesem Wahlkampf behauptet, Obama müsse mehr Feuer, mehr Biss und mehr Kampfeslust zeigen.

Er lehnte solche Vorschläge kategorisch ab. Weder gegen Hillary Clinton noch gegen John McCain hat er seine Gegnerschaft offen zur Schau getragen.

Spätestens seit der Finanzkrise scheint diese Strategie der Coolness aufzugehen. Die meisten Wähler wissen es zu schätzen, dass sich Obama stets besonnen zeigt, nie überreagiert - im Gegensatz zur implodierenden Welt der Börsen. So, als wollte Obama einen langsamen und geschmeidigen Sieg anstreben.

In Afrika heißt dies ein "kühles Mundwerk" pflegen: das Schweigen sprechen zu lassen.

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insgesamt 25 Beiträge
libertarian 04.11.2008
Ich finde es entwuerdigend, wie Leute wie Obama mit unter auf ihre Hautfarbe reduziert werden, alte dumme Stereotype bedient werden (was hat Obama mit Sklaven zu tun?) und unterschwellig damit die "Restbevoelkerung" [...]
Zitat von sysopEr ist der coole Kandidat - für manche eiskalt, für viele der stressresistente Krisenmanager. In der Debatte über Barack Obamas Charakter geht eines allerdings unter: Für Afroamerikaner in den USA war es jahrzehntelang schlicht überlebenswichtig, Gefühle unter Kontrolle zu halten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,587711,00.html
Ich finde es entwuerdigend, wie Leute wie Obama mit unter auf ihre Hautfarbe reduziert werden, alte dumme Stereotype bedient werden (was hat Obama mit Sklaven zu tun?) und unterschwellig damit die "Restbevoelkerung" mit anderer Hautfarbe gleich mit eingetuetet und kategorisiert wird. Sind das wirklich Ueberzeugungen, die uns die Autorin nahebringen will? Oder dient das alles dazu, dass man sich nicht mit politischen INHALTEN (oder deren Abwesenheit) auseinandersetzen darf, ohne als Rassist hingestellt zu werden? So oder so waere das bedenklich. Den Begriff "brothercool" (auch noch zusammengeschrieben?) habe ich noch nie gehoert und haette gerne mal eine Quelle dafuer. Ich bezweifele, dass das ein irgendwo ernsthaft gebraeuchlicher Begriff ist, lerne aber immer gerne noch dazu.
solarfighter 04.11.2008
Selten soviel Murks in einem Artikel gelesen: Mal ein paar Fakten: 1.) Die Eltern von Obama ließen sich scheiden, als er zwei Jahre alt war. Der Vater ist erst in einen anderen Bundesstaat gezogen und danach zurück nach [...]
Zitat von sysopEr ist der coole Kandidat - für manche eiskalt, für viele der stressresistente Krisenmanager. In der Debatte über Barack Obamas Charakter geht eines allerdings unter: Für Afroamerikaner in den USA war es jahrzehntelang schlicht überlebenswichtig, Gefühle unter Kontrolle zu halten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,587711,00.html
Selten soviel Murks in einem Artikel gelesen: Mal ein paar Fakten: 1.) Die Eltern von Obama ließen sich scheiden, als er zwei Jahre alt war. Der Vater ist erst in einen anderen Bundesstaat gezogen und danach zurück nach Kenia gegangen. Wie auch erwähnt, war der Vater ein Austauschstudent aus Kenia, dessen Sippe nicht viel mit Sklaverei zu tun hatte. Dieser Vater sollte sich also in dieser kurzen Zeit einen Afroamerikanischen Habitus zugelegt haben und dann innerhalb von 2 Jahren an ein Baby prägend gewesen sein? Eine ganz steile These. Für Rassenunterschiede und gesellschaftliche Schichten interessieren sich Kinder frühestens mit 5-6 Jahren. 2.) Seine Mutter hatte kurz nach der Scheidung einen Asiaten geheiratet und ist mit ach Indonesien gezogen. Der Sohn ist dort als Amerikaner in die örtlichen Schulen gegangen, bis er 10 Jahre alt war. 3.) Danach ist er auf eine Privatschule in Hawaii gegangen bis er 19 Jahre alt war. Hierbei sollte man nie vergessen, dass auf Hawaii die Menschen europäischer Herkunft nur eine Minderheit von ca. 25% darstellen. Obama hat also mit der Rassenproblematik nicht viel zu tun gehabt, bis er volljährig war. Die Mehrheit seiner Mitmenschen in der Umgebung waren Asiaten. Oder er bewegte sich in einem Rahmen, wie z.B. die Privatschule, bei der rassistische Tendenzen mit Sicherheit unterbunden wurden. Natürlich gibt es auch rassistische Asiaten, die auf Afroamerikaner herabschauen, Diese konnte aber auch ein Obama mit dem weißen Teil seiner Herkunft auskontern. Es macht schon einen sehr großen Unterschied, ob ein Teil der unmittelbaren Vorfahren Sklaven gewesen sind, oder nicht. Die „Coolness“ von Obama dürfte eher herkunftsbedingt mütterlicherseits sein. (Diese Linie ist ja wohl auch recht wohlhabend.) Zweitens ist Obama bewusst, dass er als „Bruder“ im afroamerikanischen Milieu nicht punkten kann, weil dieses immer aufgesetzt wäre. Drittens prägen ja auch Ausbildung und Beruf. Weder Senatoren noch Anwälte stehen in dem Ruf besondere Gefühlsbündel zu sein.
Mustermann 04.11.2008
Reduktion auf die Hautfarbe? Hab ich in diesem Artikel nicht gefunden. Es ging um die 'coolness' des Kandidaten und die 'coolness' schwarzer Amerikaner, und Wurzeln dieser Haltung. Ist doch ein interessanter Aspekt. Wieso [...]
Zitat von libertarianIch finde es entwuerdigend, wie Leute wie Obama mit unter auf ihre Hautfarbe reduziert werden, alte dumme Stereotype bedient werden (was hat Obama mit Sklaven zu tun?) und unterschwellig damit die "Restbevoelkerung" mit anderer Hautfarbe gleich mit eingetuetet und kategorisiert wird...
Reduktion auf die Hautfarbe? Hab ich in diesem Artikel nicht gefunden. Es ging um die 'coolness' des Kandidaten und die 'coolness' schwarzer Amerikaner, und Wurzeln dieser Haltung. Ist doch ein interessanter Aspekt. Wieso Überzeugung. Die Autorin beschreibt eine Haltung und ein Lebensgefühl. Macht nix. Da kann ich Ihnen behilflich sein Black Men's Voices (http://forum.spiegel.de/newreply.php?do=newreply&p=2939278) oder hier Cool: The Ultimate Weapon of the Black Man (http://aaea-la.blogspot.com/2007/01/cool-ultimate-weapon-of-black-man.html) oder hier The Hard Core Of Cool (http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2006/12/29/AR2006122901740_5.html) Lassen Sie sich doch mal von einem guten Freund die Benutzung ein Suchermaschine zeigen. Ist interessant. Guter Artikel.
brandolino 04.11.2008
Die Idee der Autorin finde ich höchst interessant, afro-amerikanische Coolness als ehemalige (?) Überlebensstrategie zu deuten. In diesem Lichte habe ich die "Coolness" von Afro-Amerikanern noch nie betrachtet. Doch [...]
Die Idee der Autorin finde ich höchst interessant, afro-amerikanische Coolness als ehemalige (?) Überlebensstrategie zu deuten. In diesem Lichte habe ich die "Coolness" von Afro-Amerikanern noch nie betrachtet. Doch finde ich diesen Erklärungsversuch einleuchtend.
Eutighofer 04.11.2008
Am Rande: Die meisten schwarzen Amerikaner bzeichnen sich NICHT als Afro-Amerikaner sondern als BLACK. Obama selbst bezeichnet sich ebenfalls als BLACK AMERICAN. Die Milchmädchenphilosophie in diesem Artikel hat mit Obamas [...]
Zitat von sysopEr ist der coole Kandidat - für manche eiskalt, für viele der stressresistente Krisenmanager. In der Debatte über Barack Obamas Charakter geht eines allerdings unter: Für Afroamerikaner in den USA war es jahrzehntelang schlicht überlebenswichtig, Gefühle unter Kontrolle...
Am Rande: Die meisten schwarzen Amerikaner bzeichnen sich NICHT als Afro-Amerikaner sondern als BLACK. Obama selbst bezeichnet sich ebenfalls als BLACK AMERICAN. Die Milchmädchenphilosophie in diesem Artikel hat mit Obamas Herkunft gar nichts zu tun. Der Artikel ist ja fast schon diskriminierend, früher wurden Schwarze ja auch mal als besonders emotional bezeichnet, das wurde auf "die Glut des Dschungels" o.ä. zurückgeführt. Nun sind manche "brothercool", die Sklaverei hat sich anscheinend in ihr Erbgut gebrannt.(Lamarck lässt grüßen) Das ist Hobbypsychologie geistig ärmster Art.
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