Von Anjana Shrivastava
Ein Sklave musste zunächst die beschwerliche Passage in die neue Welt überleben. Wer überlebte, gelangte meist auf Plantagen im amerikanischen Süden, wo die Bedingungen zwar besser waren als an Bord - aber das Leben dennoch trist und aussichtslos.
Ein Gefangener war innerlich nicht sofort ein Sklave. Die afrikanischen Männer in der neuen Welt, besonders die sehr jungen, rasteten oft aus, weigerten sich, ihr neues Leben anzutreten.
Was sollte ein weißer Sklavenhalter da tun? Der Neuling war ja in seinen Augen eine sehr teure Investition, die sich rentieren musste. Brutale Gewalt konnte also nicht unbedingt die Antwort sein, psychologisch raffinierte Lösungen waren gefragt.
Wie die aussahen, lässt sich noch heute in Orten wie Charleston in South Carolina besichtigen. Auf den dortigen Plantagen gab es kleine Verwahrungszellen, in denen neue Sklaven an ihre neue Heimat gewöhnt werden sollten.
Wie ging das vonstatten?
Der neue Sklave wurde in eine dieser Zellen gesperrt. In der benachbarten Zelle, klein und schäbig wie eine Holzkiste, zog ein älterer Mann ein, ein Sklave, der schon lange auf der Plantage lebte. Wie ein versklavter Beichtvater sollte er durch ein Gitter beruhigend auf den Neuen einreden.
Der Ältere durfte kommen und gehen, er lobte das Essen und die neue Welt, er half den Neuen, ihre Freiheit zu vergessen. So nutzte das Sklavensystem den traditionellen afrikanischen Respekt vor dem Älteren, seine kühlende Wirkung auf den Jüngeren, für sich.
War der rebellische Geist derart erst einmal gezäumt, gingen die weißen Sklavenhalter mit den schwarzen Männern nicht selten um wie mit Pferden. Sie züchtigten sie mit Pferdepeitschen, handelten mit ihnen wie mit Vieh, trennten sie von Frauen und Kindern.
Wer verbergen konnte, wie sehr ihn das alles schmerzte, behielt zumindest etwas Würde in der Unterwerfung. So entstand afroamerikanische Coolness - die wesentlich mehr ist als eine bloß oberflächliche, aristokratische Geste der Abwiegelung, wie sie Bushs Berater Rove offenbar zu sehen meinte.
Obamas Vater war Kenianer, seine Ahnen sind nie durch die Schule der Sklaverei gegangen. So gesehen ist sein Selbstbewusstsein eben nicht nur die Attitüde des Unterworfenen.
Trotzdem ist Obama Erbe dieser Geschichte, wenn nicht direkt durch den Vater, dann doch indirekt. Früh hat er etwa begriffen, dass die Ehe zwischen seiner weißen Mutter und seinem schwarzafrikanischen Vater in seinem Geburtsjahr 1961 in der Hälfte der amerikanischen Bundesstaaten als Straftat betrachtet wurde: das Verbrechen der "Rassenmischung".
"In Teilen des Südens hätte mein Vater von einem Baum gehängt werden können, nur weil er meine Mutter auf eine bestimmte Art angesehen hat", schreibt Obama in seiner Autobiografie "Dreams from my Father". Und im Norden hätten damals viele weiße Frauen im Gegensatz zu seiner Mutter eine solche Schwangerschaft illegal beendet.
Was heißt das? Schwarze Männer wie sein Vater mussten in der Lage sein, jede noch so kleine Geste zu beherrschen. Als Obama zum Mann reifte, merkte er, dass sich sogar seine eigene Mutter gelegentlich vor seiner rebellenhaften Attitüde ängstigte. In seiner Autobiografie beschreibt er, dass er auch vor seiner eigenen, liberalen Mutter - wie bei allen Weißen - nie vergaß, ganz ruhig zu bleiben, keine schnelle Bewegungen zu machen, keine Unsicherheit aufkommen zu lassen.
Und früh erkannte er auch, dass fast alle akzeptablen Rollen für Schwarze - ob Komiker, Musiker oder Sportler - ihn nur auf Stereotypen reduzieren würden.
"Im besten Sinne waren alle diese Dinge nur Refugien, im schlimmsten Sinne einfach eine Falle. Alles was man wirklich selber auswählen konnte, war das Sichzurückziehen in eine kleinere und noch kleiner gehaltene geballte Wut, bis das Schwarzsein nicht anderes war als das Bewusstsein über die eigene Machtlosigkeit und der eigenen Niederlage. Und die endgültige Ironie: Sollte man diese Niederlage von sich weisen und sich aktiv dagegen wehren, würden die anderen auch dafür einen Namen dafür haben, einen Namen, der Dir genauso als Gefängnis dienen würde. Paranoid. Militant. Gewalttätig. Nigger."
Was bleibt in dieser Zwickmühle außer Coolness?
Immer wieder haben seine Unterstützer in diesem Wahlkampf behauptet, Obama müsse mehr Feuer, mehr Biss und mehr Kampfeslust zeigen.
Er lehnte solche Vorschläge kategorisch ab. Weder gegen Hillary Clinton noch gegen John McCain hat er seine Gegnerschaft offen zur Schau getragen.
Spätestens seit der Finanzkrise scheint diese Strategie der Coolness aufzugehen. Die meisten Wähler wissen es zu schätzen, dass sich Obama stets besonnen zeigt, nie überreagiert - im Gegensatz zur implodierenden Welt der Börsen. So, als wollte Obama einen langsamen und geschmeidigen Sieg anstreben.
In Afrika heißt dies ein "kühles Mundwerk" pflegen: das Schweigen sprechen zu lassen.
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