Von Marc Pitzke, New York
New York - Das Memo kam zwei Tage nach der US-Präsidentschaftswahl. Es stammte von John Huey, dem obersten Redaktionsleiter der Time-Verlagsgruppe, und war an alle Mitarbeiter von "Money" adressiert, beim schicken Vorzeige-Wirtschaftsblatt des Hauses.
"Leider muss ich Ihnen mitteilen", schrieb Huey, "dass ein langjähriger Kollege, 'Money'-Chefredakteur Eric Schurenberg, die Time-Gruppe verlässt." Schurenbergs Abgang sei "Teil der durchgreifenden Veränderungen, denen unser Konzern unterzogen wird". Huey schloss mit dem lakonischen Wunsch: "Bitte wünschen Sie ihm gemeinsam mit mir alles Gute."
Es war ein Schock, nicht nur für die "Money"-Redaktion: Schurenberg ist ein Verlagsveteran und hat etliche Journalistenpreise eingeheimst. "Ich habe schon bessere Tage gesehen", sagte er dem Konkurrenzblatt "Portfolio". "Die erste Salve der Umstrukturierung hat mich direkt in die Brust getroffen."
Schurenberg ist das bisher prominenteste Opfer der eskalierenden Krise bei den US-Printmedien. Einst ausgelöst von der Abwanderung der Leser und Anzeigenkunden ins Internet und nun verschlimmert von der Wirtschaftskrise, macht sie auch vor Time Inc. nicht halt, dem weltgrößten Magazinhaus mit mehr als 120 Titeln ("Time", "People", "Sports Illustrated"). Die Tochter des Medienmolochs Time Warner hat Massenentlassungen angekündigt: Mehr als 600 Angestellte sollen gehen - sechs Prozent der Gesamtbelegschaft.
Details sind noch unklar, doch "Time", "SI", "People" und "Fortune" suchen bereits nach 90 Redakteuren, die "freiwillig" ihr Büro räumen. "Es ist eine Herausforderung", schrieb die Time-Vorstandsvorsitzende Ann Moore in einer internen E-Mail, "die wir so noch nie erlebt haben".
Im US-Verlagswesen hat der große Kahlschlag begonnen. Millionenverluste, Entlassungen, Notverkäufe, Auflagen- und Anzeigenschwund, sogar komplette Einstellungen von Blättern: Fast täglich gibt es neue Hiobsbotschaften.
Allein die Tageszeitungen haben dieses Jahr schon mehr als 24.000 Stellen gekürzt. Der Branchendienst "Mediabistro" protokolliert das Massaker mehrmals die Woche in einem "Drehtür-Newsletter" - im Internet natürlich.
Fast alle namhaften Titel büßen ein
Die Anzeigenumsätze der Printbranche schrumpfen, die Auflagen stürzen immer rasanter ab. Die aktuellen Zahlen des Audit Bureau of Circulations für das im September endende Halbjahr sind verheerend: Die Auflagen für die 506 größten US-Zeitungen sanken im Schnitt um 4,6 Prozent - fast doppelt so viel wie 2007.
Fast alle namhaften Titel büßten ein:
Lediglich "USA Today" und das "Wall Street Journal" legten zu - allerdings um weniger als ein Prozent (das "Journal" um exakt 117 Ausgaben).
Arthur Sulzberger, der Herausgeber der "New York Times" ("NYT"), will zwar von "Apokalypsen-Gerede" nichts wissen: "Vertrauenswürdige Stimmen" im Medienbetrieb werde es immer geben, sagte er kürzlich auf einer Tagung. Im gleichen Atemzug räumte er aber ein, dass Zeitungen wenig übrig bleibe als "sich selbst zu kannibalisieren, bevor jemand anders dich kannibalisiert". Im Klartext: Das Zeitungssterben hat begonnen - und das erste Symptom ist ein landesweiter Redaktionsschwund.
Selbst bei Sulzbergers "NYT", die schon lange mit Finanzproblemen kämpft und ins Kreuzfeuer der eigenen Aktionäre geraten ist. Die Aktie der ehrwürdigen Zeitung erreichte diese Woche mit 7,33 Dollar den tiefsten Stand seit zehn Jahren. Der Marktwert des Verlags fiel auf knapp eine Milliarde Dollar - fast ein Drittel dessen, was er im November 2007 noch wert war. Verkaufsgerüchte schmettert der Sulzberger-Clan, der die Kontrollmehrheit des Familienunternehmens hält, jedoch weiter ab.
Stattdessen baute die "NYT", im Zuge von Sulzbergers "Selbstkannibalisierung", dieses Jahr bereits 100 Redakteursstellen ab. Die meisten Leute wurden mit Abfindungspaketen zur "freiwilligen" Abdankung gelockt - darunter auch Linda Greenhouse, die altgediente Korrespondentin am Obersten Gerichtshof der USA, dem Supreme Court.
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