Von Marc Pitzke, New York
Auch anderswo kracht es im Gebälk. Die "Washington Post" beförderte mehr als hundert seiner 785 Redakteure in den vorzeitigen Ruhestand. Zugleich stockte es sein Büro im Weißen Haus auf - um den ersten exklusiven Web-Reporter, Chris Cillizza.
Gannett, der größte US-Zeitungsverlag ("USA Today"), will bis Dezember bei seinen 84 Zeitungen ("Arizona Republic", "Indianapolis Star", "Detroit Free Press") zehn Prozent der Stellen abbauen, also rund 3000 Mitarbeiter. Bereits im Sommer hatte Gannett 1000 Angestellte entlassen, im letzten Jahr waren es insgesamt 3500.
Das Unterhaltungsmagazin "Entertainment Weekly" kündigte 15 Redaktionsmitgliedern, bei "National Geographic" mussten 13 gehen. Selbst der "Playboy" trennte sich, nach bisher 10,4 Millionen Dollar Jahresverlust, von 80 Mitarbeitern.
Der Großverlag E.W. Scripps, dem Dutzende Lokalzeitungen gehören, verbuchte Quartalsverluste von 21 Millionen Dollar und strich 400 Stellen. Die Zeitungsrivalen "Star-Telegram" und "Dallas Morning News" in Texas erwägen eine redaktionelle Kooperation, um Kosten zu dämpfen.
Der "Christian Science Monitor", der dieses Jahr seinen 100. Geburtstag feierte, wird ab April nur noch als Internet-Ausgabe erscheinen. Ironie der Geschichte: Der renommierte Bostoner Titel besaß 1995 als eine der ersten Zeitungen in den USA eine Internet-Präsenz. "Tägliche Print-Ausgaben sind zu teuer geworden", bedauerte Chefredakteur John Yemma.
Dieser neuen Realität hat sich auch der "US News & World Report" gestellt, das drittgrößte Wochenmagazin nach "Time" und "Newsweek". Es wird ab nächstem Jahr nur noch monatlich erscheinen - mit wöchentlichen Updates im Web.
Liegt darin die Antwort auf die Krise? Kolumnist Phil Rosenthal von der "Chicago Tribune" hält die Flucht der Druckwerke ins Web für "interessant": Die Entscheidung des "Christian Science Monitor" sei ein "Testfall, der von jedem beobachtet wird, der es genießt, in Zeitungen zu blättern". Sein Fazit: "Alles steht zur Disposition - nicht nur, ob eine Zeitung auf Papier erscheinen muss."
Kurzlebiger Obama-Boom
Das trifft sicher auch auf den Tribune-Verlag mit seinen Schwesterblättern "Chicago Tribune" und "Los Angeles Tribune" sowie einem guten Dutzend Lokalzeitungen zu. Der Konzern, der vor einem Jahr an den Investor Sam Zell verkauft wurde, vermeldete am Montag einen Rekord-Quartalsverlust von 124 Millionen Dollar. Im Vergleichszeitraum 2007 hatte er noch 84 Millionen Dollar Gewinn gemacht.
Zell verordnete all seinen Blätter radikale Personalkürzungen und Sparmaßnahmen. Allein im Washingtoner Büro der "Chicago Tribune" verloren vier Reporter ihren Job, darunter Pulitzerpreisträger John Crewdson. Bei der "Los Angeles Tribune" haben die demoralisierenden Schnitte in kurzer Zeit mehrere Chefredakteure und leitende Redakteure verschlissen.
Zell sagt, das "ungeheuer schwierige finanzielle und wirtschaftliche Umfeld" binde ihm die Hände: "Die Zeitungsbranche leidet an außerordentlichen Anzeigenerlös-Rückgängen, und die Tribune ist da keine Ausnahme." Auch erwägt er, den berühmten "Tribune Tower" zu verkaufen, das neugotische Wolkenkratzer-Wahrzeichen der Zeitung in Chicago.
Dabei haben die US-Blätter gerade erst einen sensationellen - wiewohl kurzlebigen - Leseransturm erlebt: Am Tag nach der Wahl Barack Obamas zum neuen US-Präsidenten waren die meisten Zeitungen an den Kiosken binnen Minuten ausverkauft.
Die meisten Verlage druckten Millionen Exemplare nach und boten sie als "Erinnerungsausgaben" an, oft mit saftigem Aufschlag. Eine "New York Times" vom 5. November kostet 14,95 Dollar, ein gerahmter Nachdruck der Titelseite sogar 299 Dollar.
Die kurzlebige Auflagensteigerung änderte natürlich nichts am Fortschreiten der Krise. Selbst die Nachrichtenagentur AP - eine uramerikanische Institution, die ein Viertel ihres Umsatzes aus dem Zeitungsgeschäft bestreitet - wird mit in den Sog gerissen: Mehr als hundert Blätter haben angekündigt, ihr AP-Abonnement aus Kostengründen zu kündigen. Für den Preis der Agenturmeldungen, hat Jim Willse, der Chefredakteur des "Star-Ledger" in Newark, ausgerechnet, könne er mindestens zehn neue Redakteure einstellen.
Dem Obama-Boom der vergangenen Woche ist inzwischen die Luft ausgegangen. Bei Ebay war der Preis der "New York Times"-Wahlnummer am Donnerstagabend von mehr als 500 auf fünf Dollar abgesackt. Frische Bieter gab es noch keine.
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