Von Jens Lubbadeh
Es sind harte Zeiten für die Verlagshäuser. Seit Jahren sinken die Auflagen, bei Zeitungen wie Magazinen. Das Internet macht dem Print-Segment schwer zu schaffen, die Finanzkrise verschärft die Not. Alle fürchten einbrechende Werbeeinnahmen, es herrscht ein unangenehmer Klimawandel in der Branche; ob bei der "Süddeutschen Zeitung", dem Großverlag Gruner + Jahr oder der "WAZ"-Gruppe. Kein besonders guter Zeitpunkt also, um ein neues Magazin auf den Markt zu bringen.
Ein paar altgediente Axel-Springer-Journalisten wagen es trotzdem. Uwe Dulias, ehemals stellvertretender Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, seit 25 Jahren im Boulevard-Journalismus, hat das "Klima-Magazin" geschaffen: 150 Seiten für 4,80 Euro. Ein Heft, in dem es um nichts Geringeres als die Rettung des Planeten gehen soll.
Wow!
Udo Röbel, Ex-"Bild"-Chefredakteur, versucht, die Idee zu präzisieren: "Wir wollten Konsens, Einfachheit - ein News- und Lifestyle-Magazin". Röbel bildete mit Dulias so etwas wie die Keimzelle für das "Klima-Magazin".
Alles begann - wie kann es anders sein - bei einem Bier. In einer Zürcher Kneipe kamen Röbel und Dulias vor zwei Jahren die Idee: "Damals war gerade der erste Teil des neuesten IPCC-Berichts erschienen. Alle redeten plötzlich vom Klima und wir fragten uns: Warum macht eigentlich keiner ein Klima-Magazin?"
Heute ist Dulias Herausgeber des Magazins, Röbel sitzt im Beirat. Darin außerdem vertreten: Klimaforscher Mojib Latif vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel, und Hartmut Graßl, emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg. Als Chefredakteurin wurde Christel Vollmer verpflichtet, ehemals Chefreporterin der "Bild am Sonntag". Werner Köster, Mitbegründer der "Sport-Bild", ist als Chef vom Dienst dabei.
Was interessierte Leser also bisher eher von Greenpeace und Co. gewohnt waren, bekommen sie nun von Boulevard-Journalisten aufgetischt - das ist schon gewöhnungsbedürftig. Aber auch hier herrscht möglicherweise ein Klimawandel.
Wer soll das lesen?
Hinter dem Projekt steht kein Großverlag, betont Dulias, sondern die IOCCC Media GmbH (Information Board of Climate Change Communication), ein Kleinunternehmen, finanziert mit Eigenkapital. Auf Nachfrage gibt Dulias allerdings zu, dass er auf gewichtige Unterstützung zählen kann: Der Axel-Springer-Verlag übernimmt fast vollständig den Vertrieb des Magazins.
Aber wer soll dieses "Klima-Magazin" lesen?
"Alle, die diesen Planeten lieben", sagt Dulias. Also am besten jeder, Normalos wie er selbst. Aber eigentlich geht es um die Gruppe der "Lohas", neudeutsch für Lifestyle of Health And Sustainability; gebildete, meist kaufkräftige Menschen zwischen 35 und 50, die Wert auf einen nachhaltigen Lebensstil legen.
Die wollte kürzlich auch der Burda-Verlag erreichen: Ende 2007 hatte er das Magazin "Ivy" gestartet. "Lifestyle für eine bessere Welt" lautete der Untertitel. Doch nach nur einer Ausgabe war Schluss für die "Ivy"-Macher. Deshalb kümmert sich jetzt Rainer Gierke um den Anzeigenverkauf des "Klima-Magazins". Er war Gesamtanzeigenleiter der zu Burda gehörigen Verlagsgruppe Milchstraße - und damit für "Ivy" verantwortlich.
Lohas lieben es elegant. Und so weist denn die Pressemappe darauf hin, dass das Design des "Klima-Magazins" im Coffee-Table-Book-Charakter gehalten ist; es soll also auch als Zierde für das heimische Wohnzimmer dienen.
Wer das Magazin betrachtet, kommt nicht unbedingt auf diese Idee. Von der modernen Aufmachung von Heften wie "Neon" und "Brand eins" ist das "Klima-Magazin" weit entfernt. Auf dem in Blau-orange gehaltenen Cover der Erstausgabe: ein Foto von Barack Obama. Die Titelzeile: "Deutschland schreibt: Dear Mr. President. Erster Klima-Brief an den neuen Hoffnungsträger der Welt."
Aufgewärmter Al Gore
Im Heft selbst findet sich in bester "Bild"-Manier ein vorgeschriebener offener Brief: Coupon ausfüllen, ausschneiden und ab die Post nach Washington. Beziehungsweise nach Hamburg, wo die Redaktion des "Klima-Magazins" sitzt.
Außer Barack Obama auf dem Titel: ein Eisbär, ein Orang-Utan, Fische, ein Haus und ein Auto. Das umreißt die künftige Themenpalette ziemlich genau.
Wer das Heft aufschlägt, fühlt sich zunächst wie beim "Stern". Große Bilder, wenig Text, dann das journalistisch gewichtigste Stück: ein kritischer Artikel über Al Gore. "Mit allen Wassern gewaschen - wie sich der Klima-Guru mit alten Vorträgen immer aufs Neue die eigenen Taschen füllt", heißt es da markig.
In dem Text wird berichtet, wie Al Gore ursprünglich ein Vorwort schreiben sollte, und die Redaktion mit Gores Management vereinbarte, dem vielbeschäftigten Klimaschützer den Text vorzuschreiben - und ihn dann nur absegnen zu lassen.
Doch es kommt anders: Die Managerin Gores bietet an, dass der ja zum Launch des Magazins nach Deutschland kommen und einen Vortrag halten könne - für 300.000 Dollar Gage. Ein unverschämt hohes Honorar, finden die Autoren und berichten dann von ihrer Recherche über Gores Abzock-System mit seinen Vorträgen. Das Stück gibt sich investigativ, aber völlig neu sind die Vorwürfe nicht - bereits im vergangenen Jahr berichteten diverse Medien über Gores hohe Gagen.
Dass der "Klima-Guru" mit seinem Privatjet so gar nicht klimafreundlich reist, ist eine weitere Randnotiz. Die Redaktion konfrontierte Gore mit den Vorwürfen, bekam aber laut Chefredakteurin Vollmer keine Antwort.
So bleibt fraglich, ob Gore sich selbst die Taschen vollmacht, oder seine Gagen nicht vielleicht doch für Klimaschutz-Projekte spendet - wie er es beispielsweise mit seiner Gage von knapp 200.000 Dollar nach seinem Berlin-Vortrag im Oktober 2007 tat, wie die Nachrichtenagentur AP berichtete.
Weiter im Heft: Mit der Orang-Utan-Reportage ein Einsprengsel nach "Geo"-Art, ein Interview mit Sigmar Gabriel, ein Städte-Ringen zwischen Hamburg, Berlin, Köln und München um den Klima-Meistertitel. Und dann - Lohas aufgepasst! - viel Service: bewusst Investieren, bewusst Leben, bewusst Ernähren, bewusst Fahren, bewusst Reisen, bewusst Helfen.
Eine Service-Themenpalette, die sich angesichts ständiger Horrormeldungen über steigende Energiepreise, überfischte Meere und klimaschädliche Viehwirtschaft stetig neu bestücken lassen müsste. Ob aber der Dreiklang aus Negativmeldungen, Weltrettungsplänen und Do-it-yourself-Klimaschutz auf Dauer ausreicht?
Mit 100.000 Heften geht das "Klima-Magazin" am Montag erstmals an den Start, alle zwei Monate soll es erscheinen. Zur Rettung des Planeten werden viele Menschen mithelfen müssen, zur Rettung des "Klima-Magazins" würden 42.000 erst einmal reichen. Mit so vielen Lesern würde Dulias die Kosten einfahren. Doch zum Start bleiben die Macher bescheiden: "Alles über 25.000 wäre sensationell."
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