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18.11.2008
 

Fotografie-Buch

Das montierte Leben

Von Ingeborg Wiensowski

"Ein neuer und klarer Geist": In den USA macht Erwin Blumenfeld in den vierziger Jahren als Fotograf große Karriere, dabei konnte der Berliner Dada-Künstler viel mehr. In einem opulenten Buch wird Blumenfeld jetzt wiederentdeckt – als hochkreativer Allroundkünstler.

Er gehörte zu den berühmtesten und bestverdienenden Fotografen der vierziger und fünfziger Jahre, aber dass Erwin Blumenfeld (1897–1969) auch Künstler war, eine Art "Uomo universale", der schrieb, dichtete, zeichnete, Ölbilder malte, collagierte und montierte, war Zeit seines Lebens nur einem kleinen Kreis bekannt. Erst 1998, fast dreißig Jahre nach seinem Tod, wurde seine in den sechziger Jahren geschriebene Autobiografie, die er "Einbildungsroman" nannte, unter dem Titel "Durch tausendjährige Zeit" veröffentlicht, genau wie seine Lebensbilanz "Meine 100 besten Fotos" erst posthum erschien.

Über seine Collagen, die er schon als Halbwüchsiger begann, und deren handgemachtes Montageprinzip er später in seiner Fotografie mit anderen Mitteln, nämlich Licht und chemischem Prozess, weiterführte, ist das vorliegende Buch die erste umfassende Veröffentlichung überhaupt. Die Kunsthistorikerin Helen Adkins, Londonerin mit Wohnsitz in Berlin, hat ihre Dissertation über Blumenfelds "Dada-Montagen 1916–1933" geschrieben und die gekürzte und überarbeitete Fassung jetzt als Buch unter dem Titel "In Wahrheit war ich nur Berliner. Dada-Montagen 1916–1933" veröffentlicht.

Wunderbar leicht zu lesen ist Adkins' Text, weil sie Blumenfelds Werke mit seinem Leben in Zusammenhang bringt. So werden zeitgeschichtliche und biografische Ereignisse - wie der Bankrott der Familie und Tod von Vater und Bruder - mit Blick auf den Einfluss auf die Arbeit des Künstlers geschildert. Dabei kommt Blumenfeld selbst sowie viele seiner Freunde zu Wort.

Adkins war mit der Enkelin von Blumenfeld zur Schule gegangen und hatte bei ihr zu Hause Zeichnungen, Montagen und Fotografien des Großvaters bewundert. Alles zusammen sah nicht so aus, "als ob es von einer Hand wäre", schreibt Adkins, und später habe sie dem nachgehen wollen, "um Grundlagen für ein neues Verständnis des Gesamtwerks zu schaffen". Besonders die Erkenntnis, dass Blumenfeld in seinen späteren berühmten Fotografien "offensichtlich Techniken aus den Montagen übernommen hat", brachte sie dazu, dessen Frühwerk unter die Lupe zu nehmen.

Dafür standen ihr zum ersten Mal Briefe und Texte aus dem Familienarchiv zur Verfügung sowie frühe Korrespondenzen aus den Jahren 1915/16 mit seiner holländischen Brieffreundin und späteren Ehefrau Lena Citroen. Adkins setzt sich in dem Buch mit seiner Autobiografie auseinander ("eine Textmontage bebilderter literarischer Grotesken, die einer groben chronologischen Ordnung folgen"), schildert seine Lesewut ("ein Buch pro Tag" – von Sokrates bis Arthur Schopenhauer, von Sigmund Freud bis Maxim Gorki) und betrachtet das Tagebuchwerk ("vertraulich und nimmt den Stellenwert einer privaten Chronik ein"), das schon 1916 36 Bände mit 1260 Seiten umfasst.

Als Zehnjähriger hatte Blumenfeld seinen ersten Fotoapparat geschenkt bekommen und benutzte ihn sofort für Selbstporträts. Eines davon entstand 1911. "Mein erstes Selbstporträt als Pierrot" heißt es und zeigt den 14-Jährigen, der geschminkt frontal in die Kamera schaut und seitlich einen Spiegel hält, in dem sein Gesicht im Profil zu sehen ist. Alle Bilder entwickelte er selber. Am liebsten allerdings wäre er gern Maler geworden. Als ihm klar wird, dass er keine künstlerische Ausbildung erhalten würde, träumt er vom Erfolg als Autodidakt und malt zwischen 1926 und 1930 Selbstporträts, Stillleben, Blumen und Straßenszenen in Öl, die im Buch, so weit sie greifbar waren, abgebildet sind.

Die Kriegserlebnisse veranlassten Blumenfeld, sich der avantgardistischen Dada-Bewegung anzuschließen. Weil er aber 1918 illegal nach Holland zu seiner späteren Frau zieht, sind seine direkten Kontakte nach Berlin, der Zentrale der Bewegung, kurz und seine Montagen daher "von der gedruckten dadaistischen Propaganda bestimmt", schreibt Adkins.

Schon rund zehn Jahre später, nach Hitlers erster Rede in Berliner Sportpalast, montiert Blumenfeld seine ersten Collagen des Diktators. Am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung entsteht "Hitlerfresse", eine Montage mit dem Gesicht des Despoten, das zum Totenschädel verfault. Blumenfeld zufolge soll die Fotomontage 1942 millionenfach als Propagandaflugblatt von den der US-Luftwaffe über Deutschland abgeworfen worden sein.

Mit 44 Jahren begann Blumenfeld seine Fotografenkarriere in Amerika. Sein Entdecker Cecil Beaton sagte: "Hier ist endlich jemand, der in keinster Weise von der Arbeit anderer Fotografen beeinflusst ist. Hier ist ein neuer und klarer Geist."


Erwin Blumenfeld: "In Wahrheit war ich nur Berliner. Dada-Montagen 1916–1933". Vorwort von Janos Frecot, Text von Helen Adkins. Hatje Cantz, Ostfildern; 224 Seiten; 227 Abb.; 39,80 Euro.

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