Von Jenny Hoch
In Berlin kursiert derzeit ein Spruch, mit dem besonders neu zugezogene Hauptstädter nach Zustimmung heischen wollen: "Schnauze, sonst München!" wird jedem ins Gesicht geschleudert, der es wagt, dem allgegenwärtigen Berlin-Hype etwas Eigenständiges oder gar Widerständig-Bajuwarisches entgegenzusetzen.
München als Höchststrafe, das ist so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich trendbewusste Dauerjugendliche nördlich des Weißwurstäquators jederzeit und problemlos einigen können. München sei zu sauber, zu reich, zu provinziell, einfach zu schickimicki. Das "echte" und "wahre" Leben spiele sich woanders ab - wahrscheinlich im Prenzlauer Berg mit seinen über 16.000 Baden-Württembergern und den zahllosen Designer-Boutiquen.
Nun ja, oder besser: Ja mei, hat sich der gebürtige Münchner DJ und ehemalige Balletttänzer Mirko Hecktor gedacht, und im kleinen, dem Zeitgeist ganz und gar nicht abgeneigten Blumenbar-Verlag ein herrliches München-Buch herausgebracht, das all diese Vorurteile ebenso charmant wie nonchalant vom Tisch fegt. "Mjunik Disko" heißt das informative Bild- und Textkompendium, dass einen tief eintauchen lässt in das Münchner Nachtleben von 1949 bis heute.
Monatelang hat Hecktor sich durch Privatarchive gegraben, mehr als 60 Interviews geführt und Hunderte von Fotos, Flyern und Plattencovern zusammengetragen. Seine Idee, ein Buch "so offen wie einen Clubabend" zu gestalten, ist voll aufgegangen.
Sicher, ein bisschen retro-selig ist "Mjunik Disco" schon. Aber es lässt sich ja auch so viel erzählen! Wie 1949 die inzwischen legendäre Discothek P1 in den Räumen eines ehemaligen Offizierskasinos eröffnete, 1954 die ersten Faschingspartys im Haus der Kunst stattfanden oder wie 1959 die erste Ausgabe des Magazins "Twen" erschien. In den Siebzigern brachte Eckhard Schmidt dann das wegweisende Untergrundmagazin "S!A!U!" heraus, für das Lokalmatadore wie Herbert Achternbusch oder Klaus Lemke, aber auch internationale Größen wie Francis Ford Coppola oder Patti Smith schrieben.
Superstars wie die Rolling Stones, Led Zeppelin, Queen oder Deep Purple kamen in den siebziger Jahren regelmäßig nach München, um in den Musicland Studios im Arabellapark ihre Alben aufzunehmen. Der Südtiroler Musiker und Oscar-Gewinner Giorgio Moroder, der mit Nummern wie "What a Feeling" aus dem Film "Flashdance" selbst Filmmusikgeschichte schrieb, hatte es eingerichtet, und das Studio galt als das professionellste in ganz Europa.
Queen-Sänger Freddie Mercury machte zusammen mit seiner Muse Barbara Valentin das Münchner Glockenbachviertel unsicher - seit den zwanziger Jahren ein ebenso legendäres wie libertinäres Schwulenviertel. Dabei verliebte er sich unsterblich in den eher biederen bayerischen Lokalbesitzer Winfried Kirchberger und feierte seinen 40. Geburtstag mit einer wilden Party, auf der er und seine Freunde sich den Hosenboden herzförmig ausschnitten, um allen ihre blanken Hintern zu zeigen.
Und, nicht zuletzt, hat München auch in neuerer Zeit Musikgeschichte geschrieben: Labels wie Gomma von Mathias Modica und Jonas Imbery oder Michael Reinboths Compost Records produzieren schon lange internationale Künstler. Mirko Hecktor gibt ein weiteres Beispiel: "Miss Kittins "Champagne EP" wurde schon 1998 in den Münchner Clubs rauf und runter gespielt, in Berlin oder New York war sie erst drei Jahre später richtig bekannt."
Der 34-jährige Hecktor, der selbst regelmäßig als DJ mko in und auch weit außerhalb Münchens Platten auflegt, hat seine eigene Theorie, warum seine Geburtsstadt dem allgemeinen Zeitgeist immer wieder voraus war und ist: "Nenn' München provinziell, aber die sogenannten Second Cities, zu denen München gehört, sind die besseren Standorte, um neue Dinge zu entwickeln. Das haben Städte wie Manchester, Detroit oder München vorgemacht." Dort könne die Postavantgarde ungestört so lange herumwerkeln, bis es "Peng" mache, und man mit seinen Ideen international "an den Start gehen" könne.
Berlin? Total Nineties!
Gegen die große, wilde, international in Künstlerkreisen gehypte Stadt Berlin habe er eigentlich nichts, er hat selbst eine Weile dort gelebt. "München oder Berlin, das sind einfach zwei unterschiedliche Modelle, die nicht besser oder schlechter sind." Nach einer kurzen Pause fügt er aber noch hinzu: "Man muss sich nur entscheiden: Will man in Berlin rumkrebsen, wo alle irgendein Projekt am Laufen haben oder will man in München was anpacken, wo wenige künstlerisch tätig sind, und dafür umso mehr auffallen?"
Dann zitiert der schmale, sehnige Ex-Tänzer, dem man die vielen Jahre Schinderei in exzellenten Kompanien wie dem Ballet de Monte Carlo noch immer ansieht, Stefan Kalmár vom Münchner Kunstverein: "Es ist doch total Nineties, nach Berlin zu ziehen". Und er ereifert sich: "Was soll eigentlich dieser ständige Vorwurf, München sei nicht authentisch genug? So arm zu sein und sich nichts zu essen kaufen zu können oder sich bei Prada den neuesten Anzug zu holen, das sind doch zwei Seiten derselben Medaille. Das ist beides das Leben."
Ach, München. Es ist viel geschrieben und gemutmaßt worden, was den barocken Charme der Stadt und ihrer Bewohner ausmacht, dieses bussiselige Nebeneinander von Künstlern, Pennern und der High Society, das so viele niemals verstehen werden und das inzwischen - natürlich - auch nicht mehr das ist, was es einmal war.
Immerhin ist neulich ein gewisser Michael Graeter aus dem Knast entlassen worden, und seitdem der ehemalige Klatsch-König wieder für die "Abendzeitung" schreibt und das Münchner Nachtleben auf der Suche nach glamourösen Prominenten und pikanten Skandalen durchstreift, stehen die Chancen nicht schlecht, dass das Lebensgefühl von Helmut Dietels unvergessenem Fernseh-Sechsteiler "Kir Royal" nicht für immer verloren ist.
Denn "München leuchtet" - noch immer. Thomas Mann hat es schon 1902 gewusst und Mirko Hecktor hat uns mit "Mjunik Disco" noch einmal daran erinnert.
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