Manchmal hilft es schon ein wenig, einfach mal nach oben zu schauen, in den Himmel. So wie in der Kindheit, wenn man unterm Birnbaum lag und den Wolken, diesen merkwürdigen weißen Gebilden, nachblickte. Im Herbst sind es die Blätter, die herunterschweben, im Winter die Schneeflocken, die den Augenblick stillstehen lassen. Sie werden sehen: Es wirkt.
Wenn Sie dann wieder auf dem Boden der Tatsachen landen, den Wirtschaftsteil Ihrer Zeitung lesen, stündlich die Eilmeldungen von SPIEGEL ONLINE verfolgen, das Auf und Ab des Dax und die neuesten Zahlen des Ifo-Geschäftsklimaindex (der schon am nächsten Tag vom Konsumklimaindex konterkariert wird ...), dann atmen Sie bitte erst einmal tief durch. Denn in der Krise ist nichts schlimmer als das Starren auf Zahlen und Kurven, die bange Erwartung der nächsten und übernächsten Katastrophenmeldung.
Schon Hölderlin wusste: "In der Gefahr wächst das Rettende auch", und tatsächlich: Gerade in diesen Zeiten einer weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise, die manifest und virtuell ist, materiell greifbar, aber dennoch merkwürdig diffus, hilft der praktische Lebenssinn. Wir sind, trotz Globalisierung und Börsenwahn, freie Menschen aus Fleisch und Blut, mögen die Billionen noch so heiß laufen in den Luftblasen der geplatzten Spekulation. Wir können uns, im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten, entscheiden, das heißt: Wir können handeln.
Wir sind keine Lehman Brothers, sondern Menschenbrüder. Wir sind keine Opfer, und wir wollen keine sein. Und wir müssen nicht wie gebannt vor Laptop und Fernsehapparat hocken und auf den nächsten Schlag warten, der unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Doch leider tun wir genau das allzu oft.
Ein prominenter Verbreiter dieser manisch-depressiven Krisenfixierung ist "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, der im Feuilleton-Aufmacher der Zeitung vom Dienstag schon in der Überschrift empfiehlt: "Gehen Sie jetzt nach Hause!" Was man dort tun soll, wird allerdings nicht verraten.
Der Apokalypse-Aficionado aus Frankfurt am Main hat sich den luziden Krisen-Tipp bei seinem amerikanischen Lieblingsautor Thomas Friedman ("Die Welt ist flach") besorgt, vielgelesener Blogger bei der "New York Times". Der hat in einer spektakulären Vor-Ort-Recherche in Manhattans Gaststätten einen dramatischen Befund erhoben:
Die Leute gehen einfach weiter essen, so, als wäre nichts geschehen!
Unglaublich. Sie verspeisen Thunfisch, Hummer und Steaks, als ginge nicht gerade die Welt unter. Wahrscheinlich kaufen die "Sex and the City"-süchtigen Frauen auch noch weiter zehn Zentimeter hohe Pumps, und selbst entlassene Investmentbanker holen sich heimlich den einen oder anderen Hotdog an der Wall Street.
Manhattans First Kassandra Friedman ist entsetzt: "In letzter Zeit gehe ich in Restaurants, schaue mich an den Tischen um, an denen es immer noch von jungen Leuten wimmelt, und ich habe dieses Bedürfnis, von Tisch zu Tisch zu gehen und zu sagen: 'Sie kennen mich nicht, aber ich muss Ihnen sagen, Sie sollten hier nicht sein. Sie sollten Ihr Geld sparen. Sie sollten Ihren Thunfisch zu Hause essen. Diese Finanzkrise ist bei weitem noch nicht vorbei ... Bitte lassen Sie sich ihr Steak einpacken und gehen Sie nach Hause!'"
Ein wenig fühlt man sich an Blaise Pascals Wort erinnert, das ganze Unglück der Welt rühre daher, dass die Menschen einfach nicht ruhig zu Hause sitzen bleiben könnten.
Frank Schirrmacher aber sieht hier schon den Sartreschen "poète engagé" am Werke, der sich längst zum "économiste engagé" gewandelt hat und die geistig-moralische Revolution vorbereitet, die offenbar – historisch eine echte Sensation – zu Hause stattfinden soll. Andernfalls, bitte sehr, "starren wir in ein tiefes Loch, in das die ganze Welt hineinstürzen könnte", wie Friedmans Untergangs-Kollege Jeffrey Garten dunkel prophezeit. Dann freilich wäre alles zu spät, und Barack Obama, der neue Heilsbringer, könnte gleich wieder einpacken. Auch sein Thunfischsandwich.
Das alles ist natürlich Mumpitz. Spökenkiekerei. Voodoo. Manichäismus pur, Schwarzweißdenken wie im Mittelalter. Himmel oder Hölle. Was eben noch die Apotheose der Shareholder Value war, die Vergöttlichung des schnellen Profits, wird nun zur Religion der Umkehr: vom Turbokapitalismus ins Kapuzinerkloster. Büßer aller Länder, vereinigt euch und macht die letzte Thunfischdose auf!
Blitzrecherche in Berlin
Unsere eigene Blitzrecherche in Berlin-Mitte ergab ein ganz anderes Bild, auch wenn es Friedmans äußerst scharfsinnige Diagnose auf den ersten Blick zu bestätigen scheint: Ja, die Leute gehen weiter essen. Und wie!
Im Edelrestaurant am Schiffbauerdamm war es am Montagabend (!) brechend voll, und ein fernsehbekannter Politikprofessor speiste, prächtig Hof haltend, im Kreise seiner Schüler und Getreuen. In vorbildlicher Weise befolgte er damit jenen Grundsatz, der schon im ersten Semester Volkswirtschaft gelehrt wird: In Krisenzeiten gilt es, auch privat die richtige Mischung aus pro- und antizyklischem Verhalten zu finden. Wiener Topfenstrudl und Dreierlei von der Crème brûlée mit Apfelparfait gehören eindeutig zur richtigen Mischung.
Es ist ein bisschen so wie in dem Loriot-Sketch, in dem das Ehepaar vor dem kaputten Fernsehapparat hockt und der Mann zum Vorschlag seiner Frau, man könne sich ja auch einmal unterhalten oder ein Buch lesen, voller Empörung sagt: "Ich lass’ mir doch nicht von einem kaputten Fernseher vorschreiben, was ich zu tun habe!" Eben.
Exakt in diesem, zugegeben: etwas dialektisch zu verstehenden Sinne sollten wir uns von der Krise auch nicht vorschreiben lassen, was wir zu tun und zu lassen haben. Deshalb hier eine kurzfristige To-do-Liste, ein kleiner Krisenknigge:
CD "Hilfe! Mein Geld ist weg! Songs zur aktuellen Lage der knappen Kassen", erscheint bei Bear Family Records
Korrektur: In einer früheren Version dieses Textes wurde der sinngemäß zitierte Ausspruch "das ganze Unglück der Welt rühre daher, dass die Menschen einfach nicht ruhig zu Hause sitzen bleiben könnten" irrtümlich Karl Kraus zugeordnet. Tatsächlich stammt er von Blaise Pascal.
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Wer sich trotz prekärer Penunzen seines Lebens freut und feiert, wer trotzt Schnee- und Graupelschauer froh seines Weges zieht, wer sich Mut macht in schweren Zeiten, der nutzt wohl seine Zeit. Einverstanden. Wer sich dank [...] mehr...
... Als ich 1992 in Leipzig studierte und die Bagger überall die Strassen aufrissen, um Glasfaserkabel zu verlegen konnte man noch hinter vorgehaltener Hand die Meinung hören: "Wenn das alles fertig ist, dann haben wir das [...] mehr...
Mohr denkt offensichtlich nur bis zur nächsten Straßenecke und dies ist nicht sein erster Beitrag, der darauf hindeutet. mehr...
Sie haben mir aus dem hedonistischen Herzen gesprochen. Genau so machts der Investor in Lebensqualität: antizyklisch geniessen. Wegen dem dämlichen Beitrag von Louise Stein im Focus Online zur neuen Bescheidenheit -lese hierzu [...] mehr...
..obwohl ich vor ca. 25 Jahren das letzte Mal Robert Merle's "Madrapour" gelesen habe, wurde ich durch den Artikel und die Diskussion im Forum, sofort daran erinnert. Ich kann das Buch nur wärmstens für kalte [...] mehr...
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