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27.11.2008
 

Globalisierungstalk bei "Hart aber fair"

Reif für die Sinnkrise

Matte Debatte über Marx 2.0 - Frank Plasberg Gäste stritten über die "Globalisierungslüge" und Reinhard Mohr stellte fest: Nach zwei Monaten Dauerkrise ist das Diskussionsniveau bedrohlich gesunken. Bleibt nur die Hoffnung, dass sich die Wirtschaftskrise nicht zur Sinnkrise auswächst.

Die Sehnsucht ist groß nach der Rückkehr zur guten alten Zeit. Damals, als jeder noch wusste, wo das Mehl fürs selbst gebackene Brot herkommt, wer den Konfirmationsanzug für Klein-Dieter genäht hat und mit welchem Traktor das regionale Knollengemüse ins Regal des örtlichen Tante-Emma-Ladens gebracht worden ist.

"Hart aber fair"-Gäste (von links) diskutieren über die "Globalisierungslüge": Der ehemalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel, "ttt"-Moderator Dieter Moor und Gisela Achenbach, ehemalige Betriebsratsvorsitzende des Nokia-Werkes in Bochum
WDR

"Hart aber fair"-Gäste (von links) diskutieren über die "Globalisierungslüge": Der ehemalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel, "ttt"-Moderator Dieter Moor und Gisela Achenbach, ehemalige Betriebsratsvorsitzende des Nokia-Werkes in Bochum

Damals, als ein Zertifikat noch eine Heiratsurkunde war und ein Hedgefonds, sprich Hätschfonds, allenfalls eine heiße Brühe.

Gerade jetzt, in einer selbst für Fachleute schwer durchschaubaren Weltwirtschaftskrise, wächst das Bedürfnis nach einfachen Erklärungen und handlichen, moralisch eindeutigen Lösungen.

Das Zeitalter der Moderne war immer schon mit tiefen Verunsicherungen und dem Verlust vertrauter, traditioneller Bindungen verknüpft. Inzwischen aber hat sich nicht nur die Geld- von der Realwirtschaft abgekoppelt, sondern auch das gesellschaftliche Bewusstsein von der äußerst komplexen, globalen Wirklichkeit, die der Mehrheit der Bevölkerung immer abstrakter, fremder und bedrohlicher erscheint.

"Oben" und "unten" gilt nicht mehr nur für die Einkommensverhältnisse, sondern auch für den Grad des Verständnisses der weltweiten, geradezu "virtuellen" sozialökonomischen Zusammenhänge. "Unten" jedenfalls hört man, so klingt es jedenfalls in den berüchtigten Straßenumfragen, nur noch Hartz IV und Josef Ackermann. Dazwischen gibt es nichts.

Thesenhafte Formulierungen, polemische Aufwallungen

"Wirtschaft global – Abschwung total: Platzt die Globalisierungslüge?" fragte deshalb am Mittwochabend Frank Plasberg in der ARD – und dies gewiss in bester Absicht. Doch leider erwies sich rasch, wie beklagenswert niedrig nach zwei Monaten Dauerkrise das Diskussionsniveau geworden ist. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die matte Debatte am "Hart aber fair"-Counter auch der Senderegie nicht verborgen blieb, war die extreme Häufung der launigen Einspielfilmchen, vor allem gegen Ende des vor sich hin plätschernden Palavers.

Besonders ausführlich wurde die badische Staatsbrauerei "Rothaus" mit ihrem Szene-Kultbier "Tannenzäpfle" vorgestellt – als ein erfolgreiches mittelständisches Unternehmen, das tapfer der Globalisierung trotzt. Ein ums andere Mal drückte Frank Plasberg aufs Knöpfchen, pardon: auf den Touchscreen, um die schwarzen Löcher der müden Gesprächsrunde wenigstens visuell zu stopfen.

Zu vorhersehbar waren die Einlassungen von Sahra Wagenknecht und Hans-Olaf Henkel, zu unsystematisch und sprunghaft der Wechsel von Einzelbeispielen zu verallgemeinernden Behauptungen, von thesenhaften Formulierungen zu kurzen polemischen Aufwallungen.

Selbstverständlich, dass Wagenknecht, Vorstandsmitglied der Linken und Kopf der "Kommunistischen Plattform", vom "entfesselten Kapitalismus" redete, der "Lohndumping" und "Sozialzerstörung" betreibe und dafür sorge, dass "die Deutschen nicht einmal mehr konsumieren können".

Das neoliberale Krokodil

Auch wenn der Augenschein in den deutschen Städten dagegen spricht – der Gedanke ist einfach stärker. Zu verlockend auch der historische Augenblick, in dem viele an jenem Kapitalismus irre zu werden scheinen, der ihnen jahrzehntelang und eben noch als "soziale Marktwirtschaft" Freiheit und Wohlstand beschert hat. So kann noch einmal die 130 Jahre alte Verelendungstheorie von Karl Marx – Version 2.0 – auf den Markt geworfen werden.

Hans-Olaf Henkel wiederum, einige Jahre Sprecher des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und seit ewigen Zeiten das neoliberale Krokodil in der deutschen Talkshowlandschaft, beharrte unverdrossen auf der Tatsache, dass Deutschland wie kein anderes führendes Industrieland der Welt von der Globalisierung profitiert hat.

Das ist zwar völlig richtig, aber noch keine Antwort auf die Fragen, die der internationale Finanzcrash samt seinen Folgen aufgeworfen hat. Auch der längst mehrheitsfähige Hinweis auf die Notwendigkeit eines globalen Regelsystems reicht da nicht aus, denn hinter all den Fragen steht eine greifbare Angst: die Angst vor sozialem Abstieg, die Befürchtung, keine Chance mehr zu haben in dieser Welt.

Die Frage aller Fragen aber – was heißt heute (soziale) Gerechtigkeit? – wurde mit keinem Wort gestreift. Stattdessen offenbarte der Schauspieler Dieter Moor, der dem ARD-Kulturmagazin "ttt" als Moderator neues Leben eingehaucht hat, seine flagrante Unkenntnis in Sachen Weltökonomie. Mag er als nebenberuflicher Ökobauer im Brandenburgischen erfreuliche Erfolge feiern – in seinen geradezu plump vorgetragenen Einwänden gegen die Globalisierung mischten sich Elemente von Naivität und Arroganz.

Globalisierungsstunde für die Queen

So konnte er freilich auch eine hübsche Pointe Henkels nicht wirklich goutieren: Wenn die Teilnehmer der Gesprächsrunde im Studio ausschließlich in Deutschland hergestellte Textilien tragen würden, säßen sie wohl ziemlich nackt vor der Kamera.

Da Gisela Achenbach, Betriebsratsvorsitzende des geschlossenen Bochumer Nokia-Werks, nicht viel mehr mitteilen konnte als ihre persönliche Erfahrung mit diesem tatsächlich abstoßenden Aspekt einer sich verselbständigenden Logik der Profitmaximierung, blieb nur noch der Unternehmer Andreas Engelhardt, um ein paar ordnende Gedanken zu äußern. Der notorischen "Schwarzweißmalerei" hielt der Arbeitgeber von 4000 Beschäftigten seine praktischen und positiven Erfahrungen mit der Globalisierung entgegen, die in Teilen der Welt sogar als eine Art "Hilfe zur Selbsthilfe" funktioniere.

In diesem Augenblick war Sahra Wagenknecht nicht im Bild. Doch auch so wurde klar, dass für sie eigentlich jeder Arbeitsplatz im "Kapitalismus der Konzerne" nichts weiter sein kann als Mehrwert heischende Leiharbeit, Ausbeutung im Marx’schen Sinne.

Angesichts der Schärfe dieses Befundes ging es dann doch ganz friedlich ab. In der wie stets quälend lustigen Schlussrunde entschied sich Wagenknecht sogar dafür, Hans-Olaf Henkel mit zum Besuch der englischen Queen zu nehmen, um der alten Dame die Globalisierung zu erklären: Natürlich "nur zur Abschreckung".

Den Fernsehzuschauern zu Hause aber bleibt nur die innige Hoffnung, dass die ökonomischen Turbulenzen möglichst rasch überwunden werden. Sonst kommt zur Finanz- und Wirtschaftskrise noch die akute Sinnkrise.

Dann sind absolut alle reif für die Insel.

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29.11.2008 von renap: Sündenbock

Ihr Zitat:[QUOTE=natterngesicht;3034765] Ich bin eingeschlafen. Obwohl der Mohr ganz gut war. Es fehlten noch Geißler und März. Henkel allein reicht nicht als Feindbild.______ Ha, ha, sehr gut- Herr Henkel wurde jedoch im [...] mehr...

29.11.2008 von renap: Hart aber fair - Frank Plasberg

Die Kritik an diesem Talk - mag soweit zum Teil richtig sein. In einem stimme ich voll zu: Wissenschaflt.Erklärungen mittels hochkompetenter Experten finden in letzter Zeit so gut wie nicht statt.- Man muss aber auch bedenken: [...] mehr...

29.11.2008 von renap: Herr Henkels markante Sprüche

"Wir würden alle nackt sein,wenn wir die Globalisierung nicht hätten"- schön wenn man Herrn Henkel hätte reden lassen. Ich bin mir sicher,er hätte von der Notwendigkeit geredet, warum die Welt die globalisierte [...] mehr...

29.11.2008 von renap: Herr Henkels Pointen

Sie Schreiben: Es ging darum, dass es nicht möglich ist, sämtliche Bestandteile der Kleidung in Deutschland herzustellen, weder heute noch vor 20 Jahren. Bspw. Leder für die Schuhe, Baumwolle für die Hamden etc. [...] mehr...

28.11.2008 von natterngesicht: Zu wenig Gegenpole

Ich bin eingeschlafen. Obwohl der Mohr ganz gut war. Es fehlten noch Geißler und März. Henkel allein reicht nicht als Feindbild. mehr...

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