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28.11.2008
 

Bambi-Show

Das hässliche Rehlein

Von Christian Buß

Witze auf Pump, Eitelkeiten auf Sparflamme, Lächeln gegen den Schmerz: Bei der Bambi-Verleihung zeigte das deutsche Unterhaltungsgewerbe sein provinzielles Gesicht. Einzig Britney Spears' reizender SM-Dress erinnerte an Zeiten, als Gier und Lust auf die Kamera noch ungehemmt ausgelebt werden durften.

Wo waren sie nur geblieben, die ungebremste Selbstüberschätzung und die geballte Eitelkeit? Irgendwann manifestierten sich diese beiden Eigenschaften, die so viele Bambi-Verleihungen zuvor zu unvergesslichen Ereignissen haben werden lassen, dann doch noch in einer Person: Christine Neubauer kam auf die Bühne und inszenierte den Empfang der Trophäe als Triumph von Anstand und Aufrichtigkeit.

Nein, mit Skandalen könne sie nicht dienen, nur Inspiration habe sie zu verschenken. Große Worte für eine Schauspielerin, die zwar gerne mal zwanzig Filme im Jahr dreht, aber dabei immer nur die gleiche Rolle des weidwunden Pfundsweibes variiert.

Mancher Kollege, den die Kamera während Neubauers einfach nicht enden wollender Dankesrede an sich selbst einfing, schaute da betroffen zu Boden. Zum Beispiel Benno Fürmann: Band der sich nur die Schuhe zu oder wollte er sich tatsächlich am liebsten unter die Tischdecke verkriechen?

Jedenfalls gab er damit die Grundbewegung des Abends vor: Bei der 60. Verleihung des Bambi duckte man sich weg, nickte eher verschämt die Preise ab und versuchte möglichst wenig Aufhebens um die eigenen Person zu machen.

Diese neue Bescheidenheit zog sich über den ganzen Abend – von der jungen Johanna Wokalek, die für ihre Rolle im "Baader Meinhof Komplex" als beste Schauspielerin gefeiert wurde und einfach mal 20 Sekunden mit dem Reh in der Hand vor dem Mikro schwieg, bis zum alten Recken Hardy Krüger.

Der wurde für sein Lebenswerk geehrt und quittierte die Auszeichnung mit ganzen launigen fünf Worten. Eigentlich wollte der 80-Jährige dann schnell mit seiner Laudatorin und alten Freundin Claudia Cardinale in die Garderobe, wurde aber von Harald Schmidt gnadenlos zurück auf die Bühne geschoben.

Glamour- und Glaubwürdigkeitsproblem

Ja, wer sich im deutschen Unterhaltungsbetrieb Restwürde bewahrt hatte, der scheute diesmal irgendwie das Rampenlicht. Eine erstaunliche Entwicklung auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, die Zeremonienmeister Schmidt nur umso mehr in die geliebte Rolle des zynischen Heizdeckenverkäufers trieb. Auch farbloseste Auftritte bejubelte er mit Sätzen wie: "Hier kochen die Emotionen."

Zur ungewohnten Zurückhaltung mag die mediale Generalabrechnung von Marcel Reich-Ranicki vor ein paar Wochen auf der Konkurrenzveranstaltung des Deutschen Fernsehpreises beigetragen haben, die gestern mehrmals ironisch aufgegriffen wurde, zum Beispiel von Stefan Raab.

Der wurde als bester Entertainer gefeiert und betonte in seiner Dankesrede, dass er sich im Gegensatz zu Reich-Ranicki bei dessen Fernsehpreis-Performance sehr wohl gerne in einer Reihe mit den zuvor Ausgezeichneten sähe. Dann verlas er genüsslich eine Liste mit Vorgängern, von Verona Pooth, Gattin von Deutschlands berühmtestem Medienbankrotteur Franjo, bis zu Deutschlands berühmtesten Steuerverbrecher Klaus Zumwinkel.

Raab brachte damit eine für viele Anwesende schmerzliche Erkenntnis auf den Punkt: Das Fernsehen mit seinen inflationären Preisabwurfveranstaltungen hat nicht nur ein Glamour-, sondern auch ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wenig sagen und dann schnell runter von der Bühne, das war deshalb gestern für fast alle Beteiligten die Devise der Stunde.

Glücklich, wer gute Gründe hatte, gar nicht erst zu erscheinen. So wie Johannes Heesters. Das Gute-Laune-Faktotum, das nach seinem Überlebens-Bambi vom vergangenen Jahr nun lustigerweise gleich noch einen bekommen sollte, stand parallel zur live übertragenen Gala in Offenburg in Hamburg auf der Bühne. Nächste Woche wird Heesters 105.

Der Arbeitseifer und die Bescheidenheit des sonst wenig kamerascheuen Greises ist symptomatisch für die Unterhaltungsbranche: Auch hier hat die viel beschworene Wirtschaftskrise nicht Halt gemacht. Dazu gehörte auch, dass der ausrichtende Burda-Verlag die Werbeveranstaltung in eigener Sache diesmal in der Konzernzentrale im arg beschaulichen Offenburg veranstaltete. Es muss eben überall gespart werden. Zurzeit dünnt Burda ja seine Dependancen in den großen Medienstädten aus; in Hamburg und München herrscht schon länger die Sorge, komplett in die badische Provinz einquartiert zu werden.

Ausgerechnet Offenburg zur Bühne fürs Unterhaltungsgewerbe zu machen, wirkt da – nach Burdas eher glücklosen Investitionen in die neuen Medien – wie ein mittelständisches Standortbekenntnis. Es müssen schließlich alle kleinere Brötchen backen.

Wie passend also, dass am Donnerstag denn auch der zuständige Ministerpräsident Günther H. Oettinger nach einer schönen Einführung von Harald Schmidt ("Wir können alles außer hochdeutsch") gewohnt mundartlich die Vorzüge der Wirtschaftsregion pries.

Was die geladene internationale Prominenz von der deutschen Provinz hielt, war indes nicht wirklich zu erkennen: Keanu Reeves und Meg Ryan, die gerade ihre neue Filme in Deutschland promoten und nebenbei kostenneutral nach Offenburg chauffiert worden waren, lächelten nur die ganze Zeit so höflich wie undurchdringlich.

Wie gut, dass da wenigsten nach langer Bühnenabwesenheit und erfolglosen Comebacks Britney Spears einen Auftritt hinlegte, der ein bisschen an den Größenwahn vergangener Zeiten erinnerte.

Der reizende SM-Aufzug, in dem sie über die Bühne dampfte, erinnerte ein bisschen an Madonna in den seligen Achtzigern, jenem wunderbar unverlogenen Jahrzehnt, in dem man Gier, Lust und Kamerafixiertheit noch ungeniert auszuleben pflegte. Wie weit weg doch diese aufregenden Tage in der badischen Provinz waren.

Witze auf Pump, Eitelkeiten auf Sparflamme, Lächeln gegen den Schmerz: So fühlt er sich an, der Glamour in Zeiten der Krise.

Alle Preisträger auf einen Blick

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