Montag, 23. November 2009

Kultur



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29.11.2008
 

Ausstellung "Interieur Exterieur"

Wohnen wie in Muttis Bauch

Von Jenny Hoch

Deutschland, Deine Wohnzimmer: Hier wird unsere Behausung zur Lebensbühne. Eine neue Schau zeigt, wie viel Utopie wir dabei wagen - von kühlen Kuben und klaren Kanten bis zur fließenden Lounge für die Ära freier Liebe.

Wenn es Nacht wird und in den Großstädten die Lichter angeknipst werden, beginnt die große Stunde des Kinos. Nicht die der höhlenartigen Lichtspielhäuser mit ihren auf Leinwände projizierten Geschichten, sondern der Moment, in dem alle Menschen zu Schauspielern mutieren und ihre grell erleuchteten, von außen gut einsehbaren Behausungen zu Bühnen werden für das Schauspiel, das wir Leben nennen.

Hinter dicken Vorhängen versteckt sich die globalisierte Elite von heute längst nicht mehr. In den Metropolen dieser Welt sind die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatem obsolet geworden. Mit Vorliebe inszeniert der moderne Mensch dort sein Privatleben als "Fassadenkino" in transparenten Glashäusern. Es hat ein profunder Mentalitätswechsel stattgefunden über dessen Gründe die Experten rätseln. Ist er eine Folge der Single-Gesellschaft, in der Kontakt zur Außenwelt nur noch virtuell oder durch die obszöne Zuschaustellung des Ichs möglich ist?

Die Künstlerin In Sook Kim thematisiert diesen neuen Exhibitionismus auf ihrem großformatigen Fotografie "Saturday Night". Man sieht ein mehrstöckiges Wohnhaus mit hell erleuchteten Fenstern, in dem sich in jeder Wohnung gut sichtbar für den Außenstehenden ein anderes Schauspiel abspielt. Es dominieren extreme Szenen, die das Mittelmaß gar nicht erst zulassen: Unterschiedliche Spielarten des Sex sind dabei, eine einsame Selbstmörderin, dunkle Geschäfte. Eher langweilige, weil alltägliche Beschäftigungen wie Fernsehen spielen kaum eine Rolle - sie passen wohl nicht zum Selbstbild des virtuell versierten, aufregenden und selbstoptimierten Menschen.

Das Bild hängt in der Ausstellung "Interieur Exterieur. Wohnen in der Kunst" im Wolfsburger Kunstmuseum und dokumentiert so etwas wie den Ist-Zustand des Wohnens. Innerhalb der groß angelegten Überblicksschau, die vom Interieurbild der Romantik bis zum Wohndesign der Zukunft reicht, markiert sie freilich nur ein Mosaiksteinchen im dicht gewebten Netz voller Utopien und Rückbezüge in der Kulturgeschichte des Wohnens.

Man kann diese Schau durchwandern wie eine Stadt voller Kunst, Design und Architektur. Der Architekt Dieter Thiel hat dafür in der riesigen Halle des Museums einen Grundriss voller unterschiedlich hoher Wände, Durchblicke und intimer Kabinette geschaffen und die unterschiedlichen Stile und Epochen, aus denen die Exponate stammen, dadurch zueinander in Beziehung gesetzt.

Gleich zu Beginn setzt Caspar David Friedrichs mit sanften Farben koloriertes Landschaftsgemälde "Böhmische Landschaft mit dem Milleschauer" von 1808 einen für eine Wohnausstellung auf den ersten Blick ungewöhnlichen Akzent. Doch dann wird deutlich: Das Werk symbolisiert die Sehnsucht des modernen Menschen nach dem großen Ganzen. Es geht um den Wunsch, in nichts Geringerem als dem gesamten Kosmos heimisch zu werden. Im Gegensatz dazu strotzt Georg Friedrich Kerstings sittsames Bild einer Frau "Am Strickrahmen" von 1827 geradezu vor biedermeierlicher Innerlichkeit.

Verzweifeln an der heilen Welt

"Interieur Exterieur" verfolgt zwei große, einander entgegengesetzte Entwicklungslinien des Wohnens. Auf der einen Seite stehen das Streben nach kosmischer Ganzheit und die Sehnsucht nach der Öffnung des Wohnraumes nach außen, auf der anderen das Bedürfnis nach Zurückgezogenheit, das sogenannte Cocooning. Um dem jeweiligen Ideal nahe zu kommen, wurde der bürgerliche Wohnraum immer wieder neu umgebaut, eingerichtet und dekoriert.

Rekonstruktionen des engen Pariser Ateliers des Farbfeldermalers Piet Mondrian und des berühmten transparenten Pavillons von Mies van der Rohe, den er für die Weltausstellung 1929 in Barcelona entworfen hatte stehen neben einem voll eingerichteten Jugendstil-Zimmer. Bauhaus-Möbel von Marcel Breuer und Walter Gropius neben einer Fotoserie von Miriam Bäckström, die mit Ikea-Möbel eingerichtete Wohnungen aus unterschiedlichen Epochen zeigt.

Zweifel an der heilen Welt des bürgerlichen Heims drücken die Seelenbilder von Edvard Munch, Félix Vallotton oder Johann Tischbein aus. Für die vollständige Entrümpelung der überladenen Wohnräume sorgte nach dem Ersten Weltkrieg die Klassische Moderne. Auf die sexuelle Befreiung der sechziger Jahre folgten wuchernde organische und kunterbunt aufgepolsterte Wohnhöhlen, wie etwa die uterusartige "Phantasy Landscape" von Verner Panton.

Die Umwandlung stillgelegter Industriehallen in Wohn-Lofts hatte seit den siebziger Jahren großen Einfluss auf die Wohnkultur, da das einzelne Möbelstück von nun an nicht mehr nur als reiner Gebrauchsgegenstand betrachtet wurde, sondern als Kunstobjekt wahrgenommen werden konnte - die Geburtsstunde der heute extrem teuren und angesagten "Design Art" hatte geschlagen.

Nichts für Design-Puristen

Inzwischen operieren eine ganze Reihe von Gestaltern an der Schnittstelle zwischen Kunst und Design. In der Ausstellung zeugen die an Computerstrukturen erinnernden Entwürfe der französischen Brüder Bouroullec oder von Konstantin Gricic von dieser Entwicklung. Der Bildhauer Tobias Rehberger geht mit seinem "Öffentlichen Platz für eine geschlossene Anstalt" am weitesten in der Verschmelzung von Kunst und Design. Seine Skulpturen sind allesamt nicht tauglich für ein ausschließliches Dasein als unberührbare Kunstwerke, sie sind umgefallen oder sonst wie verformt und bilden nun wie nebenbei nützliche Sitzgelegenheiten.

Die Vielfalt der ausgestellten Kunst-, Design- und Architekturobjekte ist enorm, gerade deswegen erstaunen einige Ungenauigkeiten und blinde Flecke. Warum gaben sich die Kuratoren Markus Brüderlin und Annelie Lütgens etwa im Fall von Mies van der Rohes "Barcelona-Chairs" mit x-beliebigen Neuauflagen zufrieden? Design-Puristen werden die Haare zu Berge stehen, immerhin haben sich die Kopien inzwischen weit von ihren Ursprungsmodellen entfernt.

Und warum werden die dreißiger und vierziger Jahre, also die NS-Zeit ausgespart? Will man nur das Gute, Schöne und Edle zeigen? "Wir wollten keine vollständige Kulturgeschichte des Wohnens im 20. Jahrhundert ausstellen", verteidigen sich die Kuratoren. Was aber dann? Die Fragen "Wie wollen wir leben?" und "Wie wollen wir wohnen?" - das führt "Interieur Exterieur" an anderen Stellen präzise vor Augen - können nun mal schlecht ohne Rekurs auf die Geschichte beantwortet werden. Denn Architektur, Kunst und Design reflektieren die jeweilige politische Situation stets mit oder reagieren auf sie.

Am besten zeigt das die begeisternde Zukunftswohnvision des Stuttgarter Ingenieurs Werner Sobek. Seine rundherum transparente Wohnkapsel R 129 ist eine gelungene Synthese zwischen der menschlichen Bedürfnissen nach Abkapselung und Öffnung nach außen. Per Knopfdruck lässt sie sich vollständig nach außen Abschotten - und der Bewohner fühlt sich rundherum geborgen, und zwar ohne plüschige Dekoration. Endlich.


"Interieur Exterieur. Wohnen in der Kunst", Kunstmuseum Wolfsburg, 29. November 2008 bis 13. April 2009

Katalog: Hatje Cantz Verlag, 260 Seiten, 39 Euro

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