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02.12.2008
 

Mies-van-der-Rohe-Buch

Vom Suchen und Finden der Liege

Von Marianne Wellershoff

Ist über den Architekten und Designer Ludwig Mies van der Rohe nicht schon alles bekannt? Nein, ist es nicht, beweist ein neuer, umfangreicher Bildband. Der kommt ohne Schnörkel und Schnickschnack aus, ist aber trotzdem ganz schön schön.

Noch ein Buch über Ludwig Mies van der Rohe? Noch ein schwerer Band über den genialen Bauhaus-Architekten und Designer, dessen Möbel auch heute noch in den Lobbys großer Unternehmen herumstehen? Weiß man über den Mann nicht schon genug? Stapeln sich denn nicht schon die Mies-van-der-Rohe-Bildbände auf den Beistelltischen durchgestalteter Wohnzimmer?

Nein, über diesen Mann gibt es immer etwas Neues zu berichten, und deshalb lud die Henry-van-de-Velde-Gesellschaft gemeinsam mit dem Hagener Karl Ernst Osthaus Museum im März 2007 zum Symposium "Die Wohnung unserer Zeit – Möbelentwürfe und Innenraumdekoration von Ludwig Mies van der Rohe".

Daraus ist nun der wirklich schwerwiegende Band "Mies und das neue Wohnen – Räume, Möbel, Fotografie" entstanden, ein Wälzer also, den die Herausgeber Helmut Reuter und Birgit Schulte vollgestopft haben mit Essays, Fotos und Zeichnungen.

Der Deko-Charakter des Werkes tritt hinter die Inhalte zurück: Für die Kapitel "Räume", "Möbel" und "Fotografie" haben die Autoren Nachlässe durchsucht, in Museumsarchiven nach Konstruktionszeichnungen gesucht oder Gurtbespannungssysteme analysiert. Details dieser Art machen den Band vielleicht nicht unbedingt massentauglich, dafür aber interessant.

So beschäftigt sich das Kapitel über das "Daybed" nicht nur mit Mies van der Rohes Ideen, sondern vor allem mit dem Einfluss von Lilly Reich. Die Entwerferin war von 1926 bis 1938 – in diesem Jahr emigrierte Mies van der Rohe in die USA – beruflich und privat seine Partnerin.

Der New Yorker Architekt Philip Johnson nannte Reich Mies' "brilliant partner", und tatsächlich entsprach die so einfache wie elegante Konstruktion des Daybed aus Stahl, Holz, Gummibespannung und gesteppter Lederauflage ganz den Vorlieben von Reich. Und in der Zeit, als die Sofabank noch nicht in Serie hergestellt wurde, wurde sie auch als Bezugsquelle genannt. Für die Gummibespannung meldete Lilly Reich 1931 sogar das Patent an. Heute gibt es zahllose, im Zweifelsfall billigere Kopien des Klassikers auf dem Markt. Plagiiert wurden Mies van der Rohes Entwürfe übrigens schon in den dreißiger Jahren.

Auch die Geschichte der Chaiselongue MR 100, entworfen im Jahr 1931, wird in dem Buch aufgearbeitet. Mit 230 Reichsmark war sie in der Chromausführung das teuerste seiner Möbel, und wahrscheinlich wurde sie deshalb nur sehr selten verkauft. Thonet brachte den Liege-Freischwinger 1935 auf den Markt und nannte ihn in seiner Werbung "angewandte Kunst", Mies van der Rohe selbst bezeichnete das Modell kühl als "Stuhl". Seit 31 Jahren ist die Chaiselongue nun wieder in Produktion, allerdings beim Hersteller Knoll unter dem Namen MvdR 241.

Wirklich gelungen ist, dass der schwere Bildband der Philosophie Mies van der Rohes entspricht: geradlinig konstruiert, ohne Schnörkel und Schnickschnack für Kenner aufgeschrieben und trotzdem schön.


Helmut Reuter, Birgit Schulte (Hrsg.): "Mies und das neue Wohnen – Räume, Möbel, Fotografie". Hatje Cantz Verlag, Ostfildern; 290 Seiten; 49,80 Euro.

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