Wiesbaden - Das Wort "Finanzkrise" kennzeichnet die dramatische Entwicklung im Banken-, Immobilien- und Finanzsektor. Das Thema habe die öffentliche Debatte in diesem Jahr besonders bestimmt, teilte die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden mit.
Tatsächlich ist "Finanzkrise" nicht der einzige Begriff rund um die Turbulenzen auf dem Kapitalmarkt, der es in die Rangliste der zehn wichtigsten Wörter des Jahres schaffte. Auf Platz zwei landete das Wort "verzockt", das sich oft kritisch auf das Verhalten von Bankmanagern bezieht, die hochriskante und spekulative Geldgeschäfte abschlossen. Der "Rettungsschirm", der staatliche Finanzhilfen für die Bankenbranche beschreibt, schaffte es auf Rang acht.
In Österreich dagegen wählte eine siebenköpfige Fachjury unter der Leitung des Grazer Professors Rudolf Muhr den ungewöhnlichen Begriff "Lebensmensch" zum Wort des Jahres. Damit hatte der österreichische Politiker Stefan Petzner tränenreich um den 2008 verstorbenen Jörg Haider getrauert, mit dem Petzner ein besonders inniges Verhältnis pflegte. Die österreichischen Sprach-Juroren würdigten mit ihrer Wahl die Bedeutungs-Ambivalenz und den hohen emotionellen Wert des Wortes "Lebensmensch".
In Deutschland wird das Wort des Jahres von einer Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache ausgewählt. Dem Gremium gehören der Hauptvorstand sowie die wissenschaftlichen Mitarbeiter der Gesellschaft an. "Es geht nicht um Worthäufigkeiten, sondern um eine sprachliche Chronik des zu Ende gehenden Jahres", teilte die Jury am Donnerstag mit. Auch sei mit der Auswahl keine Wertung oder Empfehlung verbunden. Zugrunde lag eine Sammlung von knapp 4000 Wörtern und Wendungen, wobei auch Zuschriften berücksichtigt wurden.
Auf Rang zehn schaffte es sogar ein englischer Begriff in die Liste. Der Ausruf "Yes, we can" war der Wahlkampfslogan des designierten US-Präsidenten Barack Obama. Er wurde auch in Deutschland oft aufgegriffen und variiert, wie die Jury feststellte.
Hochaktuell zeigte sich die Gesellschaft mit "Datenklau" auf Platz drei. Immer wieder wurden dieses Jahr Fälle bekannt, bei denen Millionen Datensätze von Kunden in falsche Hände gerieten. Erst am Mittwoch verabschiedete das Bundeskabinett einen Gesetzentwurf, mit dem der Datenklau erschwert werden soll.
Der Begriff "Hessische Verhältnisse" schaffte es auf Rang vier, er bezieht sich auf die politischen Turbulenzen, die nach der Landtagswahl im Januar 2008 in dem Bundesland ausbrachen.
Auf Rang fünf wählte die Jury die "Umweltzone", die in vielen Städten eingerichtet wurde, um den Feinstaub zu bekämpfen. Es folgt die "multipolare Welt", in der sich nicht wie im Kalten Krieg zwei Blöcke gegenüberstehen, sondern in der es viele geopolitische Zentren gibt.
Auf den siebten Platz kam der "Nacktscanner", der an europäischen Flughäfen für mehr Sicherheit sorgen soll, dessen geplante Erprobung aber schon für große Aufregung sorgte. Auf Rang neun wurde "Bildungsfrühling" gewählt - eine Beschreibung für verschiedene Initiativen von Bund und Ländern, mehr Geld und Personal für Schulen zur Verfügung zu stellen.
Im vergangenen Jahr wurde "Klimakatastrophe" zum Wort des Jahres gewählt, im Fußball-WM-Jahr 2006 "Fanmeile" und im Jahr 2005 "Bundeskanzlerin".
Auffällig ist: Im Jahr der Finanzkrise 2008 schaffte es kein einziges Wort in die Liste, das sich mit der Klimaveränderung befasst. Die Wahl des Unwortes des Jahres 2008 steht noch aus. Die Gesellschaft für deutsche Sprache nimmt dafür noch bis zum 28. Februar Vorschläge an. Die Entscheidung liegt bei einer Jury aus mehreren Sprachwissenschaftlern.
2007 schaffte es "Herdprämie" zum Unwort. Nach Ansicht der Experten diffamiert das Wort Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen, anstatt einen Krippenplatz in Anspruch zu nehmen.
bor/AP
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH