Jetzt muss also auch die gute alte Glühbirne dran glauben. Wir werden sie, treue Wegbegleiterin durch die Höhen und Tiefen des Lebens, sehr vermissen. Wie romantisch hing sie einst von der kahlen Decke, eine kunstlos schlichte Spenderin des Lichts der Aufklärung und des Fortschritts, die uns den Weg erleuchtete in bessere Zeiten.
Bis 2012 soll sie endgültig verschwinden. So will es die Europäische Kommission. Statistisch, heißt es, könnten so bis zu zehn 500-Megawatt-Kraftwerke jährlich eingespart werden. Motto: Klimaschutz per Energieeinsatz-Effizienz.
Und schon gibt es wieder Streit.
"Das Verbot der Glühbirne ist Unfug, blinder Aktionismus", schimpft etwa Professor Ottmar Edenhofer, Chefökonom des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung und ranghöchster deutscher Wissenschaftler im Weltklimarat. Wir nehmen das zur Kenntnis. Andere würden das Gegenteil sagen. Die Rettung der Welt aus dem Geist der Energiesparlampe. "Nur der Schein ist wirklich rein", sang einst Annette Humpe mit ihrer NDW-Band Ideal ("Deine blauen Augen").
Aber blass soll er sein.
Wer hat also recht? Was tun? Und was lieber lassen?
Aus diesem Dilemma befreit uns niemand.
Offenbar stimmt ja nicht einmal die offizielle CO2-Klimabilanz des Statistischen Bundesamtes: Irgendwo zwischen Import und Export verschwinden Millionen Tonnen Treibhausgase. Andererseits: Es wurde mitgeteilt, dass Deutschland das Klimaziel von Kyoto, die Reduktion um 21 Prozent im Vergleich zu 1990, schon zwei Jahre vor Ablauf der Frist erreicht habe.
Katechismus der Weltklimarettung
Ganz anders übrigens als Japan, Italien, die USA, Kanada, Australien und Spanien, deren Emissionen teils stark gestiegen sind. In Afrika, wo es derzeit weiß Gott ganz andere Probleme gibt – wie in Simbabwe, im Kongo, im Sudan und in Somalia –, ist die Messung von CO2-Emissionen sowieso absolut lückenhaft.
Und: Das turborot-kapitalistische China hat die Vereinigten Staaten als Klimasünder Nummer eins abgelöst. Das wissen auch die fast 10.000 Teilnehmer des Uno-Klimagipfels im polnischen Posen, die eine neue Klimaschutzvereinbarung für die Periode nach 2012 vorbereiten wollen. Dabei ist jetzt schon klar: Der nächste Klimagipfel kommt bestimmt – Ende 2009 in Kopenhagen. Auch nicht zu vergessen: der europäische Klimagipfel mit Angie, Super-Sarko und Co., der just ein paar Ausnahmeregeln in Sachen Klima vereinbarte.
In einem Wort: Das globale Klima-Business läuft heiß, während draußen die Schneeflocken des ungewöhnlich früh einsetzenden Winters fallen.
Die Zukunft aber kennt nur der Wind.
Darüber wundern wir uns allerdings überhaupt nicht.
Schon unsere langjährigen Wohngemeinschaftseerfahrungen haben uns über Eines belehrt: Der gute Wille allein hilft nicht. Im Gegenteil. Das Böse steckt überall. Auch in der selbst bestimmten Putzordnung. Sogar stunden-, ja tage- und wochenlange Debatten, in denen Pläne gemacht und Ziele gesetzt wurden, verpufften am Ende wirkungslos.
Noch schlimmer wurde es, als wir in Gruppen, Fraktionen und Parteisekten zerfielen, die ihrer jeweils eigenen Logik folgten, mit exotischen Abkürzungen (Stamokap! KBW! SALZ Frankfurt!) um sich warfen und Theorien formulierten, die nur noch die fanatischsten Führungskräfte verstanden. Vergleichbares hört man hier und da aus Posen, wo nicht nur die Köpfe rauchen, sondern auch jede Menge Gitanes, Gauloises, Marlboro und Camel.
Will sagen: Der schönen und gewiss von der ganzen Menschheit gewünschten Begrenzung der allseits prognostizierten Klimaerwärmung stehen unzählige, leider völlig unkoordinierte egoistische Interessen entgegen - ob Raucher oder Nichtraucher, ob national oder regional, arm oder reich, ökonomisch oder kulturell, technologisch oder archaisch, global oder lokal.
Apropos "global denken, lokal handeln". Dieser beliebte Lehrsatz aus dem Katechismus der Weltklimarettung birgt zuweilen eine ganz andere Pointe als das Prinzip basisdemokratischer Subsidiarität zum Wohle des Ganzen. Er ist geradezu das Menetekel eines kaum auflösbaren Widerspruchs.
Ein beliebiger spätherbstlich-frühwinterlicher Spaziergang durch Berliner Szeneviertel bietet hierfür reichlich Anschauungsmaterial: Da sitzen sie stundenlang draußen im Dunkel der früh einbrechenden kalten Nacht – glücklich unterm Heizpilz. Immer häufiger handelt es sich auch um intelligente Fortentwicklungen jener unförmigen Heizstrahler, unter denen unsereins als Baby der fünfziger Jahre im Kachelbad gepudert und gewickelt wurde.
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH