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Mohrs Klima-Knigge Glühwein für alle!

2. Teil: CO2 - ich bin dabei!

Heute lagern moderne junge attraktive Menschen in der künstlichen Wärme der Heizsonde, während sie ihre Bionade oder "Latte" löffeln - manchmal sogar im T-Shirt. Es regnet oder schneit, und die Temperatur liegt knapp über null Grad, aber sie bestehen - "die Freiheit nehm' ich mir!" - um beinahe jeden Preis auf ihrem absoluten Lieblingsgefühl: "Draußen sitzen!"

Man fühlt sich ja sonst nicht. CO2 - ich bin dabei!

Das Phänomen scheint schwer zu erklären, aber es muss sich um die Phantasmagorie eines irgendwie mediterranen, rotwein- und olivenölgetränkten Ambientes handeln: Schöner wohnen, schöner leben, schöner fühlen. So wie im vergangenen Sommer am Meer.

Den Rest besorgen E.on, RWE und Vattenfall.

Ohn' Unterlass brennt der Heizpilz für die umsatzträchtige Luxusspießerromantik, und die voluminösen Plastikvorbauten, eine ästhetische Weltverschmutzung sondergleichen, sorgen zusätzlich dafür, dass man dann doch nicht ganz draußen ist, sondern immer auch ein bisschen drinnen. Man will es ja nicht übertreiben mit dem romantischen Abenteuer und sich am Ende noch eine Erkältung holen.

Auch ohne wissenschaftliche Versuchsanordnung und exakte empirische Erhebungen darf man vermuten, dass zumindest die Hälfte der voll klimatisierten Draußenhocker ihr Wahlkreuzchen bei den Grünen, den Linken oder der SPD macht – der politischen Speerspitze der deutschen Klimaretter. Und auch ohne repräsentative Einzelinterviews dürfen wir annehmen, dass viele von ihnen gerne und ausgiebig über die Verlogenheit und Unfähigkeit der Politiker herziehen, über ihre Doppelmoral und ihren unverschämten Egoismus.

Voilà! Plötzlich taucht es wieder auf, das alltagsmoralische Dilemma:

Was soll ich tun, was soll ich lassen? Darf ich unterm Heizpilz hocken und trotzdem Claudia Roth toll finden? Andersherum: Müssen FDP-Wähler draußen bleiben? Und was würde Thorsten Schäfer-Gümbel empfehlen: Ein dickeres Fell zulegen?

Wir empfehlen:

  1. Trinken Sie regelmäßig Glühwein. Das wärmt von innen, und auf dem Weihnachtsmarkt Ihres Vertrauens ist es zehnmal stimmungsvoller als unterm Heizpilz an der Schönhauser Allee.
  2. Gehen Sie häufiger mal früh ins Bett. Draußen ist es sowieso dunkel, das Fernsehprogramm ist niederschmetternd (und frisst Strom!), und Sie haben bestimmt schon lange nicht mehr in Marcel Prousts "A la Recherche du temps perdu" gelesen. Noch dürfen Sie ja die kleine Nachttischlampe mit 40-Watt-Glühbirne anknipsen.
  3. Wenn Sie dann immer noch nicht schlafen können, unternehmen Sie einen kleinen Nachtspaziergang. Vielleicht rieselt dazu leise der Schnee. Genießen Sie die klare Kälte.
  4. Versöhnen Sie ganz persönlich Ökonomie und Ökologie: Kaufen Sie coole Pullover (gegen die Rezession) und ziehen Sie sie zu Hause übereinander an (gegen die Klimaerwärmung). Heizen müssen Sie dann fast gar nicht mehr.
  5. Besorgen Sie sich Kerzen, viele Kerzen. So viele, wie damals in Helmut Dietls Film "Rossini" auf den Tischen des Restaurants standen. Sie spenden Licht, Wärme und Romantik. Sie dürfen dabei bloß nicht an Veronica Ferres' Darstellung der Loreley denken.
  6. Für Entschlossene: Gehen Sie noch einmal über den sensationell illuminierten Kurfürstendamm. Prägen Sie sich alles genau ein. Dann suchen Sie das Hauptstromkabel. Wenn Sie es gekappt haben, fordern Sie die empörten Passanten zur kritischen Diskussion über diese gigantische Energieverschwendung auf. Die Glühbirne in der U-Haft-Zelle schrauben Sie sofort ab.
  7. Wenn Sie nicht genug Mut haben sollten, verwickeln Sie beim nächsten Latte Macchiato im Kiez Ihre Tischnachbarn einfach ins klimakritische Gespräch - im Hinterkopf den Satz von Bertolt Brecht: Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Heizpilze fast ein Verbrechen ist?

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