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16.12.2008
 

Altkanzler Schmidt zum 90.

Der deutsche Herbstmeister

Von Reinhard Mohr

Auf dem Höhepunkt seiner Macht im Deutschen Herbst geißelten ihn Gegner als Technokraten - heute will das Land am liebsten einen wie ihn als Kanzler. Helmut Schmidt, der jetzt 90 wird, ist die rauchende Eminenz der Republik: arrogant, autoritär - und kaltschnäuzig.

Es gibt kein Entkommen. Praktisch niemand kann in diesen Tagen dem gerade noch 89-jährigen Altbundeskanzler entgehen, es sei denn, er würde sich in einer Erdhöhle vergraben. Die öffentliche Präsenz des Kanzlers der letzten sozialliberalen Koalition (1974-1982) übertrifft die des aktuellen sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten, eines gewissen Herrn Steinmeier, um Längen.

Helmut Schmidt als Mensch, Helmut Schmidt als Mann, Helmut Schmidt als Politiker, als Raucher, als Pianist und elder statesman. Last not least: Helmut Schmidt als Ikone der alten westdeutschen Bundesrepublik.

Nicht nur sein Hausblatt "Die Zeit" (samt Jubiläums-DVD), auch der SPIEGEL und alle anderen wichtigen Medien feiern derzeit den Mann, der vor drei Jahrzehnten im Deutschen Herbst auf dem Höhepunkt seiner Regierungsmacht angelangt war. An diesem Dienstag zeigt das ZDF noch einmal eine ausführliche filmische Würdigung seines Lebenswegs, in den kommenden Tagen folgen so gut wie alle anderen relevanten Sender.

Deutschland im Krisenadvent 2008 – ein einziges großes Schmidteinander. Schon seit ein paar Jahren ist Schmidt regelmäßiger und selbstverständlich exklusiver Fernsehgast bei Sandra Maischberger und Reinhold Beckmann.

Technokratisch kalte Politik

Nun ist es nicht selten, dass die Wertschätzung einer prominenten Persönlichkeit mit dem Abstand der Jahre wächst, und eine gewisse sentimentale Verklärung mag dazu kommen. Als der einstige US-Präsident Richard Nixon (1969-1974) im April 1994 starb, weinten auch jene Amerikaner, die "tricky Dick" zeitlebens politisch bekämpft hatten. Denn eines hatten sie mit ihm gemeinsam: Die frühen siebziger Jahre, in denen sie jung und voller Hoffnung gewesen waren, damals, als das Leben noch ein Versprechen war - as time goes by.

Dieser lebensweltlich-biografische Aspekt könnte auch bei der seit einigen Jahren wachsenden Schmidt-o-Mania eine Rolle spielen: Right or wrong, it was our time – es war unsere Zeit.

Wie die "Generation Golf" später mit Helmut Kohl, dem "ewigen Kanzler" aufwuchs, so begleitete Helmut Schmidts kantige Rhetorik mit Seitenscheitel die Generation der 68er und 78er. In ihren Augen war er damals der Inbegriff einer technokratisch kalten Politik zur Durchsetzung bürgerlich-kapitalistischer Interessen. Für die schwärmerischen Utopien der 68er hatte Schmidt so wenig Verständnis wie für die revolutionäre Grammatik, die im mörderischen Treiben der RAF ihre schwarze Apotheose fand.

"Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen", empfahl er der rebellischen Generation, für die er wenig mehr als Verachtung übrig hatte. Im Gegenzug sah ein radikaler Teil der 68er in ihm gar den Wegbereiter, wenn nicht Vollzugsbeamten eines modernisierten "neuen Faschismus". Ein Begriff, durch den Terroristen ihre Scheinlegitimation zu besitzen glaubten.

"Emotionen sind sowieso nie meine starke Seite gewesen"

Auch die Grünen, 1979 gegründet, wären ohne Schmidts hartleibige "Betonlogik" einer konsequenten, teils klirrend vorgetragenen Staatsräson nicht so rasch erfolgreich gewesen.

Gut 30 Jahre später haben sich die gegenseitigen Zerrbilder zu einem guten Stück aufgelöst oder relativiert. Zwar ist Schmidt immer noch kein Fan von Daniel Cohn-Bendit oder Joschka Fischer, aber inzwischen dürfte er eine gewisse historische Berechtigung und Bedeutung der Revolte von 1968 nicht rundum abstreiten.

Immerhin billigt er ja auch den ehemaligen revolutionären Supermächten China und Russland einen beachtlichen Entwicklungsweg zu.

Umgekehrt schauen viele 68er (und 78er), unter ihnen nicht nur die berüchtigten "Renegaten", mit einiger Milde auf den alten Schmidt.

Nicht wenige schätzen jetzt sogar das, was ihnen vor drei Jahrzehnten zum Generalverdacht reichte: Jene kühle, zuweilen kalte Klarheit des Gedankens, der in schneidender, bisweilen arroganter Schärfe vorgetragen wird. "Emotionen sind sowieso nie meine starke Seite gewesen", bekannte Schmidt einmal in einer charakteristischen Selbstbeschreibung.

Allenfalls zweimal in seinem Leben will er Tränen vergossen haben: Im Frühjahr 1945, als er nach den Kriegswirren seine 1942 geheiratete Frau Loki wieder traf; und, inzwischen öffentlich geworden durch Film, Funk und Fernsehen, am Morgen des 18. Oktober 1977 nach der telefonischen Mitteilung seines Emissärs "Ben Wisch", die Passagiere der nach Mogadischu entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" seien glücklich befreit worden.

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Habe heute erst das Gespräch Jauch - Helmut Schmidt - Peer Steinbrück gesehen. Ein Satz bemerkenswert. The elder statesman betonte, Privatier zu sein, seit seinen Zeiten bei der Zeit. - Kein Staatsmann. Wie er denn seinen Satz [...] mehr...

15.12.2010 von Rockaxe: Maischberger

ließ sich doch wunderbar von Herrn Schmidt vorführen. Einer Anne Will wäre es nicht anders ergangen. Außer Fragen von ihren Karten abzulesen sind die beiden Damen doch nicht in der Lage auf aussergewöhnliches zu reagieren. [...] mehr...

15.12.2010 von mea_maxima_culpa: ...

Gestern Abend bei Maischberger: Respekt Herr Schmidt! So viel Geist, wie Sie noch mit 90 Jahren besitzen findet sich im gesamten Bundestag nicht. Klare, kurze und prägnante Antworten. Ausnahmslos fundiert und voller Fachwissen. [...] mehr...

07.01.2009 von Haio Forler: c

Das wird einer der Gründe gewesen sein ... schlimm genug. mehr...

22.12.2008 von womo72: Nationaler Seelentröster

Daß jemand, der von sich sagt, er habe bis Kriegsende (da war Helmut Schmidt 27) nicht mitbekommen, daß Hitler ein Verbrecher ist, daß es "Auschwitz" gab und Dachau und Buchenwald und Bergen-Belsen (so Helmut Schmidt am [...] mehr...

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