Von Reinhard Mohr
Inzwischen freilich schneiden Schmidts Sätze nicht mehr ganz so tief ins Fleisch der Andersdenkenden, und seine Ausführungen, ob zur Wirtschaftskrise, zu Afghanistan oder der europäischen Einigung, formulieren häufig einen Konsens allgemeiner Vernunft, den common sense der Bundesrepublik.
Exakt hier liegt ein zentrales Motiv der neuen deutschen Schmidt-Begeisterung: Der Mann formuliert auch diesen Konsens in einer streitbaren und selbstbewussten Schärfe wie kaum ein anderer Zeitgenosse. Mehr noch: Er sagt einfach, was er denkt, ohne Rücksicht auf irgendeine political correctness. Er spricht es aus, Irrtum eingeschlossen (auch wenn er in seinem jüngsten Buch "Außer Dienst" nur ein paar eigene "Fehler" gefunden haben will in all den Jahrzehnten). Dabei würde er freilich zugestehen: Es ist leichter, Recht zu haben, wenn man kein Amt mehr innehat.
Dennoch, selbst im Vergleich zu anderen emeritierten Exzellenzen und Eminenzen verkörpert Schmidts Rhetorik immer noch die außergewöhnliche Aura einer praktizierenden Erfahrungsweisheit, auch dann noch, wenn sie Offensichtliches ausspricht, Dinge, die auf der Hand zu liegen scheinen. Dabei gewährt er nicht einmal dem deutschen "Wir sind Papst"-Papst Schonung noch Gnade: Der gute Mann habe ja zum Beispiel von Liebesbeziehungen, von Kinderkriegen und Verhütung "gar keine Ahnung".
Allein: Dass selbst der Kaiser, pardon, der Papst zuweilen nackt ist, das sehen auch andere. Der Unterschied: Sie schweigen lieber darüber. Jenes schlichte und gerade deshalb sehr wirksame Prinzip zu sagen, was ist – es fehlt weithin in der politischen Klasse Deutschlands, und dieser schmerzliche Mangel inmitten all der unverbindlichen Talkshow-Geschwätzigkeit ist es, der beinah jeden öffentlichen Auftritt Schmidts zum politischen Kontrastprogramm und damit zum Ereignis macht.
Wir wünschen uns einen wie Schmidt
So ist ziemlich offensichtlich, was den Kern von Helmut Schmidts spätem Ruhm ausmacht: Das, was man früher einmal "geistige Führung" oder "Führungspersönlichkeit" nannte. Gerne auch "Autorität". Orientierung und Wegweisung. Wenn es sein muss: Weltdeutung, Kantisch geerdet und Hamburgisch trocken mit spitzem S ausge-s-prochen. Eine Art innerweltliche Transzendenz gepaart mit einem geradezu kaufmännischen Pragmatismus. Vernunft mit Ausstrahlung und ein Prinzip Hoffnung, das auf Skepsis gegründet ist, freilich als GmbH: Geltung mit beschränkter Haftung. In einem Satz: Kraft und Mut zu Entscheidungen auch in der komplizierten Verhandlungsdemokratie, die immer wieder den Kompromiss erfordert.
Gerade jetzt, in der wohl größten Wirtschaftskrise der vergangenen Jahrzehnte, wünschen sich viele Deutsche einen wie Schmidt, einen, der weiß, wie es geht und es den Menschen auch erklären kann.
Ein bisschen Blut, Schweiß und Tränen, ein bisschen Mut zur Zukunft und dazwischen die eine oder andere Zigarette für die innere Gelassenheit. Die braucht man, um standhaft zu bleiben. Namensvetter Harald Schmidt hat es in seiner letzten Sendung satirisch vorexerziert: Die Weltkrisen ziehen im Sekundentakt vorüber, aber für eine Mentholfluppe muss immer Zeit sein.
Schmidt, also Helmut, würde sagen: Sonst taugt das alles nichts.
Anfang der achtziger Jahre verhöhnte Oskar Lafontaine Schmidts Beharren auf "Sekundärtugenden" wie Fleiß, Ordnung und Disziplin noch mit dem Hinweis, damit könne man "auch ein Konzentrationslager betreiben". Heute wäre man schon froh, wenn Sekundärtugenden wie Zuverlässigkeit und Standhaftigkeit sich mit einer politischen Moral verbänden, an der sich die Mehrheit der Bürger tatsächlich orientieren könnte.
Idealtypischer Vertreter der westdeutschen Bundesrepublik
Dazu gehört allerdings auch eine grundsätzliche Überzeugungskraft im politischen Diskurs, die nicht allein auf rednerischen Fähigkeiten beruht. Gleichwohl: Wer sich, selbst in Ausschnitten, aktuelle Reden von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier zu Gemüte führt, kann schon mal den Glauben an das Ideal des herrschaftsfreien Diskurses verlieren, vom antiken Vorbild der rostra zu schweigen. Ohne Präzision des Ausdrucks, ohne eine prägnant konturierte Mischung aus Leidenschaft und Vernunft, ohne den Mut, die Dinge beim Namen zu nennen, verfehlt die politische Rede ihren Hauptzweck: demokratische Mehrheiten zu gewinnen. Vielleicht sogar: Lust auf Demokratie zu machen - und auf ihre Verteidigung, wenn es darauf ankommt.
Freilich war auch zu Schmidts Amtszeit nicht alles Vernunftgold, was rhetorisch glänzte. Auch ihn holte, im Gefolge der Ölkrise 1973, eine zähe Wirtschaftskrise ein, auch er verhedderte sich manchmal im Klein-Klein der vielfältigen Anforderungen, auch er musste nachgeben, wo er lieber hart geblieben wäre. Nicht zuletzt: Bürgerrechtler werfen ihm bis heute seine weitgehende Ignoranz der osteuropäischen Freiheitsbewegungen wie der tschechischen "Charta 77" und der polnischen "Solidarnosc" vor.
Schmidts Betonung der "Friedenssicherung" im Gegensatz zum Motiv der Freiheit war gewiss auch ein Resultat der Erfahrung als Soldat im Weltkrieg, jener "großen Scheiße", deren Wiederholung um beinah jeden Preis verhindert werden musste. Aus dem Kalten Krieg zwischen West und Ost sollte bei Strafe des Untergangs kein "heißer" werden.
Der Fall der Mauer hat die Gewichte dann wieder zugunsten der Freiheit verschoben. Helmut Schmidt mag daraus im Stillen seine Schlüsse gezogen haben. Am Ende ist er seinen alten Antipoden von 1968 womöglich näher, als er glaubt. Denn auch sie haben ihre Lektionen aus dem windungsreichen Gang der Nachkriegsgeschichte gelernt und treffen sich nun mit dem einst bekämpften "Eisernen Kanzler" in der Mitte der Gesellschaft: Glühendere Verteidiger einer ebenso lebendigen wie selbstkritischen und selbstbewussten Demokratie lassen sich kaum finden.
Helmut Schmidt aber erscheint uns heute, am Vorabend seines neunzigsten Geburtstags, wie der letzte idealtypische Vertreter der "alten", westdeutschen Bundesrepublik – mit Reihenhaus, Kellerbar und eigener Meinung.
Wir gratulieren.
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