Von Nicole Büsing und Heiko Klaas
Verschleierte Frauen spielen Laute, räkeln sich auf dem Diwan oder spazieren am Ufer des Bosporus. Rückwärtsgewandtes Klischee oder Idealbild der türkischen Frau? Nein, es ist Kunst!
Die liebevoll ausgesuchten Postkarten aus den Jahren 1880 bis 1920 stammen aus der Sammlung des türkischen Grafikdesigners Yilmaz Aysan. Sie waren kürzlich in der Gruppenausstellung "If Tomorrow Never Comes" in der jungen Istanbuler Galerie Rodeo zu sehen. Der Name ist gut gewählt. Er erinnert an kreisende Bewegungen, an ein wildes Tier, das gebändigt werden will.
Die Macherin von Rodeo, die junge Griechin Sylvia Kouvali, sitzt an einem großen Schreibtisch hinter ihrem Laptop, vor sich einen Becher Tee und ein paar Mandarinen. Sie hat am renommierten Goldsmith College in London Kunstgeschichte studiert. Irgendwann lud sie ihr Mitbewohner nach Istanbul ein, und die junge Kunstexpertin war sofort begeistert von der Aufbruchstimmung in der Stadt, der ansteckenden Dynamik und dem Lebensgefühl.
Die Stadt drückt aufs Tempo
"Ich hätte irgendeine Galerieassistentin in London werden können oder eben hier in Istanbul mein eigenes Ding machen." Kouvali entschied sich für Letzteres. Sie arbeitete im Team der Istanbul Biennale, einer auch international beachteten Großausstellung mit Künstlern aus aller Welt. Sie zeigte Künstlervideos auf dem Dach des legendären Marmara Hotels am Taksim Square, dem Hauptplatz Istanbuls, wo das markante Konterfei des Staatsgründers Atatürk von jedem zweiten Gebäude herabhängt. Und sie wurde schnell Teil einer brodelnden, jungen Szene in Istanbul, die sich das Thema zeitgenössische Kunst auf die Fahnen geschrieben hat.
Heute nun betreibt Kouvali mit Erfolg ihre Galerie in einer ehemaligen Tabakfabrik am Rande des zentral gelegenen Stadtteils Tophane. Kouvali verkauft an Museen und nimmt an wichtigen Kunstmessen wie der Liste in Basel und der Artissima in Turin teil.
Junge Kunst ist immer noch etwas sehr Exotisches in Istanbul, der für westliche Touristen oft museal wirkenden Stadt am Bosporus, wo Besucherscharen sich zwischen Blauer Moschee, Hagia Sofia, Topkapi und dem Großem Basar hin- und herschieben. Jenseits der ausgetretenen Touristenpfade jedoch tut sich was am Bosporus. Die Stadt drückt aufs Tempo - schließlich wird Istanbul 2010 Europäische Kulturhauptstadt sein.
Auch die großen Privatmuseen versuchen, das Thema westliche Kunst mit Nachdruck zu vermitteln. Im idyllisch am Bosporus gelegenen Sabanci Museum stehen die Istanbuler zur Zeit geduldig Schlange für eine große Salvador-Dalí-Retrospektive - nach einer Picasso-Schau vor zwei Jahren die zweite große Ausstellung überhaupt mit einem Klassiker der westeuropäischen Kunst.
Feministische Avantgarde am Bosporus
Das Museum wird von einer der einflussreichsten Familien der Stadt betrieben. Die Sabancis - ihnen gehört das zweitgrößte Wirtschaftskonglomerat der Türkei - verdienen ihr Geld unter anderem mit Banken, Baustoffen und Energieversorgung. Für ihr philantropisches Engagement sind sie bekannt. Etwas didaktisch, aber dafür sehr ins Detail gehend, wird anhand von mehreren hundert Exponaten die Lebensgeschichte des exzentrischen, spanischen Surrealisten nacherzählt. Weder seine Homosexualität noch seine Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn werden hier ausgespart. Für viele Türken eine Lehrstunde in Sachen westlicher Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Für die Fortgeschrittenen geht es dann weiter ins 2004 eröffnete Privatmuseum Istanbul Modern. Es residiert in einem alten Lagerhaus am Hafen, direkt da, wo die großen Kreuzfahrtschiffe anlegen. Hier läuft zurzeit mit großem Erfolg die Gruppenausstellung "Held Together With Water" mit Werken aus der Unternehmenssammlung des österreichischen Energiekonzerns Verbund. Die widmet sich - ungewöhnlich genug für eine Firmensammlung - der feministischen Avantgarde und anderen künstlerischen Positionen jenseits des leicht konsumierbaren Mainstreams.
Für eine Unternehmenssammlung ist das mutig, für ungeübte Betrachter keine ganz leicht Kost. Viele komplexe und konzeptuelle Arbeiten etwa von Simon Starling, Francis Alys oder Fred Sandback, aber auch feministische Positionen aus den sechziger und siebziger Jahren werden hier gezeigt. Valie Exports berühmtes "Tapp- und Tastkino" von 1968 zum Beispiel. Der Film zeigt Exports legendäre Busengrapsch-Performance auf den Straßen Wiens.
Von Kreuzberg nach Beyoglu
Auch Cindy Shermans inszenierte Schwarzweißporträts im Stil von Film-Standbildern sind in der Ausstellung zu sehen, genauso wie rotzig-freche Fotografien des britischen Bad-Girls Sarah Lucas. Daneben selten gezeigte Arbeiten früh verstorbener Protagonistinnen der feministischen Kunst wie Hannah Wilke oder Birgit Jürgenssen. Im Istanbul Modern sind Entdeckungen zu machen, über die manch konservativ geprägter Macho nur den Kopf schütteln würde. Doch das junge und überaus interessierte Publikum sieht sowieso kaum anders aus als in London oder Berlin.
In der boomenden Millionenstadt Istanbul, die sich gern mit Metropolen wie New York oder Tokio misst, finden heute auch ambitionierte Ausstellung ihr Publikum. Das begeistert jemanden wie Murat Pilevneli, der in der Istiklal Caddesi, der Haupteinkaufsstraße des hippen Stadtteils Beyoglu, im vierten Stock eines hochherrschaftlichen Gebäudes eine gut etablierte Galerie mit dem deutschen Namen "Galerist" betreibt.
Pilevneli ist in Kreuzberg groß geworden, er spricht türkisch, deutsch und englisch fließend - und er beherrscht das internationale Geschäft. Pilevneli nimmt nur noch an den besten Kunstmessen teil: der Art Basel und der Art Basel Miami Beach. Sein Sammler-Klientel hat er sich in der Türkei aufgebaut. "Hier gibt es mittlerweile viele interessante Privatsammler, die sich für zeitgenössische Kunst interessieren und bald ihre eigenen, spektakulären Privatmuseen aufmachen werden", sagt er.
Keine Angst vor der Kunstmarktkrise
Pilevneli verkauft an die Reichen, die Mittelklasse-Sammler und auch an ganz normale Kunstliebhaber, die ihre Neuerwerbungen auch mal in Raten abstottern dürfen. Und er verkauft viel über das Internet. "Manche meiner Sammler habe ich noch nie persönlich getroffen", sagt er. "Die Künstler, mit denen wir seit 2001 arbeiten, haben einen guten Markt in der Türkei. Aber wir versuchen auch internationale Künstler in die Galerie zu bringen."
Das Interesse an Kunst aus der Türkei wird auch außerhalb des Landes zunehmend größer. Für Ende Februar 2009 plant das Auktionshaus Sotheby's die erste Versteigerung mit zeitgenössischer türkischer Kunst. "Sowohl Privatsammler als auch Museen werden jetzt auf die Region aufmerksam", so Ali Can Ertug, bei Sotheby's Spezialist für türkische Kunst.
Saruhan Dogan, einer der wichtigsten türkischen Privatsammler, charakterisiert den Boom so: "Eine ganz neue Generation von Künstlern produziert jetzt ziemlich harte und herausfordernde Arbeiten. Sie stellen Fragen, denen man bei uns jahrzehntelang ausgewichen ist."
"Wir sind noch nicht an dem Punkt, an dem Werke mehrere Millionen Euro kosten", sagt Murat Pilevneli. "Das Interesse an der Türkei bildet sich gerade erst heraus." Insofern lasse man sich in Istanbul auch nicht von der aufziehenden Kunstmarktkrise beeindrucken. "Die Türkei ist, weltweit gesehen, noch unter dem Durchschnitt und versucht hochzukommen. Was in der Welt passiert, wird sich hier nicht auf den Kunstmarkt auswirken."
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