Das Jahr 2009 wird für Deutschland das schwerste Jahr seit dem Krieg. In Berlin regiert die Rezession. Das Vertrauen ist weg. Und schlimmer noch: Das Geld ist es auch. Symptome des kollektiven Verfalls zeigen sich überall: Im Fernsehen wird nur noch gestorben. Ministerin von der Leyen wird irrtümlich aus einer Mülltonne gezogen, und in Amerika herrscht ein Minderheitenpräsident.
Satiriker Fischer: TV-Rezepte und Busenvergleich
Doch wo so viel Schatten dräut, verbirgt sich auch ein wenig Sonne – sind doch schlechte Jahre wie das kommende traditionell gute Satirejahre! Satiriker sind ein bisschen wie Parasiten: Sie ernähren sich von menschlichem Leid; sie wachsen überall da, wo auch Verfall, Unrecht und Korruption blühen. Der ein oder andere hat sie schon mal augenzwinkernd mit Volksschädlingen verglichen.
Junge, Junge, das sind Pläne!
Die Verjüngung in der "Titanic"-Redaktion macht es möglich, mit den Tugenden der neuen Generation – Dummheit, Selbstüberschätzung und Habgier – unsere Zeitschrift auch 2009, im 30. Jahr ihres Bestehens, ganz vorne zu positionieren. Dazu wird "Titanic" einen dreifachen Weg beschreiten:
Grillfrisuren zum Selberbasteln
Sich wandeln heißt auch, auf den Kunden zuzugehen. Wie eine repräsentative Erhebung unter drei Lesern ergab, wird "Titanic" vor allem als "zu brisant", "zu informativ" kritisiert. Unsere Leser möchten gerne weniger Analysen und Enthüllungen, sondern lieber mit weichen Themen "abgeholt" werden: mit TV-Rezepten und Busenvergleich, mit den hundert besten Videorecordern im Test und dreißig Grillfrisuren zum Selberbasteln. Dem kommen wir gerne nach.
Aber auch unsere Leser müssen sich verändern, wenn sie überleben wollen. Mit dem Konzept "Satire 2.0" wollen wir sie von tumben Konsumenten zu tumben Mitproduzenten aufwerten. Unsere Artikel können nun mit Nutzerkommentaren versehen und zwischen Lesern ausgetauscht werden – alles, was sie dazu brauchen, sind ein Kuli und eine Schere.
"Titanic" will aber auch politischer werden. In diesem Jahr haben wir mit der fiktiven Person Thorsten Schäfer-Gümbel erfolgreich unseren eigenen Kandidaten in den hessischen Wahlkampf geschleust. Im nächsten Jahr wollen wir eine Bundestagswahl ausrichten, die ein Kandidat unserer Partei "Die Partei" gewinnen soll.
Getragen von dem Gedanken, dass die Probleme unserer Freizeitgesellschaft nur durch das sture Beharren auf einfache Lösungen und wütenden Aktionismus gelöst werden können, und in dem Willen, auch das Millionenheer der Protestwähler als Stimmvieh abzugreifen, haben wir zudem eine "Verfassungsfeindliche Plattform" (VFP) innerhalb der "Partei" gegründet.
Diese Plattform, die bereits in einer Kleinen Anfrage des Bundestags als harmlose Splittergruppe einer "Spaß-Partei" diffamiert wurde, hat ein einziges Ziel: Sie möchte vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Das hat logistische Gründe – die Dokumentation der "Partei"-Aktivitäten ist nämlich mühsam und zeitraubend. Mit dem Verfassungsschutz steht jedoch ein staatlicher Dienstleister zur Verfügung, der auf Anfrage alle wichtigen Entscheidungen einer "Partei" protokolliert.
Würde und Bürde
Zu diesem Zweck setzt sich die VFP für die Reform des umstrittenen ersten Artikels des Grundgesetzes ein. Zurzeit gilt die Menschenwürde nämlich schrankenlos, ohne Ansehen der Person. Die VFP ist der Ansicht, dass Würde ein zu hohes Gut ist, als dass sie den Menschen einfach nachgeworfen werden sollte. Würde muss man sich verdienen – das hat nicht zuletzt das würdelose Demutsgebaren vieler Politiker im Zuge der Finanzkrise schlagend bestätigt. Die VFP möchte daher einen Bürgertest einführen, in welchem sich jeder volljährige Deutsche als seiner Würde würdig erweisen muss.
Man merkt es gleich: Die Späße werden ernster. Befreit auflachen oder erleichtert abschmunzeln ist von gestern. Nötig wird das kalte, bittere Lachen des vom Leben Enttäuschten, das heisere Keckern von Eigenbrötlern und Sonderlingen.
Wenn wir es schaffen, die Vorurteile dieser ständig wachsenden Zielgruppe zu bedienen, könnte "Titanic" ein strahlend heller Leuchtturm für den bundesdeutschen Journalismus insgesamt werden – ein Leuchtturm, betrieben natürlich mit Energiesparlampen. Der Umwelt zuliebe.
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"Doch wo so viel Schatten dräut, verbirgt sich auch ein wenig Sonne – sind doch schlechte Jahre wie das kommende traditionell gute Satirejahre! Satiriker sind ein bisschen wie Parasiten: Sie ernähren sich von menschlichem [...] mehr...
..... Genau, auch die Satire braucht ihre Authorität-:))) Mal ehrlich, der gemeine Wahnsinn läßt sich doch nur dank und mit einer gehörigen Prise Zynismus ertragen, oder? rabenkrähe mehr...
Allein schon wegen Herrn Goldt ist diese Zeitung lesenswert. Im übrigen sollte es nur Abbonenten gestattet sein Kritik zu üben,alle anderen, ja auch Gelegenheitslesern, steht das einfach nicht zu, basta! mehr...
Als druff, den Oliver musste ja bisher immer nur der Gsella in seine Schranken weisen! mehr...
Selbstverständlich bin auch ich mir zu schade über diese gezwungenen "Späße" zu lachen. Zumal deren Pointen für gewöhnlich nur unzureichend erklärt werden. Mein Vorschlag wäre mit den Methoden eines Hedge Fonds [...] mehr...
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