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30.12.2008
 

CD-Reiseführer

Manifest der Moderne

Von Ingeborg Wiensowski

Mit neuen kunsthistorischen Hörführern werden Rundgänge durch den Kölner Dom oder durch das römische Trier zum Vergnügen. Oder auch in die gebaute Moderne, nämlich durch die Weißenhofsiedlung in Stuttgart.

Sie sind kein Kenner von Architekturgeschichte, interessieren sich aber für Bauhaus und die Siedlungen der Moderne? Oder dafür, warum Trier die "antike Weltstadt an der Mosel" genannt wird? Oder warum der Kölner Dom eine vollkommene Kathedrale und die Vollendung der Gotik ist? Ganze Bibliotheken gibt es darüber, Reiseführer sind eine Lösung, Google manchmal auch. Oder eine geführte Gruppe für jedermann, mit der man immer dort stehen bleiben muss, wo man es gerade nicht so interessant findet.

Neuerdings gibt es eine Alternative: die kunsthistorischen Reiseführer auf CD unter "wissenschaftlicher Begleitung" von Professoren, Kunsthistorikern, Museumsleitern und Philosophen im Verlag Kunst+Reise. Für Reisende mit leichtem Gepäck sind sie gedacht, direkt abspielbar vor Ort, als Information im Ohr.

Man kann sie als Datei auf den MP3-Player runterladen oder auf das Handy spielen. Man kann abschalten, Pause machen, schnell weiterspulen und überspringen, vor- und zurückgehen und alles noch mal kritisch überprüfen – der Chef ist man selbst während einer Besichtigung des Kölner-Dom-Südturms, der Querhäuser oder des Chorumgangs mit den verschiedenen Kapellen.

Oder wenn man sich zum Beispiel die Weißenhofsiedlung in Stuttgart auf dem Killesberg ansieht – "Ein gebautes Manifest der Moderne", wie der kunsthistorische Hörführer die Siedlung nennt.

Hier, also draußen vor den Gebäuden, ist eine Anleitung zu einem Rundgang besonders praktisch, weil man sonst nie genau weiß, wo man am besten mit der Besichtigung beginnt oder wie die Häuser sich eigentlich aufeinander beziehen, denn viele Architekten verschiedener Schulen und stilistischer Auffassungen haben zur gleichen Zeit eben sehr unterschiedliche Gebäude gebaut. Und weil man in die Häuser nicht hinein kann, aber es hilfreich zu wissen ist, wie Gebäudeformen sich auf Innenräume beziehen, wie die Raumaufteilung ist, oder für wen sie eigentlich geplant waren. Und ob sie noch genauso aussehen, wie sie mal aussahen.

Das genau leistet die CD des Kunst+Reise Verlags über die Weißenhofsiedlung in Stuttgart, ein "besonders eindrucksvolles Ensemble moderner Architektur".

Ein bisschen wie Kindergarten hört es sich anfangs an, wenn der Sprecher zur "Vorsicht bei Absperrungen oder Treppen" mahnt, man könne stolpern, weil man "durch intensives Zuhören abgelenkt sein könnte". Das und ein herzliches Willkommen war Kapitel eins.

Dann folgt als Kapitel zwei eine sehr gute historische Beschreibung über die "Entstehung der Weißenhofsiedlung", die man sich schon zu Hause anhören kann.

Geschildert werden die Hintergründe und Zusammenhänge, die 1927 zur Realisierung des Siedlungsprojekts führten. "Wie kam es dazu, dass 17 Architekten 63 Wohnungen in insgesamt 21 Häusern auf dem Stuttgarter Killesberg errichteten, was waren die Motive, und welche Neuerungen führten sie in den Wohnungsbau ein?" Einbezogen in die Erklärung sind nicht nur die architektonischen Entscheidungen, sondern auch die gesellschaftspolitischen Dimensionen der Werkbund-Ausstellung, zu der die Weißenhofsiedlung auf städtischem Gelände als ein Teil dazugehörte. Die prekäre Wohnungsnot zum Beispiel, die Finanzierung der geplanten Wohnungen, die Trennung von Wohnen und Arbeiten, oder die Ernennung der 17 beteiligten Architekten, die in vielen Durchgängen erfolgte. Mies van der Rohe, der sich damals konfrontativ gab und vom "Kampf um die neue Wohnung" als ein Glied "im großen Kampf um die neue Lebensform" sprach, wurde zum künstlerischen Leiter bestimmt.

1927 wurde für die Werkbund-Ausstellung "Die Wohnung" mit dem Plakat "Wie wohnen?" des Künstlers Willi Baumeister geworben. Das Foto eines Interieurs aus dem Jahre 1900 ist auf dem Plakat energisch mit einem dicken roten Kreuz durchgestrichen. Den Besuchern der Ausstellung sollte klar sein, dass hier keine bürgerlichen Wohnphantasie mit orientalischen Teppichen und Saloninventar bedient werden sollte. Hier war die Leitidee das neue Wohnprogramm einer selbst ernannten Moderne – die Abkehr von eklektizistischen Stilzitaten und "eine Neugestaltung der Lebenswirklichkeit des modernen Menschen".

Wie die Weißenhofsiedlung: ein Lehrstück für die Klassische Moderne mit Häusern unterschiedlicher Typen und Funktionen, vom Stahlskelett bis zum traditionellen Mauerwerksbau, vom Einfamilien- bis zum Zeilen- und Reihenhaus, mit Wohnungen für Arbeiter und für Angestellte und sogar für Familien mit Dienstmädchen, gebaut von Architekten, die verschiedenen Richtungen anhingen wie dem Bauhaus, der "de Stijl-Bewegung", dem "International Style" oder der "Organischen Architektur".

In den Kapiteln 3 bis 14 wird der Rundgang ganz praktisch beschrieben. Man beginnt "an der nördlichen Schmalseite an der Einmundung des Bruckmanweges", dort, wo das Mehrfamilienhaus von Ludwig Mies van der Rohe steht.

Nicht nur der Zweck, die Größe und stilistische Details wie Fensterbänder, Querriegel oder Konstruktionen werden erklärt, sondern auch die städtebauliche Lage, der Mies-Bau schließt z.B. als Querriegel "das Siedlungsgefüge nach Westen" ab.

Auch die umgebende, später erfolgte Bebauung wird kurz erwähnt. Meist wird der Architekt zitiert, wie z.B. van der Rohe mit "Form als Ziel ist Formalismus und das lehnen wir ab" oder praktischer mit "beschränkt man sich darauf, lediglich Küche und Bad ihrer Installation wegen als konstante Räume auszubilden, und die übrige Wohnfläche mit verstellbaren Wänden aufzuteilen, so glaube ich, dass mit diesen Mitteln jedem berechtigtem Wohnanspruch gedient werden kann". Die Umsetzung selbst mit den eigens dafür entworfenen Möbeln wird anschaulich geschildert, auch mit kurzen Verweisen auf seine späteren berühmten Bauten.

In den folgenden Kapiteln werden alle Siedlungsbauten besprochen, die "lavendelblauen Häuser" des damals erst 27 Jahre alten Mart Stamm, das Terrassen- und das Mehrfamilienhaus von Peter Behrens, der damals schon sehr erfolg- und einflussreich war und 1926 bereits zur "Vatergeneration des Neuen Bauens" gehörte. Hans Scharouns englisch-rotes Einfamilienhaus mit seiner geschwungenen Fassade wird beschrieben, die sogar die Rundung der Treppe nach außen abbildet, und damit wie eine Haut um die innere Struktur des Hauses gelegt ist. Man geht gut geleitet weiter zum Doppelhaus von Josef Frank mit seinen quer- und hochformatigen Fenstern, den ockerfarbenen Häusern von Stam bis zur Tafel über die zehn durch Krieg oder Abbruch zerstörten Bauten, die durch neue Häuser aus den vierziger und fünfziger Jahren ersetzt wurden – in einer Zeit, als man sich der Bedeutung der Siedlung noch nicht bewusst war. Erst 1958 wurde die Siedlung in die Denkmalliste eingetragen.

72 Minuten lang ist die CD, die schon zu Hause Lust auf eine Besichtigung macht, begleitet wird sie von einen Infoheft mit Grundrissen und Fotos. Die Texte sind von Valerie Hammerbacher, Kunsthistorikerin und Kuratorin am Institut für Auslandsbeziehungen, sowie Anja Krämer, Bauhistorikerin und Leiterin des Weißenhofmuseums, geschrieben.


Hörbuch Dr. Valerie Hammersbacher / Anja Krämer: "Die Weißenhofsiedlung. Ein gebautes Manifest der Moderne". Verlag Kunst+Reise, 2008. 1 CD, Laufzeit 78 Min. DigiPack, 20 Seiten Begleitheft. Sprecher: Michael Mentzel u.a. ISBN 978-3-940825-05-6, 17,50 Euro (als Download).

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