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05.01.2009
 

ZDF-Dreiteiler "Die Rebellin"

Reich ins Heim

Von Christian Buß

Erst wähnt man sich in einem Schicksalsschinken à la Pilcher - doch "Die Rebellin" ist anders. Das Wirtschaftswunderdrama im ZDF mit Alexandra Neldel bricht mit typisch deutscher Aufschwungsseligkeit: Es legt offen, wie geschmeidig mancher noch in der Adenauer-Ära von der Nazi-Zeit profitierte.

Stromausfall? Gibt's nicht.

Die junge Heldin sitzt anno 1949 auf einem zum Generator umfunktionierten Fahrrad und strampelt, damit ein Haufen Vertriebener zur Feier des Tages Schlager auf dem alten Grammophon hören kann. "Flieger, grüß mir die Sonne!", knistert es bescheiden anheimelnd aus dem Apparat.

Wirtschaftswunder-Liebe: Hans (David Rott) und Lena (Alexandra Neldel)
ZDF

Wirtschaftswunder-Liebe: Hans (David Rott) und Lena (Alexandra Neldel)

Soviel hemdsärmliges weibliches Erfindertum passt bestens in jene Art von Dreiteilern, die das ZDF regelmäßig zum Jahresanfang ins Programm hebt. Ob "Die Kirschenkönigin" mit Johanna Wokalek oder "Die Patriarchin" mit Iris Berben – hier werden Emanzipationsgeschichten stets als Unternehmerinnenporträts mit allerlei schicksalhaften Verstrickungen erzählt.

So ist es erst mal auch in "Die Rebellin" mit Alexandra Neldel, einem 7,5 Millionen Euro teuren Wirtschaftswunderpanorama, das den Aufstieg eines halbverwaisten Trümmerkindes zur erfolgreichen Rundfunkunternehmerin beschreibt.

Lena Berkow heißt die (fiktive) Aufsteigerin. Sie ließ schon als Mädchen mit ihrem Vater Papierflieger vom Kirchturm segeln und träumte dabei, sie stünde auf dem Empire State Building. Der New Yorker Wolkenkratzer bleibt Zielvorgabe über die 270 Minuten Sendezeit, aber der Weg in die luftigen Höhen internationaler Ingenieurskunst stellt sich für die technisch versierte und unternehmerisch beschlagene junge Frau äußerst entbehrungsreich und verschlungen dar.

Denn ausgerechnet auf einen Bauernhof in der süddeutschen Provinz hat es sie nach dem Krieg verschlagen. Der Vater, ein Ingenieur, der in den Rundfunklaboren der Nazis arbeitete, ist auf der Flucht vor der Roten Armee verstorben. Doch kurz vor seinem Tod hatte er der Tochter ein Notizbuch mit wertvollen Aufzeichnungen überreicht – und einen Namen: Sattler. Dieser Sattler ist ein Rundfunkindustrieller, dem er ein wichtiges Patent überschrieben haben soll. Die Entlohnung steht immer noch aus.

Da fügt es sich bestens, dass die Sattler-Werke in Fürth liegen, unweit jenes Bauernhofes, auf dem Lena (Alexandra Neldel) mit ihrer Restfamilie untergekommen ist. Obwohl die kranke Mutter (Saskia Vester) umsorgt und die leichtsinnige Schwester (Anna Fischer) beaufsichtigt werden muss, bleibt der Heldin genug Zeit, Kontakt mit den Sattlers aufzunehmen. Bald engagiert der Firmenpatriarch (Friedrich von Thun) sie als Radiotechnikerin, später stellt der charmante Junior (David Rott) ihr nach.

Die Stunde null, eine Illusion

So hat Lena Berkow irgendwann uneingeschränkten Zutritt ins Sattler-Reich – und findet auch jene Dokumente, die beweisen, dass sich der Industrielle an den Erfindungen zu bereichern versuchte, die ihr Vater für sich reklamierte. Im Weinkeller, in dem die Aufzeichnungen zwischen edlen Flaschen versteckt sind, kommt es zum ersten Showdown.

Lug und Betrug im Sattler-Imperium mögen arg fernsehtauglich zugespitzt sein – trotzdem wird die deutsche Nachkriegsgesellschaft in einer bei Fernsehprojekten dieser Größenordnung recht seltenen Komplexität dargestellt. Die Drehbuchautoren Christian Jeltsch und Monika Peetz zeichnen Brüche zwischen Drittem Reich und Adenauer-Deutschland genauso nach wie Kontinuitäten. Die Stunde null ist hier eine Illusion.

Geschickt streuen die Autoren Verweise auf die NS-Zeit, um ihr Wirtschaftswunder-Gesellschaftsbild zu zeichnen. Da ist der Denker- und Technikerkreis der Hakeburg, ein Nazi-Think-Tank, der unter anderem für die Entwicklung eines Einheitsfernsehapparates zuständig war. Er sollte im Hitler-Deutschland das werden, was der Radioeinheitsempfänger unter dem Namen "Volksempfänger" schon war. Im Umfeld dieser Forschungsgruppe ist auch Lena Berkows Vater zu seinen Erfindungen gelangt.

Lügen entlarvt, Identitäten kollabiert

Letztlich streitet die Heldin in ihrem Kampf um die Patentrechte der Sattlerschen Rundfunkgeräte also auch für braunes Technik-Investment. Das gibt der "Rebellin" zuweilen eine recht unbequeme Note. Da müssen Lügen entlarvt werden, Identitätskonstruktionen in sich zusammenfallen, Rechtfertigungsbemühungen qualvoll ins Leere laufen, bevor man zur Wahrheit vordringt.

So gesehen ist es durchaus angemessen, dass Regisseurin Ute Wieland die komplizierte Selbstfindung ihrer Heldin über drei Teile streckt – auch um viele Kapitel deutscher Aufschwungsseligkeit kritisch Revue passieren zu lassen.

Zugegeben, nicht immer sind die Abschnitte elegant miteinander verquickt, und einige der gestelzten Dialoge im Umfeld der Sattler-Dynastie klingen wie aus einer Pilcher-Romanvorlage. Doch was anfänglich als pittoreske Aschenputtelmär aus Trümmerdeutschland daherkommt, erweist sich bei genauer Betrachtung als Studie über die Unmöglichkeit eines lückenlosen Neuanfangs.

Denn so wacker sich die Heldin in der Eingangsszene auch auf dem selbstgebastelten Stromgenerator abmüht – die Vergangenheit lässt sich nicht so einfach abstrampeln.


"Die Rebellin": Montag, Mittwoch und Sonntag, jeweils 20.15 Uhr, ZDF

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